Neue Ausstellung im Webereimuseum Handgewebtes war einst „made in Sindelfingen“

Illja Widmann (links) und Ursula Ebel vor dem Jacquardwebstuhl im Webereimuseum Sindelfingen. Foto: Eibner-Pressefoto/Dennis Duddek

Sindelfingen war vor allem im 19. Jahrhundert Hochburg der Stoffherstellung. In einer neuen Ausstellung spannt das Webereimuseum den Bogen von damals in die Welt der Textilien von heute. Dabei spielen auch Verschwendung und Nachhaltigkeit eine Rolle.

Böblingen: Martin Dudenhöffer (dud)

Bei Sindelfingen denken die meisten Menschen vermutlich an die Autoindustrie – an den Produktionsstandort eines großen Konzerns, der Arbeitsplätze und damit auch Wohlstand in die Stadt gebracht hat. Das, was seit Jahrzehnten die Automobilindustrie ist, war vor 130 und mehr Jahren die Textilbranche. Im späten 19. Jahrhundert galt Sindelfingen als Mekka der Stoffproduktion. Etwa die Hälfte der Stadtbevölkerung war in der Webereibranche oder ihren Zuliefererbetrieben beschäftigt.

 

Damals wie heute stand das Endprodukt für Qualität. Während jetzt Luxusautos vom Band rollen, spann und webte man in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert in Sindelfingen edle Stoffe: Korsetts, Handtücher, Tischdecken oder Bettwäsche. Alles Textilien, die man täglich nutzte und die der gemeine Sindelfinger nicht einfach in einer Boutique um die Ecke kaufen konnte. Nicht selten begleiteten die Stoffe ein Leben lang. „Made in Sindelfingen“ konnte als Gütesiegel für Stoffe verstanden werden.

Stoffe waren aus den Haushalten nicht wegzudenken

Ein Beispiel dafür ist das Original-Unterhemd einer Frau namens Katherine Kilper. Das Kleidungsstück mit den typischerweise aufgestickten Initialen hängt im Sindelfinger Webereimuseum. Das Hemd, so die Leiterin des Weberei- und Stadtmuseums Illja Widmann, wurde von Nachfahren der Dame, über deren Vita nichts weiter bekannt ist, aus Maichingen bereitgestellt. Immer wieder bieten Menschen alte Textilwaren wie Betttücher, die sie bei Wohnungsauflösungen gefunden haben, dem Museum an.

Im Webereimuseum, das auch eine weit über die Stadtgrenzen bekannte Webschule beherbergte, hängen aber nicht nur historische Kleidungsstücke, sondern auch das Gerät, das die feinen Zwirne überhaupt möglich gemacht hat: der Jacquardwebstuhl. Mithilfe des imposanten hölzernen Konstrukts konnten qualitativ hochwertige Stoffe gewebt werden. „Erst waren es einfache, dann aber wurden durch die Technik, die durch das Lochkartenprinzip als Vorläufer für Computer gilt, auch edlere Textilien geschaffen“, erläutert Ursula Ebel, Museumspädagogin und Webmeisterin. Diese landeten nicht nur in den Haushalten vieler Sindelfinger, sondern wurden auch in die USA exportiert.

Neue Ausstellung erzählt das „Leben“ der Textilien

Vom 11. November bis zum 26. März 2023 erzählt das Webereimuseum nicht nur die alljährlich zu entdeckenden Geschichten, als Teil einer Wanderausstellung („Garne, Stoffe, Waren – vom Wert des Textilen“) mit fünf weiteren Städten in Württemberg wird der Blick erweitert ins 21. Jahrhundert. Denn auch heute sind wir täglich umgeben von Stoffen. Anders als früher sei der Wert der Textilien im Laufe der Jahrzehnte gesunken. Verantwortlich dafür ist die Abwanderung der Textilindustrie in Länder, in denen Umweltstandards sowie Arbeitsrechte kaum vorhanden, Löhne gering sind und in Massen billig produziert wird. „Durch die Ausstellung soll das ‚Leben’ der Textilien, von der Faser bis zum Kleidungsstück, nachvollziehbar werden. Wir fragen uns, welchen Wert hatten Textilien früher, welche Ideen gibt es heute und welche für die Zukunft“, so Widmann.

Trotz der schieren Massen an Kleidung, die in der heutigen Zeit schnell aufs Abstellgleis geraten und Unmengen an Ressourcen verschwenden und Müll verursachen, gibt es auch Hoffnung. Anknüpfend an alte Zeiten, in denen Kleidungsstücke aufgrund ihrer Herstellung und ihrer Langlebigkeit wirklich das Label „nachhaltig“ verdienten, will die Ausstellung darauf hinweisen, dass es Tendenzen in Richtung größerer Wertschätzung gibt: „Nachhaltig und fair gehandelte Textilien mit entsprechenden Siegeln gibt es viele. Auch darüber werden wir in der Ausstellung informieren“, sagt Illja Widmann.

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