Neue Aufsichtsratschefin beim VfB Stuttgart Tanja Gönner ante portas

Als VfB-Aufsichtsratschefin gewinnt die ehemalige CDU-Landesministerin Tanja Gönner wieder Präsenz im Land. Viele kennen sie aus dem Kampf um Stuttgart 21. Foto: /Chris Emil Janßen

Die frühere Landesministerin und Getreue des Ex-Ministerpräsidenten Stefan Mappus (CDU) wird als neue VfB-Aufsichtsratschefin in Stuttgart wieder sichtbar. Nicht alle freuen sich.

Länger als ein Jahrzehnt ist es her, dass Tanja Gönner aus dem Stuttgarter Talkessel verschwand – geteert und gefedert wie in einem Lucky-Luke-Westerncomic, in dem am Ende die Bösen geschlagen und mit grimmiger Miene entfliehen. Jetzt ist die CDU-Politikerin wieder da. Gut, sie hatte schon im Herbst 2022 im Aufsichtsrat des VfB Stuttgart Platz genommen. Doch mitgekriegt haben das nur die echten Fußballfreaks. Mit der Wahl zur Aufsichtsratsvorsitzenden aber setzt die 53-jährige Juristin Fantasien und Emotionen frei, die aus alten Verletzungen herrühren. „Muss es unbedingt Gönner sein?“ So hebt ein Tweet im digitalen Netz an. „Ich kann die leiden wie Zahnweh.“ Der Aufstieg Gönners an die Spitze des VfB-Aufsichtsrats wird als Sieg der Investoren aus der Wirtschaft über die Fanbasis des Vereins wahrgenommen. Die Frau polarisiert. Immer noch.

 

Die Grünen suchen ebenfalls die Nähe zum VfB Stuttgart

Manch einer fühlt sich an Gerhard Mayer-Vorfelder erinnert, den CDU-Haudegen, der im Land als sehr konservativer und deshalb sehr umstrittener Kultusminister amtierte; später dann als Finanzminister. Seine Prominenz aber verdankte er seiner langjährigen Tätigkeit als VfB-Präsident (1975 bis 2000) und als DFB-Chef (2001 bis 2006). Profiverträge wurden bisweilen in Mayer-Vorfelders Ministerbüro im Neuen Schloss unterschrieben. „MV“ verschaffte der CDU in seiner Person Sichtbarkeit im politischen Vorfeld Sport, hier: Fußball. Für seine Partei war der manchmal schneidige, manchmal gemütvolle Fußballfreund ein Glücksfall. Da konnten treue VfB-Fans wie der SPD-Abgeordnete und Staatssekretär Peter Hofelich noch so regelmäßig ins Stadion pilgern; nur wenige bekamen das mit. In jüngerer Zeit versuchen die Grünen, im VfB-Umfeld Aufmerksamkeit und Zuspruch zu gewinnen. Cem Özdemir findet oft ins Stadion am Neckar, dessen Name fast häufiger wechselt, als dass es regnet. Der Grünen-Politiker wurde auch schon als VfB-Präsident gehandelt. Ministerpräsident Winfried Kretschmann spart ebenso wenig mit Bekenntnissen zum VfB.

„In der Landespolitik sehe ich sie nicht“

Ob Tanja Gönner an das Beispiel Mayer-Vorfelders anknüpfen kann, erscheint fraglich. Wenn man sie fragt, dann antwortet sie, dies wolle sie auch gar nicht. „Es geht nicht um Parteipolitik. Das ist Tanja Gönner, wie sie hier steht mit ihrer Begeisterung für den Fußball und mit ihrem Hang dazu, nach Lösungen zu suchen.“ Sie sieht ihre Rolle im Aufsichtsrat als Moderatorin und Vorbereiterin für Entscheidungen sowie der Beratung des Vorstandes. Ihr Vorgänger Claus Vogt bleibt zumindest vorläufig noch VfB-Präsident. Verschnupfte Vereinsmitglieder, die eine Niederlage von „Kurve gegen Kapital“ beklagen, machen ihrem Frust jetzt auf digitalen Wegen Luft.

Auch aus der CDU kommen verhaltene Signale. „Was sie da geritten hat, weiß ich wirklich auch nicht“, sagt ein Christdemokrat mit der Lizenz zum Strippenziehen. „In der Landespolitik sehe ich sie nicht.“ Dort huldigen die Christdemokraten bereits einem neuen, jungen Gott: Manuel Hagel, der den Vorsitz der Landespartei und der Landtagsfraktion in sich vereint hat. Götter aber dulden zumeist keine anderen Götter – oder Göttinnen – neben sich. Als eifrige Bibelleser wissen das die Christdemokraten.

Manche sahen in ihr den Kopf der Regierung und Mappus als ihr Instrument

Dabei handelt sich bei Tanja Gönner unzweifelhaft um einen Vollprofi im politischen Geschäft: eine Powerfrau mit Ehrgeiz und Willen zur Sachkenntnis. Auch ihr aktueller Hauptberuf als Hauptgeschäftsführerin der Deutschen Industrie spielt – mit Sicherheit üppig dotiert – im Zentrum der Macht, wenngleich sie mit dem wenig dekorativen Brandmal einer Lobbyistin versehen ist. Die zehn Jahre zuvor bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit konnte man als Abklingbecken nach dem turbulenten Kampf um Stuttgart 21 verstehen. In Sigmaringen an der Donau 1969 geboren und politisch früh in der Jungen Union sozialisiert, brachte es Gönner im Streit über den Tiefbahnhof zu bundesweiter Bekanntheit. Sie fungierte im Kabinett von Stefan Mappus (CDU) als Umwelt- und Verkehrsministerin. Manche in der Partei sahen in ihr den Kopf der Regierung und Mappus als ihr Instrument. Dieser Befund fällt vielleicht etwas deftig aus, jedenfalls bildeten die beiden die Machtachse in der Regierung und Gönner galt als Hoffnungsträgerin der CDU. Gönner, das soll nicht vergessen werden, führte mit dem Wärmegesetz 2008 die Ökopflicht für Heizungen in Neubauten ein. Das Land übernahm eine bundesweite Vorreiterrolle.

Sie ist und war auch seinerzeit schon gut vernetzt – und zählte anders als der damalige Ministerpräsident Mappus zum Merkel-Lager in der CDU. Dazu gehörte die enge Verbindung zu der Merkel-Vertrauten Hildegard Müller, heute Präsidentin des Verbands der Autoindustrie. Aber auch die frühere Kultusministerin und Ex-Bundesbildungsministerin Annette Schavan ist zu nennen, dazu Volker Kauder, der für Merkel die Mehrheiten in der Bundestagsfraktion organisierte. Wer solche Freunde hat, muss sich um sein Auskommen nicht sorgen.

Gönner galt als Kraft bei der Spaltung der Landespartei

Als maßgebliche Akteurin bei Stuttgart 21 wurde Gönner zur Projektionsfläche für die Wut der Bahnhofsgegner. Phasenweise schlug ihr auch blanker Hass entgegen. Mühsam mussten ihre Berater und die Polizei Gönner davon abbringen, durch den ihrem Ministerium nahe gelegenen Schlosspark zu gehen – zu gefährlich. Sie wusste mit den Anfeindungen umzugehen, womit sie sich in der CDU für höhere Aufgaben zu qualifizieren hoffte. „Ich halte sie für hochintelligent und bienenfleißig“, urteilte in dieser Zeit ein CDU-Insider. Sie habe allerdings einen Fehler: „Sie labt sich an den Niederlagen ihrer Gegner.“ Solches war häufiger zu hören, wenn man nach Tanja Gönner fragte: Kompetent sei sie, aber auch unduldsam und ziemlich autoritär. Es gab Christdemokraten, die Angst vor ihr hatten. Darin lag ein wichtiger Grund, weshalb Gönner nach der Landtagswahl 2011 und der Niederlage der CDU vergeblich versuchte, den Fraktionsvorsitz zu erringen und diesen mit der Führung des Landesverbandes zu verbinden. Fraktionschef wurde Peter Hauk, heute Agrarminister, den Landesvorsitz errang Thomas Strobl. Sie galt als Kraft bei der Spaltung der Landespartei. Verbittert zog Gönner von dannen.

Die „VfB-Kabalen“, meint ein Christdemokrat, „bergen viele Gefahren“

Seit der innerparteilichen Machtübernahme durch Manuel Hagel gilt der Graben als überbrückt, wenn nicht aufgefüllt. Schon dieser Umstand spricht dagegen, dass Gönner in Stuttgart versucht, auch politisch wieder Fuß zu fassen. Solche Absichten weist sie strikt von sich. „Ich habe keinerlei Interesse, in die Landespolitik zurückzukehren“, sagte sie unserer Zeitung. Manuel Hagel muss sich demnach keine Sorgen machen. „Er bekommt von mir jede Unterstützung, die er braucht und möchte.“ Nein, es sei wirklich die Leidenschaft für den Fußball, die sie treibe. „Hansi Müller war das Idol meiner Jugend“, schwärmt sie. „Ich freue mich jedes Mal, wenn ich ihn sehe.“ Vereinschefin war sie übrigens auch schon: bei den Bundesliga-Volleyballern aus Bad Saulgau.

Der VfB gehört allerdings zu den Dickschiffen in der Fußball-Bundesliga. Das Terrain ist vermint. Aus CDU-Sicht hat die Partei mit der Personalie weiter Boden gutgemacht bei der Rückeroberung des öffentlichen Raums – allerdings nur, wenn das neue Abenteuer erfreulicher endet als damals im Schlossgarten. Die „VfB-Kabalen“, meint ein Christdemokrat, „bergen viele Gefahren“.

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