InterviewNeubaustrecke Wendlingen-Ulm „Pro Stunde und Richtung sind zwei Züge drin“

Von mil 

Verkehrsexperte Matthias Lieb hält den Betrieb der ICE-Strecke von 2022 an für möglich – vorausgesetzt der S-Bahn-Teil von S 21 ist dann auch fertig. Das erklärt der Landesvorsitzende des Verkehrsclub Deutschland im Interview.

Matthias Lieb plädiert für eine Inbetriebnahme der Neubaustrecke Wendlingen-Ulm auch ohne den Bahnknoten Stuttgart 21. Foto: Achim Zweygarth
Matthias Lieb plädiert für eine Inbetriebnahme der Neubaustrecke Wendlingen-Ulm auch ohne den Bahnknoten Stuttgart 21. Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Mit der Fertigstellung des Boßlertunnels am Freitag nimmt die Neubaustrecke zwischen Wendlingen und Ulm eine entscheidende Hürde. Die Trasse könnte 2022 zur Verfügung stehen – drei Jahre bevor Stuttgart 21 fertig werden soll. Wie die Strecke auch ohne den Stuttgarter Bahnknoten funktionieren könnte, erklärt VCD-Vorsitzender Matthias Lieb im Interview.

Herr Lieb, der Boßlertunnel wird am Freitag als vorletzter Tunnel der Neubaustrecke zwischen Wendlingen und Ulm durchgeschlagen. Welche Bedeutung hat das für das Gesamtvorhaben?
Die Neubaustrecke ist damit auf der Zielgeraden. Das heißt: Dort gibt es nur einen geringen Zeitverzug gegenüber der bisherigen Terminplanung, sodass die Strecke im Jahr 2022 in Betrieb genommen werden kann.
Stuttgart 21 ist dann aber noch nicht fertig. Wie lässt sich die Strecke aus Ihrer Sicht dann nutzen?
Es ist dann trotzdem ein Anschluss bei Wendlingen gegeben. Die dort geplante eingleisige Anbindung für Güterzüge war ja notwendig, um mit den sogenannten Phantomgüterzügen überhaupt die Wirtschaftlichkeit der Strecke nach Ulm herzustellen. Das ist zwar nicht die optimale Anbindung, aber immerhin kann man die Schnellfahrstrecke vor Stuttgart 21 in Betrieb nehmen. Das würde eine Fahrzeitverkürzung von rund zehn Minuten gegenüber heute auf den Verbindungen nach Ulm bedeuten.
Gilt das eher für die Züge des Fern- oder für die des Regionalverkehrs?
Sowohl als auch. Aber wie gesagt ist die Anbindung nur eingleisig, was zu Restriktionen im Fahrplan führt. Das wird schwierig, ist aber nicht unmöglich.
Glauben Sie tatsächlich, dass die Bahn den Aufwand eines Übergangsfahrplans für die Dauer von vielleicht drei Jahren betreibt?
Wir haben ständig Baustellenfahrpläne bundesweit, die auch eigens aufgestellt werden müssen. Es ist beinahe schon eher der Regelfall, den regulären Fahrplan über den Haufen zu schmeißen. Um einen stabilen Fahrplan hinzubekommen, müsste aber ein anderer Teilabschnitt von Stuttgart 21 vorzeitig in Betrieb gehen.
Welcher?
Der Abschnitt der S-Bahn zwischen Bad Cannstatt und Hauptbahnhof, für den die Brücke über den Neckar fast fertig ist. Es fehlen dort noch 1,8 Kilometer Tunnel, das lässt sich relativ schnell schaffen.
Und was brächte das für die Schnellfahrstrecke?
Dann stehen zwischen dem Hauptbahnhof und Bad Cannstatt sechs Gleise statt heute vier zur Verfügung. Das bringt eine klare Trennung zwischen den S-Bahnen sowie zwischen Regional- und Fernverkehr. Das führt zu einer höheren Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit. Wegen der Eingleisigkeit bei Wendlingen müssen die Züge dort pünktlich vorbeikommen, damit der Fahrplan trotz des Engpasses funktioniert.
Wie viel Züge könnten trotz dieses Nadelöhrs pro Stunde die neue Strecke aus Ihrer Sicht nutzen?
Ich hatte 2013 einen Fahrplan mit drei Zügen pro Richtung und Stunde konstruiert. Durch eine geänderte Planung wurde der eingleisige Abschnitt bei Wendlingen länger, sodass heute wohl zwei Züge je Richtung realistisch sind. Das könnte ein ICE sein, der die Strecke ohne Halt fährt, und ein Regionalzug mit Stopp am neuen Bahnhof in Merklingen auf der Schwäbischen Alb. Das alles funktioniert aber nur, wenn ich mir in Bad Cannstatt die Luft schaffe, die eine vorzeitige Inbetriebnahme der S-Bahn mit sich brächte.
Wenn die Bahn zum Schluss kommt, das geht nicht, was muss dann mit der Strecke passieren, während man auf die Fertigstellung von Stuttgart 21 wartet?
Dann muss man sich die Frage stellen, warum es nicht möglich sein soll und was man ändern muss, um es zu ermöglichen.