Die jüngste Erhebung bezieht sich zwar auf das erste Halbjahr des vergangenen Jahres, doch Besserung dürfte seither kaum eingetreten sein – eher im Gegenteil. Denn die seit Juli gehäuft monierten Probleme sind in die Statistik noch gar nicht eingeflossen: Die Zugverbindungen im Norden des Rems-Murr-Kreises schneiden im Qualitätsranking des Landesverkehrsministeriums, das die Performance des Nah- und Regionalverkehrs im Hinblick auf Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Sauberkeit oder Gesamtzufriedenheit überprüft und zusammenfasst, alles andere als gut ab.
Die Murrbahn von Go-Ahead (Netz 3A) landet in dem Ranking auf Position 23, das Netz Gäu/Murr der Deutschen Bahn (Netz 3B) belegt gar nur den 26. Platz. Viel Luft nach unten ist nicht mehr, denn insgesamt werden nur 32 Ränge vergeben.
Nentwich: Wie im Viehwaggon
Der Landtagsabgeordnete Ralf Nentwich kennt die Missstände als regelmäßiger Bahnpendler zwischen seinem Wohnort Murrhardt und Stuttgart aus eigener, zum Teil leidvoller Erfahrung. Ende des vergangenen Jahres hat der Grünen-Politiker deshalb eine offizielle Anfrage an den baden-württembergischen Bahnbevollmächtigten Thorsten Krenz gestellt. Darin moniert er insbesondere, dass viele Züge nicht wie vertraglich vereinbart in sogenannten Doppeltraktionen führen. Sprich: dass es zu einer reduzierten Anzahl von Sitzplätzen und niedrigeren Fahrgastkapazitäten komme, weil nur einer statt zwei aneinandergekoppelte Züge unterwegs seien. In den Hauptverkehrszeiten kämen sich Pendler mitunter „wie in Viehwaggons vor“, so Nentwich.
Ernüchternde Antwort der Bahnbeauftragten
Die Antwort der DB auf seine Anfrage liegt jetzt vor – wenn auch unterschrieben von Clarissa Freundorfer, die den Job als Konzernbevollmächtigte für den Südwesten zum Jahresbeginn von Thorsten Krenz übernommen hat, den es als „Executive Director“ der Bahn nach Kanada verschlagen hat. Freundorfer räumt in ihrem Antwortschreiben durchaus ein, dass ihr Unternehmen seinen Qualitätsanspruch auf der Murrbahn in der jüngeren Vergangenheit „nicht vollständig erfüllen“ habe können und nennt als Grund, dass nicht ausreichend fahrtüchtige Elektrotriebwagen zur Verfügung gestanden hätten. Bei deren Instandhaltung komme es wegen der schwierigen Beschaffung von Ersatzteilen immer wieder zu Wartezeiten, so Freundorfer. Insbesondere Radsätze sind offenbar schwer zu kriegen.
In Folge sei es deshalb zu „bedauerlichen Schwächungen und/oder Teilausfällen von ganzen Zugleistungen“ gekommen. Wann immer möglich aber versuche man das durch einen „Busnotverkehr“ auszugleichen, so die Bahnmanagerin.
Details über die Ausfälle erhält Ralf Nentwich auf seine Anfrage hin nicht. „Leider können wir Ihnen eine Übersicht, welche Züge auf der Murrbahnstrecke nicht mit der vertraglich vereinbarten Kapazität gefahren wurden, nicht zur Verfügung stellen“, so die bedauernde Aussage. Derlei Daten könnten nur durch eine aufwendige manuelle Auswertung erhoben werden. Eine Sonderauswertung sei der DB Regio Baden-Württemberg „in der derzeitigen personellen Situation leider nicht möglich“.
„Schwere Instandhaltungsmaßnahmen“ geplant
Auch einer baldigen Besserung erteilt die Bahnbevollmächtigte indirekt eine Absage. Zum einen seien zum Ende der Laufzeit des Verkehrsvertrages im sogenannten Netz 3b auf Veranlassung der Landesanstalt Schienenfahrzeuge Baden-Württemberg (SFBW) „schwere Instandhaltungsarbeiten“ durch die jeweiligen Eisenbahnverkehrsunternehmen erforderlich. Das bedeute: Alle 16 Fahrzeuge der Baureihe 3442 müssten hierfür für sechs Wochen in Revision nach Krefeld. Die Konsequenz: Für mehr als 90 Wochen stünden nun gar kein Elektrotriebwagen zur Verfügung. Außerdem müssten aus Gewährleistungsansprüchen gegenüber dem Fahrzeughersteller an allen Wagen Fensterrahmensanierungen vorgenommen werden, die zudem einen Elektrotriebwagen für mindestens eine Woche zusätzlich in die Werkstatt zwinge.
Aktuell seien zudem umfangreiche Bauarbeiten im Bereich der Gäubahn im Gange, die noch bis Ende März andauerten. DB Regio könne in diesem Zeitraum zwar den Fahrzeugbedarf erfreulicherweise anpassen und es stünden „genug elektrische Triebwagen für die Murrbahn zur Verfügung“, so Clarissa Freundorfer.
Weitere Reduzierung der Sitzplätze?
Gleichzeitig aber warnt sie schon einmal vor: Sollte mit Ablauf der Arbeiten Ende März weiterhin eine nicht auskömmliche Reserve der ohnehin schon dezimierten 3442er-Elektrotriebwagen-Flotte zur Verfügung stehen, so sehe DB Regio eine Anpassung ihres Betriebskonzeptes auf der Murrbahn vor – mit verringerten Sitzplatzkapazitäten. Dieses Konzept werde selbstverständlich mit dem Aufgabenträger abgestimmt und rechtzeitig veröffentlicht. Es bleibe aber natürlich das Ziel, die Verfügbarkeit von Elektrotriebwagen deutlich zu verbessern.
Nentwich enttäuscht
Ralf Nentwich können die Antworten nur wenig zufriedenstellen: „Ich bin enttäuscht über die mangelnde Fahrzeugverfügbarkeit und unzureichende Vertragstreue“, sagt er. Es sei bedauerlich, dass die DB Regio in ihrer aktuellen Situation offenkundig nicht in der Lage sei, eine vereinbarte Dienstleistung zu erbringen
Auch mit Go-Ahead sei er in ähnlicher Weise im Gespräch, bestätigt Nentwich auf Nachfrage. Allerdings habe sich dieses Themas nach Anfragen von mehreren Abgeordneten auch der Verkehrsminister Winfried Hermann persönlich angenommen. Die mündliche Rückmeldung des privaten Unternehmens, das auch auf der Remsbahn ein Verkehrsbündel bedient, sei in ähnlicher Form wie bei der DB ausgefallen: Enormer Reparaturstau und Materialmangel machten den Betrieb zurzeit äußerst schwer.