InterviewNeue ARD-Programmchefin Christine Strobl setzt auf große Serien

Vom  1. Mai an verantwortet die bisherige Degeto-Chefin Christine Strobl das ARD-Programm. Foto: dpa/Laurence Chaperon
Vom 1. Mai an verantwortet die bisherige Degeto-Chefin Christine Strobl das ARD-Programm. Foto: dpa/Laurence Chaperon

Die künftige ARD-Programmdirektorin Christine Strobl will nach dem weltweiten Serienerfolg „Babylon Berlin“ regelmäßig mit solchen Formaten anknüpfen.

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München - Am 1. Mai übernimmt Christine Strobl (49) den Posten der ARD-Programmdirektorin als Nachfolgerin von Volker Herres, der vorzeitig Ende April aufhört. Strobl leitete viele Jahre lang die ARD-Tochter Degeto, die für die Produktion eigener Spielfilme zuständig ist. Künftig verantwortet sie das Programm des Ersten Deutschen Fernsehens sowie die ARD-Mediathek. Im Interview spricht Strobl darüber, wie sie sich die ARD der Zukunft vorstellt, wo sie Luft nach oben sieht und wie sie mit Kritik umgeht.

Frau Strobl, haben Sie zum Jobstart schon eine Liste mit den großen Baustellen gemacht?

Ich habe keine Liste – sowas lege ich mir nur zum Einkaufen an. Das Entscheidende ist: Wir müssen uns klarmachen, dass wir ein Angebot für alle Bevölkerungsgruppen schaffen. Wenn ich auf unsere Analyse schaue und feststelle, dass 70 Prozent unserer TV-Zuschauerinnen und -Zuschauer des klassischen Fernsehprogramms über 50 Jahre alt sind, zeigt es mir, dass wir mit diesem Medium allein im Grunde keine Chance mehr haben, ein Angebot für alle zu machen.

Was folgern Sie daraus?

Dass die ARD-Mediathek genauso gleichberechtigt in unserem Blick sein muss wie das Erste Deutsche Fernsehen, um dem öffentlich-rechtlichen Auftrag, wirklich alle zu erreichen, auch gerecht werden zu können. Das wiederum bedeutet, dass wir einen digitalen Umbau hinbekommen müssen. Mit nicht größer werdenden Mitteln, um es mal vorsichtig zu formulieren.

Wird die ARD in einigen Jahren vor allem ein Streaming-Anbieter sein?

Antwort: Wir wollen da sein, wo unsere Zuschauerinnen und Zuschauer sind. Momentan haben wir die Situation, dass die Mediathek noch überwiegend das Angebot des linearen Fernsehens übernimmt. Es gibt aber schon erste Ansätze mit exklusiven Angeboten. Um die Mediathek entscheidend nach vorne zu bringen, müssen wir regelmäßig Serien, Filme und Dokumentationen anbieten, die konkurrenzfähig sind. Diesen Umbau, den wir vor einem Jahr eingeleitet haben, müssen wir jetzt konsequent fortführen und regelmäßig eigene und originäre Angebote für die Mediathek schaffen. Und gleichzeitig müssen wir unser lineares Flaggschiff deutlich im Profil schärfen, um damit eine Relevanz und Durchschlagskraft zu erzielen.

Die Corona-Pandemie hat es gezeigt, dass die Deutschen „Brennpunkt“- und „ARD extra“-Sondersendungen zu aktuellen Ereignissen gerne sehen und die Erwartung haben, dass diese auch angeboten werden. Andere Medien wie die „Bild“-Zeitung setzt stark auf aktuelle Live-Videos im Netz, sie hat stundenlang live aus dem CDU-Parteivorstand berichtet beim Kampf um die Kanzlerkandidatur. Kann die ARD davon lernen?

Wir müssen nicht von „Bild“ live lernen. Wir sind im Verbund richtig gut. Wir haben mit dem ZDF den gemeinsamen Ereignis- und Dokumentationskanal Phoenix, zudem Tagesschau24 als lineares und digitales Angebot und wir können in der ARD-Mediathek live streamen. Aber in der Tat müssen wir uns hier noch stärker im Verbund verzahnen. Wenn etwas von einer außergewöhnlichen Tragweite passiert, sind wir da. Wir müssen noch präziser darauf achten, dass wir den Menschen, die vielleicht ihre geliebte Serie im Ersten anschauen, sehr schnell sagen: Achtung, es passiert gerade was Wichtiges in der Welt. Sie sollten den klaren Hinweis bekommen, wo sie sich im ARD-Verbund informieren können. Bei einer bestimmten Bedeutung des Ereignisses wünsche ich mir auch, dass wir im Ersten sehr schnell live dabei sind.

Die politische Debatte um die Reform von Struktur und Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist in vollem Gange. Wie würden Sie die ARD beschreiben, die Sie wollen?

Die ARD muss ein echtes Netzwerk werden mit viel Energie, Kraft und Wissen, eine Familie, in der wir uns austauschen und nicht jeder alles machen muss, sondern in der wir Schwerpunkte setzen und vielleicht auch Kompetenzzentren nur an einem Ort schaffen. Wichtig ist, dass regionale Vielfalt nicht heißt, dass wir Dinge doppelt machen, sondern im Miteinander zielgerichtet die gemeinsamen Ausspielwege stärken. Dann haben wir als Netzwerk des Austausches, des Miteinanders, eine große Chance, eine starke Einheit zu sein. Dieses Netzwerk muss aber im Miteinander funktionieren und nicht im Konkurrenzkampf. Die ARD sollte sich zu einem attraktiven und relevanten Inhalte-Netzwerk entwickeln. Das große Ziel ist: ein Angebot für alle – und zwar jeweils da, wo die Nutzerinnen und Nutzer es wollen.

Die direkte TV-Konkurrenz ist das ZDF, das seit Jahren bessere TV-Quoten hat im Jahresvergleich. Wie sehen Sie diese Konkurrenz?

Das ist eine Diskussion, die für mich ein stückweit rückwärtsgewandt ist. Mich bedrückt am meisten, dass wir für eine Bevölkerungsgruppe, der alleine aufgrund der Altersstruktur die Zukunft gehört, zu wenig relevant sind. Deswegen ist mein Hauptaugenmerk nicht so sehr der Konkurrenzkampf mit dem ZDF, mit geht es darum, die ganze Bevölkerung zu erreichen. Entscheidend ist für mich, dass wir als öffentlich-rechtlicher Senderverbund Programm für alle bieten. Da ist unsere Mediathek jetzt auf einem sehr guten Weg, aber wir sind halt ein bisschen später gestartet und die föderale Aufstellung hat in dieser Frage nicht immer geholfen. Das aber muss gelingen, sonst werden uns die Menschen in ein paar Jahren nicht mehr auf dem Schirm haben.

Um welches Format beneiden Sie die TV-Konkurrenz? Die ZDF-Satire-Show von Jan Böhmermann?

Das wäre mir zu einfach. Wir haben und finden eigene Antworten und Protagonisten. Aber es ist ein gutes Stichwort: Diese Berühmte-Köpfe-Strategie wird etwas sein, das wir insbesondere mit Blick auf die ARD-Mediathek stärker in Angriff nehmen sollten. Warum haben so viele Menschen vor der US-Präsidentenwahl die Dokumentation von „Tagesthemen“-Moderator Ingo Zamperoni über seine deutsch-amerikanische Familie in den USA verfolgt? Weil er als Person einen emotionalen Zugang zu diesem Thema gefunden hat, der einen persönlichen Blickwinkel ermöglicht. Vielleicht müssen wir auch mal bei der Konkurrenz schauen, mir ist es aber immer lieber, wenn wir die Köpfe selbst aufbauen.

Die in den 1920er Jahren spielende Serie „Babylon Berlin“ war ein weltweiter Erfolg – wie viele Flaggschiff-Produktionen wird es im Ersten künftig geben?

„Babylon Berlin“ war der erste Schritt hin zu international konkurrenzfähigen Serien-Projekten. Ich glaube, dass wir regelmäßig diese Art von Programmen brauchen. „Babylon Berlin“ hat uns sehr geholfen für künftige internationale Finanzierungen. Wenn Sie sagen: „Wir haben ‚Babylon Berlin‘ gemacht“, dann hört Ihnen jemand in der Welt zu. Wir werden es nicht aus Deutschland heraus schaffen, große Serien alleine zu finanzieren. Ich glaube, wir brauchen ein bis zwei Formate dieser Größenordnung pro Jahr.

Haben Sie als Degeto-Chefin schon einmal ein Drehbuch zu einem Projekt abgelehnt, das Sie dann beim ZDF oder bei RTL gesehen haben?

Klar gibt es Bücher, die hat man gelesen und nicht gesehen hat, was in ihnen steckt. Und dann sieht man die Verfilmung in einem anderen Programm ...

Verraten Sie uns eines?

Auf gar keinen Fall! Bei der Degeto haben wir ungefähr 1500 Stoffvorschläge im Jahr, davon können wir rund 100 realisieren.

Es gibt in der Gesellschaft Misstrauens-Reflexe – Sie selbst sind Opfer davon geworden in sozialen Netzwerken, als Sie zur ARD-Programmdirektorin berufen wurden. Da wird dann darauf verwiesen, dass der CDU-Politiker und Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble Ihr Vater und CDU-Vize Thomas Strobl Ihr Ehemann ist. Und dass Sie ein CDU-Parteibuch haben. Was antworten Sie solchen Kritikern?

Mir tut es immer ein bisschen leid, dass meine Mutter dabei unterschlagen wird. (lacht) Sie ist für mich eine sehr entscheidende Persönlichkeit in meinem Leben. Aber im Ernst: Jeder von uns hat eine private Haltung und hat das Recht auf Verwandtschaft. Das hat mit meinem Job nichts zu tun und darf auch nichts damit zu tun haben. Ich gehe meiner Aufgabe in der jeweiligen Funktion nach unabhängig von meiner Verwandtschaft und auch politischen Haltung. Ich habe aber kein Problem damit, wenn ich danach gefragt werde. Ich bin da sehr für Transparenz, denn es darf nicht einmal der Schein entstehen, dass das eine mit dem anderen etwas zu tun hat.

Juckt es Sie in den Fingern, den Kampf in der Union der letzten Wochen um die Kanzlerkandidatur zu verfilmen und wenn ja, mit wem in den Hauptrollen? Kann Matthias Brandt Markus Söder?

Ich habe mir in der Fiktion angewöhnt, Stoffe erst einmal ein bisschen abhängen zu lassen, bevor man sich ihnen widmet. Für das fiktionale Erzählen ist es immer ganz gut, ein paar Jahrzehnte vergehen zu lassen. Dann kann man die Dinge wirklich besser beurteilen. Fragen Sie mich in 30 Jahren noch einmal.

Zur Person

Christine Strobl wurde 1971 als Tochter des Politikers Wolfgang Schäuble (CDU) und der Volkswirtin Ingeborg Schäuble (geb. Hensle) geboren. Sie hat drei jüngere Geschwister. Ende der 1980er Jahre trat sie in die Junge Union (JU) ein. Sie studierte Jura und ist seit 1996 mit dem CDU-Politiker Thomas Strobl verheiratet. Die ARD-Gemeinschaft kennt sie schon lange: 1999 kam sie als Trainee zum Südwestrundfunk, 2007 übernahm sie die Leitung der Fernsehabteilung Kinder- und Familienprogramm. Von 2011 an leitete Strobl die Hauptabteilung Film- und Familienprogramm beim SWR, 2012 wurde sie Geschäftsführerin der ARD-Tochter Degeto Film. Als ARD-Programmdirektorin sitzt sie der neu geschaffenen Videoprogrammkonferenz vor, die für die linearen und nonlinearen Videoangebote zuständig ist.




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