Wie viele Leben lebt dieser Mann? Die Frage drängt sich auf, man kann ihr kaum entrinnen, wenn man sich diese Dokumentation anschaut. Die Frage könnte auch anders lauten: Wie viele Versionen von Donald Stellwag gibt es? Oder weniger pathetisch: Ist er Opfer oder Täter?
„Big Mäck, Gangster und Gold“ heißt die Dokumentation von Fabienne Hurst und Andreas Spinrath, seit einigen Tagen ist sie bei Netflix zu sehen. Big Mäck ist der Spitzname von Donald Stellwag, also jenem Mann, der den berühmtem Ludwigsburger Goldraub vor 13 Jahren eingefädelt haben soll. Es handelt sich um die zweite große Produktion innerhalb weniger Monate, in denen die Ereignisse im Dezember 2009 eine zentrale Rolle spielen.
Im vergangenen Jahr lief Rheingold in den Kinos, der Film von Fatih Akin erzählt mit Schauspielern die Lebensgeschichte von Xatar, dem Gangsterrapper, der den Raub damals mit seinen Komplizen verübt hat und dafür lange im Gefängnis saß. Nun also eine Doku über Stellwag, der im Prozess am Stuttgarter Landgericht von den Goldräubern als Initiator und Hintermann genannt worden war, aber trotzdem nie dafür belangt wurde. Warum nicht? Darauf liefert die Doku eine überraschende Antwort. Keine endgültige Antwort gibt es auf die Frage, die seit dem Raub alle beschäftigt, die je mit diesem Fall zu tun hatten: Wo ist das ganze Gold? Aber es gibt Hinweise.
Rückblende. Am 15. Dezember 2009 rauben fünf Männer bei Ludwigsburg den Transporter eines Nürnberger Goldhändlers aus, die Tat macht bundesweit Schlagzeilen. Die Täter hatten sich als Polizisten verkleidet, den Transporter auf der Autobahn angehalten und die zwei Fahrer überrumpelt. Von der Beute, 120 Kilo Edelmetall im Wert von 1,8 Millionen Euro, fehlt seither jede Spur. Das allein ist spektakulär, und als dann kurze Zeit später Xatar und seine Komplizen, alle aus dem Raum Bonn, verhaftet werden, wächst das Medieninteresse noch einmal deutlich. Der Gangsterrapper, der zum echten Gangster wird – es ist eine gute Story.
Ein knappes Jahr nach der Tat beginnt der Prozess am Stuttgarter Landgericht, ein Mammutverfahren. Fünf Angeklagte, notorisch zerstrittene Verteidiger, am Ende steht ein Deal: Wer gesteht, wird zu maximal acht Jahren Freiheitsstrafe verurteilt – das ist das Angebot der Kammer. Xatar geht darauf ein, die Beweislast ist sowieso erdrückend. Es gab Hinweise aus der Bevölkerung, abgehörte Telefonate, DNA-Spuren. Aber Xatar gesteht nicht nur, er schiebt einen Teil der Schuld auf Donald Stellwag, den Mann im Hintergrund.
Wie kamen Männer aus Bonn in Nordrhein-Westfalen dazu, im baden-württembergischen Ludwigsburg einen Transporter aus Bayern zu überfallen? Wo ist das Bindeglied? Das sei Stellwag gewesen, sagt Xatar vor Gericht. Stellwag handelte mit Uhren, Antiquitäten, Diamanten. Er kannte den Nürnberger Goldhändler und er kannte die Rapper aus Bonn. Auch das Gericht ist am Ende überzeugt, dass die Idee für den Überfall von Stellwag stammt. Dass er die Tat mit vorbereitet und die Täter mit den entscheidenden Informationen versorgt hat.
Stellwag leugnet das, und zuletzt war es still um ihn geworden. Früher, vor dem großen Raub, war er wesentlich redseliger und gelangte zu bundesweiter Prominenz: als Deutschlands bekanntestes Justizopfer.
Lange vor dem Goldraub hatte Stellwag acht Jahre im Gefängnis gesessen. Wegen eines Banküberfalls, den er, wie sich kurz nach seiner Entlassung im Jahr 2001 herausstellte, nicht begangen hatte. Haarsträubende Fehler der Justiz hatten zu der Verurteilung geführt, und Stellwag erzählte seine Geschichte danach allen, die im Fernsehen Rang und Namen hatten: Johannes B. Kerner, Maischberger, Jürgen Fliege. Auch der Netflix-Film räumt diesem Kapitel in Stellwags Leben viel Raum ein, und wenn er in breitem fränkischen Dialekt von seinem verzweifelten Kampf für Gerechtigkeit erzählt, dann muss man Mitleid mit diesem Mann haben. Stellwag ist unzweifelhaft ein Opfer. Entschädigt wurde er für das Fehlurteil mit 24 046 Euro – für acht Jahre, die er unschuldig im Knast saß. „Ich war total enttäuscht“, sagt er.
Vom Justizopfer zum Täter?
Liegt hier die Wurzel, warum Donald Stellwag, der Mann, der im Fernsehen so leidenschaftlich über das ihm widerfahrene Unrecht reden konnte, dann tatsächlich ein krummes Ding drehen wollte – und den Goldraub von Ludwigsburg initiierte? Viele Beteiligte von damals kommen zu Wort, Prozessbeobachter, Anwälte, auch Freunde von Stellwag, aber eine eindeutige Antwort kann und will die Doku nicht geben. Der Zuschauer muss selbst entscheiden, wem er glauben möchte. Wie für Xatar gilt auch für Stellwag: Es ist eine sehr gute Story.
Obwohl ihn die Angeklagten damals schwer belasteten, und obwohl die Ermittler nachgewiesen haben, dass Stellwag kurz vor und nach dem Goldraub mehrfach Kontakt mit den Tätern hatte, musste er sich nicht vor Gericht verantworten. Ein Gutachter hatte ihn für haftunfähig erklärt, weil Stellwag schwer krank und extrem übergewichtig ist. Die Krankheit ist nicht erfunden, das steht fest. Aber reicht das, um einen juristischen Persilschein auszustellen? Schon damals haben Prozessbeobachter Zweifel, und in der Doku erklärt Stellwag nun tatsächlich, wie es dazu kam: Das Gutachten sei quasi eine Art Geschenk gewesen, erzählt er. Der Gutachter habe ihn vor einer weiteren Verurteilung geschützt. Die Diagnose, er sei haftunfähig, sei somit eine versteckte Art der Wiedergutmachung für das einstige Fehlurteil gewesen. So habe sich das abgespielt, sagt Stellwag. „Ich schwöre es bei allem, was mir heilig ist.“
Die Angeklagten belasten Donald Stellwag
Aber war es wirklich so? Selbst die ihm wohlgesonnenen Freunde beschreiben Stellwag als, vorsichtig ausgedrückt, ambivalenten Charakter. Charismatisch sei er, aber eben auch ein Gauner und ein Hochstapler. Betrug, Drogenhandel: Stellwag ist zwar zu Unrecht für den Banküberfall verurteilt worden, hatte da aber bereits einiges auf dem Kerbholz. Das ändert nichts daran, dass er ein Justizopfer ist. Aber es verändert das Gesamtbild und wirft ein Schlaglicht auf die Fernsehsender, in denen Stellwag unkommentiert die Rolle des unbescholtenen Bürgers spielen durfte, der von der gnadenlosen Justiz völlig unverschuldet in den Abgrund gerissen wurde. Dass der Unbescholtene gar nicht so unbescholten ist, hätte die schöne Story wohl ruiniert.
In Wahrheit ist alles komplizierter, weniger Schwarz-weiß, mehr halbseiden und schillernd. In der Doku ist ein Panoptikum von Menschen versammelt, von denen jeder einzelne wohl genug Stoff für einen weiteren Film liefern würde.
Wo also ist das ganze Gold? Wer hat es? Im Prozess sagten die Angeklagten, Stellwag habe es an sich gerissen. Aber nach seiner Freilassung gibt sich Xatar nie viel Mühe, Gerüchte zu zerstreuen, er und seine Männer hätten die Beute selbst eingesackt. Xatar dreht Musikvideos, in denen er auf einem Haufen Goldbarren sitzt. Sein Label heißt Goldmann. Er verkauft sogar Goldmünzen in einem Teleshopping-Kanal. Und 2015 veröffentlicht er eine Autobiografie, in der er offen zugibt, dass er vor Gericht nicht die Wahrheit gesagt hat: „Die Sache mit dem Verbleib des Goldes haben wir so gedribbelt, dass wir es auf den Großen schieben konnten“, heißt es in dem Buch. Der Große – so nennt er Donald Stellwag. An anderer Stelle schreibt er: „Es gab für mich nicht nur eine Wahrheit. Es gab unzählige.“
Zu einer dieser Wahrheiten gehört, dass Xatar vor dem Goldraub ein mäßig bekannter Rapper war. Schlagzeilen hatte er mal produziert, weil er schwer betrunken auf einer Party von Playboy-Chef Hugh Hefner in Kalifornien einem Playboy-Bunny die Nase gebrochen haben soll. Erst nach dem großen Raub machte Xatar Karriere, nicht nur als Musiker. Sein erstes Album nach der Entlassung steigt auf Platz 1 der deutschen Charts. Eines seiner Unternehmen vertreibt Tiefkühlkost, ein anderes Mode und Schmuck. Xatar hat es weit gebracht und ist heute ein erfolgreicher Geschäftsmann.
Und Donald Stellwag? Ist immer noch schwer krank. In der Doku liegt er im Bett, er kann es nicht mehr verlassen, weil die Beine sein Gewicht nicht mehr tragen. In der letzten Szene telefoniert er, mit wem, bleibt unklar. Es geht um eine Lieferung Dom Pérignon, hochpreisigen Champagner, 1000 Flaschen. Allem Anschein nach ist auch er also noch dick im Geschäft.
Big Mäck: Gangster und Gold
Dokumentation
Unser Autor Tim Höhn hat für die Stuttgarter Zeitung intensiv über den Goldraub-Prozess am Stuttgarter Landgericht berichtet. In der Netflix-Doku „Big Mäck: Gangster und Gold“ schildert er seine Eindrücke von damals.