Neue Dauerausstellung im Heimatmuseum Archäologische Funde aus Holzgerlingen locken Besucher

Der Archäologe Christoph Lehnert hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die neuen Funde im Holzgerlinger Heimatmuseum ausgestellt werden können. Foto: Stefanie Schlecht/ 

Im Holzgerlinger Heimatmuseum sind seit Mitte Juli neue archäologische Funde zu bestaunen. Neben Töpfen, Schlüsseln und Spielzeug sind die Archäologen im Erdreich auf etwas gestoßen, das in Holzgerlingen bis jetzt einmalig ist.

Böblingen: Melissa Schaich (mel)

Im Jahr 2020 wurden im Bereich der Baustelle für das Holzgerlinger Ärztehaus archäologische Ausgrabungen vorgenommen. Es war die erste großflächige archäologische Grabung, die es in Holzgerlingen jemals gegeben hat. Dass die Funde nun im Heimatmuseum ausgestellt werden, ist keine Selbstverständlichkeit. Nur durch hohen ehrenamtlichen Einsatz können Interessierte die Funde aus dem Mittelalter seit Mitte Juli im dritten Stockwerk des Heimatmuseums begutachten. Um die neuen Ausstellungsstücke sinnvoll zu integrieren, wurde außerdem die Ausstellungskonzeption auf neue Beine gestellt.

 

Wie das Mädchen zu Tode kam, ist noch nicht geklärt

Christoph Lehnert ist der ehrenamtliche Beauftragte für archäologische Denkmalpflege für das Gebiet von Altdorf bis Waldenbuch. Als klar war, dass auf der 4600 Quadratmeter großen Fläche des zukünftigen Ärztehauses in der Hinteren Straße in Holzgerlingen Überreste aus vergangenen Zeiten im Erdreich schlummerten, rückten zwei Grabungsfirmen mit insgesamt elf Arbeitskräften an, die monatelang geduldig die Fläche absuchten. Unter anderem entdeckte das Team aus Archäologen einen Brunnen, zahlreiche Grubenhäuser – die Vorgänger von heutigen Kellern –, Keramik und zur Überraschung aller ein Skelett eines circa sechsjährigen Mädchens. Wie das Mädchen zu Tode gekommen ist oder warum es genau dort begraben wurde, ist noch nicht geklärt. Fest steht bis jetzt nur, dass sie zwischen 656 und 774 n. Chr. gestorben sein muss. Weitere Auswertungen und die Entscheidung, wie genau mit dem Fund umgegangen wird, stehen laut Christoph Lehnert noch aus. Das Skelett ist das erste und einzige, das jemals auf Holzgerlinger Gemarkung gefunden wurde. Zwar fanden bereits 1925 Ausgrabungen an einem Reihengräberfriedhof in Holzgerlingen statt. „Wo die Knochen geblieben sind, weiß aber niemand“, erklärt der Archäologe. Lediglich Grabbeigaben sind aus der damaligen Zeit noch im Heimatmuseum zu finden.

Mit den Funden aus der Hinteren Straße kann bewiesen werden, dass sich Menschen bereits um 700 – also rund 300 Jahre vor der ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 1007 – in Holzgerlingen angesiedelt haben. „Zwar war das Gebiet nicht dicht besiedelt, aber dafür über einen langen Zeitraum“, erklärt Christoph Lehnert. So lässt sich auch die große Anzahl an Keramikfunden erklären, die auf ein reges Töpferhandwerk schließen lässt. Zwar wurde in dem Gebiet kein Töpferofen gefunden, doch die vielen Scherben lassen darauf schließen, dass ein solcher Ofen definitiv existiert haben muss und auch über Jahrhunderte benutzt wurde. Der studierte Archäologe vermutet außerdem, dass die Schönbuchlichtung wohl ein lukrativer Ort zum Wohnen gewesen sein muss, da es weitaus mehr Keramikreste gibt, als dort Menschen gewohnt haben. Wohl müssen die Menschen damals bereits mit ihren Produkten gehandelt haben. Selbst einen Metallschlüssel, der nach seiner Restaurierung im Herbst ins Museum kommt, haben die Archäologen entdeckt.

Viele der nun ausgestellten Stücke sind Töpfe, die die Menschen im Mittelalter in Brunnen entsorgt haben, weil sie fehlerhaft waren. So ist an einem der Exemplare zu erkennen, dass es wohl zu heiß befeuert wurde und deshalb Fehlstellen an der äußeren Schicht aufweist. „Die Archäologie zieht meistens Schlüsse aus Überresten und Abfällen“, erklärt Christoph Lehnert. Daraus könnten dann Rückschlüsse auf kulturelle Praktiken aus der jeweiligen Zeit gemacht werden. Beispielsweise haben die Archäologen sogenannte Nachgeburtstöpfe gefunden, in denen nach der Geburt die Plazenta deponiert wurde. Eine Mischung aus christlichem Glauben und Aberglauben brachte die Menschen im Mittelalter wohl dazu, die Nachgeburten in ihren Kellern zu vergraben.

Die Ausstellungsräume im dritten Stock wurden neu konzipiert

Zunächst gehören die Funde dem Land und werden in der Regel archiviert, bis sie – zumeist nach Jahren – ausgewertet werden. Doch durch den Einsatz von Christoph Lehnert und dem Heimatgeschichtsverein konnten die Stücke restauriert und nach Holzgerlingen gebracht werden. „Unser Ziel war es, die Funde möglichst zeitnah der Bevölkerung zu zeigen“, sagt der Archäologe. Hunderte von Stunden steckten er und Heinz Lüdemann vom Heimatgeschichtsverein in die Aufbereitung und die Neukonzeption der Ausstellungsräume im dritten Stock des Heimatmuseums. Sie nahmen die neuen Funde nämlich direkt zum Anlass, die dortigen Räume umzugestalten. Mit der neuen Konzeption werden Besucher nun chronologisch durch die Ausstellung geführt. Einen guten Einstieg bietet zu Beginn eine Übersichtskarte, auf der alle archäologischen Fundstellen markiert sind. Interaktive Stationen und eine multimediale Aufbereitung der Holzgerlinger Geschichte haben die Ehrenamtlichen unter eigenem handwerklichem Einsatz gebaut. „Uns war es wichtig, das Bestehende zu erhalten und die neuen Funde gut zu integrieren“, erklärt Lehnert.

Das Museum ist jeden ersten Sonntag im Monat, 14 bis 17 Uhr, geöffnet. Eintritt ist frei.

Heimatmuseum Holzgerlingen

Öffnungszeiten
Das Museum ist jeden ersten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Das Heimatmuseum befindet sich in der Friedhofstraße 6 in Holzgerlingen.

Besuche
Das Heimatmuseum bietet auf Anfrage geführte Touren in sechs Sprachen für Einzelpersonen, Gruppen, Schulklassen und Kindergärten. Auf der Webseite befinden sich die Kontakte für die Touren. Auch Kindergeburtstage können dort gefeiert werden.

Das Museum
Im Heimatmuseum sind rund 9000 Exponate aus Holzgerlinger Familien und Betrieben ausgestellt. Darunter eine 170 Jahre alte Dorfschmiede, landwirtschaftliche Geräte, bäuerliche Möbel und sogar ein Klassenzimmer mit Ausstattung, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert benutzt wurde.

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