Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ Mehr Suizide an Schulen?

Von Sabine Fischer 

„Tote Mädchen lügen nicht“ erzählt vom Suizid einer Schülerin. Experten befürchten, dass die Serie zur Nachahmung verleiten könnte.

Katherine Langford als Hannah Baker in „Tote Mädchen lügen nicht“ Foto: Key Set - Exclusive
Katherine Langford als Hannah Baker in „Tote Mädchen lügen nicht“ Foto: Key Set - Exclusive

Stuttgart - Als Goethe seinen Werther sterben ließ, nahmen sich unglücklich Verliebte reihenweise das Leben, das zumindest besagt die Legende. Psychologen der National Association of School Psychologists warnen nun vor einem ähnlichen Werther-Effekt: Die Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ könnte zu ähnlichen Nachahmungstaten verleiten.

In dreizehn Folgen rekonstruiert sie den Suizid einer Schülerin und benutzt dafür deren Worte. Bevor Hannah Baker sich umbringt, verschickt sie nämlich einen Schuhkarton voller selbst aufgenommener Kassetten an ihre Mitschüler und erklärt dort, warum sie sterben wollte. Dreizehn Tapes, dreizehn Personen, dreizehn Beschuldigte.

Bereits kurz nach der Veröffentlichung waren die Reaktionen auf das Teenie-Drama weltweit enorm. In den USA schickten Schulen besorgte Briefe an die Eltern ihrer Schüler, internationale Medien warnten vor „Copycat“-Suiziden und durchforsteten die Serie nach potenziellen Triggern, deutsche Youtuber veröffentlichten die Gegeninitiative „13 Reasons Why Not“.

Ein Zeichen gegen die Tabuisierung

Warum das alles? Nun ist „Tote Mädchen lügen nicht“ bei Weitem nicht die er­ste Adoleszenzstory, die sich mit Suizid beschäftigt. Doch lässt die Serie – und das vielleicht deutlicher als thematische Vorgänger – zwei sehr unterschiedliche Interpretationen zu: Die Verantwortlichen, darunter auch der „Spotlight“-Regisseur Tom McCarthy und die Sängerin Selena Gomez, die selbst öffentlich von ihren Angststörungen und Depressionen berichtet, wollten mit der Verfilmung des Erfolgsromans von Jay Asher ein Zeichen gegen die öffentliche Tabuisierung von Teenager-Selbstmorden setzen. Schonungslos lassen sie ihre Zuschauer deshalb beobachten, wie ihre Protagonistin sich inmitten eines scheinbar heilen Vorstadtidylls zugrunde richtet. Hannahs zugespitzter Hochglanz-Suizid wird zum ultimativen Negativbeispiel: Schaut her, das kann passieren, wenn wir nicht hinsehen und aufeinander aufpassen.

Ein Lehrstück moderner Unterhaltungskultur, das längst überfällige Diskussionen über ein zu Unrecht tabuisiertes Thema in Gang setzen sollte, darauf hofften angeblich die Produzenten. Man dürfe nicht vor den „harten Geschichten“ zurückschrecken, erklärt Tom McCarthy im Making-of „Tote Mädchen lügen nicht – die Geschichte dahinter“. Suizid unter Teenagern sei zwar heikel, aber es passiere eben. Nicht darüber zu sprechen, schaffe das Problem nicht aus der Welt.

Die Geschichte, die „Tote Mädchen lügen nicht“ erzählt, enthält eine gesellschaftlichte Botschaft: Suizid darf keine Alternative sein, sonst ergeht es euch wie Hannah. Doch fiktionale Selbstmorde entwickeln oft ihre ganz eigene, alternative Lesart. Und so schlummern auch in „Tote Mädchen lügen nicht“ Dynamiken, die mit der eigentlichen Aussage nicht mehr viel zu tun haben – denn auf entsprechend vor­geprägte Teenager könnte Hannah als Modell gar nicht so unattraktiv wirken.




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