Neue Ausstellungsreihe „Utopœsie“ in Backnang Zeitgenössische Kunst im alten Grubenhaus

Bildhauer Norbert Kempf rückt eine seiner Marmorskulpturen ins rechte Licht.Foto: Julian Rettig Foto:  

Ein Künstlertrio startet in Backnang eine neue Ausstellungsreihe und lässt Kunst in besonderem Kontext entstehen – im Grubenhaus einer ehemaligen Lederfabrik.

Rems-Murr: Chris Lederer (cl)

Von einem klassischen Würfelbau, in dem an weiß getünchten Wänden Gemälde und Fotografien hängen, ist das Gebäude an der Fabrikstraße 76i so weit entfernt wie die Murr vom Meer. Das ehemalige Grubenhaus, in dem jahrzehntelang Leder gegerbt wurden, das ab den 1980ern als Büro diente und in dem seit rund einem Jahr vornehmlich Schauspieler und Musiker proben, hat auf den ersten Blick so gar nichts von einem Ausstellungsraum. Umso besser sagen sich drei Backnanger Kunstschaffende, die sich diese Stätte als Spielort für ihre neue Ausstellungsreihe „Utopœsie“ ausgesucht haben. Genau an solchen Orten wollen Barbara Kastin, Fabian Baur und Norbert Kempf ab kommendem Freitag ihre Vorstellungen Wirklichkeit werden lassen.

 

Temporärer Gesamtkunstort

„Unser Ansatz für diese neue Kunstreihe ist es, mit dem jeweiligen Raum, der uns vorübergehend zur Verfügung gestellt wird, zu arbeiten und ihn zu einem temporären Gesamtkunstort zu verdichten“, erklärt Norbert Kempf das Konzept. „Wir wollen dabei die Historie, die Architektur und die Menschen, die diesen Raum nutzen, dabei mit einbeziehen.“

Im Fall des einstigen Grubenhauses, das 1930 gebaut wurde, liegt ein Schwerpunkt auf dessen Geschichte: In dem 68 Meter langen und 17 Meter breiten Gebäude wurden über Jahrzehnte rohe Tierhäute zu Leder verarbeitet. Seitenfenster gab es keine, das Licht drang nur über Kuppelfenster im Dach ein. Darunter wurde hart gearbeitet. „Es gab hier 144 massive Betongruben. Jede 2,20 Meter mal zwei Meter groß und 2,30 Meter tief“, erklärt Norbert Kempf. In den 1980er Jahren, nach der Schließung des Betriebes, seien sie zugeschüttet und der Bau als Büro genutzt worden. „Am liebsten hätten wir eine der Gruben wieder aufgegraben, aber das geht freilich nicht.“ Sichtbar gemacht wird dieser Teil der Historie auf künstlerische Weise.

Eigene Kunstwerke und andere Objekte

Für ihre Ausstellung nutzen die drei Künstler knapp 100 Quadratmeter, Teile des Bühnenaufbaus und mit schwarzem Molton bespannte Trennwände. In sechs Zonen eingeteilt, gibt es knapp zwei Dutzend beleuchtete Positionen. Zu sehen sein werden verschiedene Arbeiten der drei Künstler: Installationen, Skulpturen und Objekte. Auch Fundstücke, die Barbara Kastin in den vergangenen Jahren auf dem Gelände zusammengetragen hat, als sie auf dem Kaess-Areal ein temporäres Atelier eingerichtet hatte, um vor allem zu malen und zu fotografieren.

Zudem haben sich die Ausstellungsmacher in die Tiefen des Archivs des hiesigen Technikmuseums begeben und von dort diverse Exponate ans Licht geholt, die ins Konzept des Grubenhauses passen und ins rechte Licht gerückt werden. Zum Beispiel ein altes Krispelholz: ein schweres Werkzeug, das einem Schreinerhobel ähnelt und dessen untere Fläche gewölbt ist und etwa mit Holz- oder Zinkzähnen besetzt beziehungsweise mit Kerben versehen ist. „Die Arbeiter in den Gerbereien nutzten derartige Geräte früher, um dem Oberleder eine ganz bestimmte Struktur zu verleihen oder es geschmeidiger zu machen“, erklärt Norbert Kempf die schweißtreibende Tätigkeit.

Ausstellung mit allen Sinnen wahrnehmen

Kempfs Kompagnon Fabian Baur hat sich passend zur Historie des Ausstellungsgebäudes ebenfalls dem Leder gewidmet. Gekrispelt werde eher nicht, dafür will er Objekte aus Möbelleder gestalten und sie dem Publikum präsentieren. Was genau, wird sich am Freitag bei der Vernissage offenbaren. Fest steht nur, dass darüber hinaus auch zwei von ihm produzierte Videos zu sehen sein werden. „Wir machen hier keine Erklärausstellung, die Ausstellung soll mit allen Sinnen wahrgenommen werden“, sagt Baur.

Musiker der Bläserphilharmonie machen mit

Eigentlich wollten die drei Künstler ein gemeinsames Projekt erarbeiten, doch die verwinkelten Räume, das Mobiliar und die Tatsache, dass der Kunst- und Kulturraum an der Fabrikstraße 76i parallel noch von Schauspielern des Bandhaustheaters und Musikern der Bläserphilharmonie genutzt wird, ließ sie von dieser Idee erst mal wieder abrücken. „Hier nutzen wir die Räume nun, um das „Utopœsie“-Konzept dieser Ausstellungsreihe und uns als Künstler vorzustellen“, sagt Kempf. Neben einer Einführung bei der Vernissage durch Ernst Hövelborn werden auch die Musiker der Philharmonie Rems-Murr an zwei Tagen dazu beitragen, dass die „Utopœsie“ Wirklichkeit wird.

Weitere Ausstellungsorte gesucht

Das Gebäude für die nächste Ausstellung steht übrigens schon fest. Es soll das 16 Meter hohe Kesselhaus auf dem Kaess-Areal sein. Hier sollen dann auch die Akrobaten, die das Gebäude zum Trainieren nutzen, eine Rolle spielen. Für weitere Ausstellungen ist das Trio noch auf der Suche nach besonderen Orten, die sie nutzen dürfen, Und auch Künstler könnten sich noch beteiligen – damit aus der nächsten Utopie schon bald ein verdichteter Kunstraum wird.

Ausstellung „Grubenhaus“

Vernissage
 Eröffnet wird die Reihe am Freitag, 8. März, um 19 Uhr an der Fabrikstraße 76i mit einer Einführung des Backnanger Künstlers und Philosophen Ernst Hövelborn sowie dem Trompetenquartett der Bläserphilharmonie Rems-Murr.

Folgetage
Am Sonntag, 10. März, ist die Ausstellung von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Für den musikalischen Rahmen sorgen die Klarinettisten der Philharmonie. Am Samstag, 9. März, kann man die Ausstellung nach telefonischer Vereinbarung besichtigen. Die Nummer lautet: 01 52/04 93 46 75. Am Mittwoch, 13. März, ist von 10 bis 18 Uhr geöffnet.  

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