„Eltern haben mit dem dritten Geburtstag ihres Kindes einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz“, sagt Julia Barbov, die neue Kindergartengesamtleiterin in Aidlingen. „Das hat hier bisher auch immer geklappt.“ Es könne allerdings vorkommen, dass es nicht die Wunschkita werde und die Kinder von Dachtel nach Deufringen gehen müssten. Für die Pädagogin, die nach ihrem Studium in Ludwigsburg elf Jahre in Stuttgart bei einem freien Träger gearbeitet hat, ist das Angebot eines Kindergartenplatzes für Dreijährige dabei nicht selbstverständlich: „In Stuttgart ist der Mangel an Plätzen noch um einiges größer.“ Dennoch sei ihr der Wechsel in den ländlichen Raum nicht ganz leichtgefallen. Doch der neue Job bringt ihr nicht nur eine berufliche Weiterentwicklung, sondern auch die Heimat zurück.
„Wenn mir eine Pädagogin sagt, dass sie schwanger ist, ist das in erster Linie eine schöne Mitteilung, und ich freue mich über jedes Kind. Gleichzeitig denke ich aber: O je, wieder eine Fachkraft weniger“, sagt sie über ihre Situation in Aidlingen, wo sie selbst auch einmal in den Kindergarten gegangen ist und heute wieder Handball spielt. In der Gemeinde ist sie für rund 360 Kindergärten- und 60 Krippenplätze verantwortlich, wo Kinder bis zu drei Jahren betreut werden. Hier ist die Nachfrage besonders hoch. „Zwischen 2007 und 2021 hat die Anzahl der Krippenkinder um rund 20 Prozent zugenommen“, erläutert Barbov.
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Die Zeiten haben sich geändert, viele Mütter wollen nach der Geburt schneller wieder arbeiten. Teilweise können Familien auch nicht mehr von einem einzigen Einkommen leben. Diesem Wandel steht ein Fachkräftemangel an Pädagogen gegenüber. „Der Rubel rollt nicht im pädagogischen Bereich“, weiß Barbov und fügt hinzu: „Trotz unseres anspruchsvollen Bildungsauftrags, der hohen Verantwortung und der Tatsache, dass Aufgaben wie Integration und Sozialarbeit ebenfalls auf die Kindergärten abgewälzt werden.“ Bezahlt wird in Aidlingen nach dem Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst (TVöD). Zusätzliche Gratifikationen oder Anreize gebe es laut Gemeindekämmerei bewusst nicht, um die Konkurrenz zwischen den Kommunen nach Personal nicht zusätzlich zu befeuern. Vom Applaus könne sich laut Barbov aber keine ihrer Fachkräfte auch nur ein einziges Brötchen kaufen. Da sei es kein Wunder, dass das Personal ächze und ältere Kolleginnen aufgrund der hohen Belastungen in Arbeitsteilzeit gingen oder in andere Bereiche abwandern.
Zufriedene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind wichtig
Auch in Aidlingen gibt es derzeit offene Stellen, wie beispielsweise für den Integrationsbereich. Auch wenn sich die 34-Jährige wünscht, dass die Bezahlung im Verhältnis zu den Anforderungen steht und die Personalschlüssel kleinere Gruppen ermöglichen, setzt sie auch auf eigene Maßnahmen wie Teambuilding und ein gutes Arbeitsklima. „Ich finde es wirkungsvoll, wenn zufriedene Mitarbeiter neue Arbeitskräfte motivieren, bei uns anzufangen“, erläutert die Pädagogin. Seit 2012 gibt es zudem die Praxisintegrierte Ausbildung (PiA), eine Alternative zur staatlich anerkannten Version. Die dreijährige Ausbildung ist praxisorientiert und wird bezahlt. Auch Quereinsteiger wie beispielsweise Kinderkrankenschwestern, Arzthelferinnen und Tagesmütter sieht sie als Unterstützung im Kindergartenalltag. In Aidlingen schätzt sie besonders die gute Erziehungspartnerschaft mit den Eltern. Es haben sich bisher immer Lösungen gefunden, wie beispielsweise für die Notbetreuung während der Corona-Maßnahmen.
Mit den Verantwortlichen in den Nachbargemeinden ist Julia Barbov im regelmäßigen Austausch. Dabei sieht sie, dass sich die Träger auch dort gegen den Fachkräftemangel stemmen. Doch letztlich braucht es Konzepte vom Bund und den Ländern für bessere Arbeitsbedingungen und gegen den Fachkräftemangel, denn morgen schmeißt vielleicht wieder eine Kollegin oder einer der wenigen Kollegen das Handtuch.