Jessica Chastain, Diane Kruger, Lupita Nyong’o und Penelope Cruz machen in dem Thriller „The 355“ den männlichen Agenten Konkurrenz. Und zeigen: Frauen können alles spielen.

Kultur: Bernd Haasis (ha)

Stuttgart - Die Diskussion schwelt schon lange: Wieso nicht mal weibliche Versionen von Hochrisikoagenten wie James Bond, Ethan Hunt („Mission: Impossible“) oder Jason Bourne? Bei 007 ist die Debatte bereits überhitzt: Eine Jane Bond müsste sich ja sehr weit entfernen von dem aus der Zeit gefallenen Macho, den Ian Fleming 1953 in die Welt gesetzt hat. Also besser eine weibliche Agentenfigur neu erfinden, die weniger fixiert ist auf feminine Reize als in „Drei Engel für Charlie“, sondern eher so, wie es Claire Danes auf sehr spezielle Weise gelungen ist in der Serie „Homeland“ (2011–2020)? Genau das versuchen jetzt die Schauspielerin Jessica Chastain und der Regisseur Simon Kinberg. Die beiden haben den Superheldenfilm „X-Men: Dark Phoenix“ (2018) zusammen gedreht, in dem Chastain die Gestaltwandlerin Vuk spielte. Nun schlüpft sie in die Rolle der eiskalten, schlagkräftigen CIA-Agentin Mace. Die soll mit ihrem Kollegen Nick (Sebastian Stan) ein Hacker-Werkzeug sicherstellen, mit dem Schurken die Weltherrschaft an sich reißen könnten. Der Einsatz verrutscht, und bald findet Mace sich in einem weibliche Viererteam wieder, um die Menschheit zu retten.

Chastain („The Help“, „Die Erfindung der Wahrheit“), auch Produzentin des Films, hat drei Frauen auf Augenhöhe gefunden. Sie selbst war schon als CIA-Analystin zu sehen in „Zero Dark Thirty“ (2013), Kathryn Bigelows Thriller über die Ergreifung Osama Bin Ladens. Diane Kruger („Inglourious Basterds“, „Aus dem Nichts“) hat in der Serie „The Bridge“ (2013/14) eine toughe Grenzpolizistin in El Paso verkörpert und in „Die Agentin“ (2019) eine Mitarbeiterin des israelischen Dienstes Mossad.

In „The 355“ verkörpert sie nahezu ungeschminkt die BND-Agentin Marie, wie Mace eine Frau mit Durchschlagskraft und unbedingtem Willen. Wie die beiden zu Beginn zunächst als Konkurrentinnen aufeinanderprallen, ist eine Wucht. Sie schenken sich nichts, werfen sich Knüppel zwischen die Beine, prügeln sich wie Kerle – welche sich warm anziehen müssen, als die beiden Frauen dann gemeinsame Sache machen. Kruger zeigt eine derartige Entschlossenheit, dass Chastain zwischendurch sichtlich Mühe hat, mitzuhalten.

Lupita Nyong’o („12 Years a Slave“, „Star Wars“), als Elitekriegerin in „Black Panther“ (2018) zu sehen, agiert als ehemalige MI6-Hackerin Khadijah zunächst zurückhaltend, doch auch sie erweist sich bald als explosiv und fackelt nicht lange. Penelope Cruz („Volver“), die Vierte im Bunde, fällt etwas aus dem Rahmen als sehr weibliche kolumbianische Geheimdienstpsychologin Graziela. Sie denkt vor allem an ihre Kinder und entfaltet sich erst allmählich als kluge Mitdenkerin jenseits physischer Gewalt. So ersinnt sie zum Beispiel ein Trickdieb-Kunststück, das die Kolleginnen auf dem marokkanischen Basar durchziehen.

Kinberg hat das Drehbuch mit der Broadway-Autorin Theresa Rebeck geschrieben, aus deren Feder die Musical-Serie „Smash“ (2012/13) stammt.

Der Filmtitel „355“ bezieht sich auf das Pseudonym einer Agentin im US-Unabhängigkeitskrieg, deren genaue Identität unbekannt ist. Der genretypische Plot führt auch nach London und Shanghai, und die Agentinnen können bald niemandem mehr trauen.

Dafür finden sie eine Verbündete in der ominösen Chinesin Li Mi Sheng (Bingbing Fan). Die sondert Sätze über Völkerverständigung ab, wie Parteisprecher sie aufsagen; tatsächlich ist mit Perfect World Pictures ein chinesischer Co-Produzent im Boot. Das Reich der Mitte nützt das Kino gerne dazu, sich im besten Licht zu präsentieren – und Hollywood wird regelmäßig dabei ertappt, sich gegen Geld benutzen zu lassen.

Etwas angekratzt geht „The 355“ also in den beinharten Showdown mit bedrohten Angehörigen (Männer!) und einer wüsten Schießerei, deren Unumgänglichkeit wiederum der US-Waffenlobby gefallen dürfte. Fast wirkt es so, als wollte da jemand mit der Brechstange zeigen, dass Frauen nicht zarter besaitet sind. Klüger würden sie wirken, wenn sie einen Weg gefunden hätten, den maskulinen Gewaltexzess zu umschiffen.

Jessica Chastains Jane-Bond-Experiment mag nicht makellos sein, aber es beweist, was aufgeklärte Geister nie bezweifelt haben: Frauen können jede Hauptrolle spielen – auch eine rennende, rasende, schießende, springende, raufende Agentin.

„The 355“. USA 2021. Regie: Simon Kinberg. Mit Jessica Chastain, Diane Kruger, Lupita Nyong’o, Penelope Cruz. 123 Minuten. Ab 16.

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