Netzhautablösung Plötzlich vernebelt sich die Sicht

Von Birgitta vom Lehn 

Einer von 20 stark kurzsichtigen Menschen erleidet in seinem Leben eine Netzhautablösung. Dann kommt es darauf an, die ersten Anzeichen richtig zu erkennen – und sofort zum Augenarzt zu gehen.

Von einer Netzhautablösung sind vor allem stark kurzsichtige Menschen betroffen. Foto: dpa
Von einer Netzhautablösung sind vor allem stark kurzsichtige Menschen betroffen. Foto: dpa

Stuttgart - Eine Brille gilt heute als modisches Accessoire. Kurzsichtigkeit hat – zumindest aus optischen Gründen – ihren Schrecken verloren. Dass Kurzsichtigkeit aber nach wie vor gesundheitliche Risiken birgt, ist vielen gar nicht bekannt oder wird gern verdrängt. Das größte drohende Übel ist die Netzhautablösung. Gleich auf beiden Augen hatte es 2007 den amerikanischen Comiczeichner Don Rosa erwischt. Die Krankheit zwang den damals 55-Jährigen in den zeichnerischen Ruhestand. Der griechische Ex-Ministerpräsident Antonis Samaras musste zwei Tage nach seiner Vereidigung ebenfalls wegen einer Netzhautablösung operiert werden. Auch der Esslinger Dezernent Matthias Berg hat kürzlich wegen den Folgen einer beidseitigen Netzhautablösung seinen Schreibtisch räumen müssen.

Die Beispiele zeigen: es handelt sich um eine ernste Erkrankung, deren Folgen nicht immer absehbar sind und die – je nach Job – die bisherige Berufsausübung erschweren oder gar verhindern kann. Eine Netzhautablösung entsteht, wenn der Glaskörper im Laufe der Jahre schrumpft und zu viel Zug auf die Netzhaut ausübt. Der Glaskörper haftet an manchen Stellen dann so fest an der Netzhaut, dass es bei der Schrumpfung zu Netzhauteinrissen kommt. Dadurch kann Flüssigkeit unter die Netzhaut gelangen und diese von ihrer Unterlage ablösen. Kurzsichtige sind besonders gefährdet, weil ihre Netzhaut dünner ist als die anderer Menschen.

Immerhin kann man heute in so gut wie allen Fällen die Netzhaut operativ wieder anlegen und das Sehvermögen retten. „Dazu ist es aber nötig, dass so schnell wie möglich gehandelt wird“, sagt Florian Gekeler, Ärztlicher Direktor der Augenklinik am Stuttgarter Katharinenhospital. „Denn sind es nur Löcher und die Netzhaut hat sich noch nicht abgelöst, kann man sie meist mit einem Laser wieder verschließen und dadurch verhindern, dass sich die Netzhaut ablöst.“ Ist jedoch schon eine Ablösung vorhanden, aber noch nicht weit fortgeschritten, behandeln die Chirurgen sie von außen („Buckelchirurgie“). Das Auge wird dabei mit Silikonbändern eingedellt, die festgenäht werden („Plombe“ oder „Cerclage“).

Das Tückische: Schmerzen hat man keine

Bei einer weiter fortgeschrittenen Ablösung ist heute die sogenannte Vitrektomie – ein etwa zweistündiger Eingriff in Vollnarkose – die gängige Praxis. Dabei entfernen die Operateure den Glaskörper, verschweißen die Netzhaut mit dem Laser und füllen das Auge anschließend mit Gas (falls das Loch oben liegt) oder Silikonöl (falls das Loch unten liegt), um die Netzhaut bis zur Vernarbung der Laserherde an der Unterlage festzuhalten. Das Gas verflüchtigt sich in den kommenden Wochen von selbst, das Öl muss operativ wieder entfernt werden.

Die Vitrektomie erfolgt hierzulande in der Regel stationär, der Patient bleibt etwa drei Tage lang in der Klinik. „In den USA gibt es allerdings heute schon keine Augenklinik mehr mit Betten. Dort wird auch ein solcher Eingriff ambulant gemacht“, berichtet Gekeler. Das findet er allerdings arg riskant, weil der Augeninnendruck anschließend stark ansteigen kann. „In der Klinik wird das kontrolliert, zu Hause nicht“, sagt er. Hinzu kommt ein finanzieller Aspekt: Für den ambulanten Eingriff haben die Kassen noch kein Vergütungsschema entwickelt.

Die Prognose sei heute aber insgesamt relativ gut, betont Gekeler: „Bei 80 Prozent der Patienten erreichen wir mit einer einzigen Operation, dass die Netzhaut wieder dauerhaft anliegt, 18 Prozent benötigen eine zweite OP. Bei zwei Prozent gelingt die OP aber auch nicht.“ Schlimm sei es, wenn Patienten zu lange warten, bevor sie zum Arzt gehen, und die Ablösung schon die Makula, also die Stelle des schärfsten Sehens, erreicht habe. „Das Tückische ist: die Netzhautablösung verursacht keine Schmerzen“, so der Mediziner. Vorboten sind Lichtblitze im Dunkeln, die entstehen, wenn der Glaskörper an der Netzhaut zieht. Sichere Anzeichen sind ein durch Blutzellen verursachter Rußregen und ein Gesichtsfeldausfall, der sich in Form einer Wand oder eines Vorhangs im Blickfeld aufbaut. Dann ist es bereits zu einer Netzhautablösung gekommen, und man sollte schleunigst einen Arzt aufsuchen oder sofort in eine Augenklinik fahren.

Von einer vorbeugenden Behandlung hält Gekeler nicht viel: „Früher hat man das manchmal mit dem Laser gemacht. Aber die Vernarbungsreaktion kann auch überschießen und eine Ablösung der Netzhaut gerade erst bewirken“, warnt er. Allenfalls bei Patienten, die bereits eine Ablösung auf einem Auge erlitten haben, könne man „vielleicht darüber nachdenken“.

Die Zahl der Betroffenen wird steigen

Rein statistisch handelt es sich bei der Netzhautablösung – die immer ein augenärztlicher Notfall ist – aber doch um eine eher seltene Erkrankung. Die Wahrscheinlichkeit, dass es einen trifft, liegt bei eins zu 300. Bei älteren Menschen vervierfacht sich das Risiko jedoch, erst recht nach ein oder zwei Katarakt-Operationen. Hauptgefährdet sind stark Kurzsichtige mit mehr als fünf Dioptrien: Da erwischt es einen von 20 im Laufe seines Lebens.

Da Kurzsichtigkeit auf dem Vormarsch ist und die Menschen zudem immer älter werden, wird auch die Zahl der Netzhaut-Patienten in den nächsten Jahrzehnten stetig steigen. Um der Kurzsichtigkeitsepidemie möglichst effektiv vorzubeugen, empfehlen Experten viel natürliches Licht in der frühen Kindheit. Etliche Studien haben nämlich gezeigt, dass das Risiko einer Kurzsichtigkeit um ein Drittel sinkt, wenn Kinder mehr als zwei Stunden statt weniger als eine Stunde täglich im Freien verbringen.

Der Wunsch nach Aufstieg durch Bildung ist aber gerade in den asiatischen Ländern derart ausgeprägt, dass die Kinder dort ab Schuleintritt so gut wie nicht mehr nach draußen kommen. Auch hierzulande verbringen Kinder und Jugendliche immer mehr Zeit in geschlossenen Räumen wie Kitas und Ganztagsschulen oder hocken zu Hause vor Fernsehen und Computer. Gesundheitsexperten haben deswegen schon Alarm geschlagen. „Man denkt immer, Kurzsichtigkeit sei nicht schlimm, dann trägt man halt eine Brille“, sagt Florian Gekeler. „Es wird aber oft nicht bedacht, dass Kurzsichtigkeit eben auch Auswirkungen bis hin zu schweren Folgekrankheiten wie einer Netzhautablösung haben kann.“

Wer schon eine Ablösung hinter sich hat, braucht sich aber verhaltenstechnisch nicht einzuschränken. Weder Bergsteigen noch Joggen, Tauchen oder Fliegen seien verboten, betont Gekeler. Eine Schonfrist gilt nur, solang noch Gas oder Öl im Auge ist, also in den ersten zwei bis drei Wochen nach der Operation. Was das Lesen betrifft, so gehen die Expertenmeinungen auseinander: Die einen halten es für Gift, andere für harmlos. „Dicke Romane sollte man auf jeden Fall erst mal beiseitelegen und sich stattdessen auf das Notwendige beschränken“, rät Gekeler. Autofahren dürfe man in den ersten drei Monaten nach der OP aber nicht, das sei gesetzlich verboten.