Neue Konzerthalle für Stuttgart Stuttgarter Kammerorchester plant Konzertforum am Neckar

So könnte das Konzertforum am Neckar in Bad Cannstatt aussehen. Foto: Visualisierung: Isin & Co.

Mit Startgeldern aus der Wirtschaft soll auf dem ehemaligen Rilling-Areal am Neckar ein 1000-Plätze-Konzerthaus entstehen. Jetzt muss der Gemeinderat entscheiden, ob er das ambitionierte Projekt mitträgt.

Noch riechen die Kellerräume nach dem Sekt, der bis zum vergangenen Jahr dort gelagert wurde. Jetzt aber lagern dort Instrumente, Noten, Notenständer. Es gibt Umkleiden und Überäume. Und zwei Stockwerke höher spielt die Musik: viel Klassik, aber auch Jazz, Pop, Elektronisches, zu erleben in einem akustisch optimierten Saal im Schuhschachtel-Format mit variabler Bühne und Bestuhlung, der, die Galerie im zweiten Stock eingeschlossen, Platz bietet für etwa 1000 Besucherinnen und Besucher. Sie sind mit der Stadtbahn gekommen oder haben ihr Auto im Parkhaus am Mühlgrün (fünf Minuten Laufdistanz) abgestellt. In der Pause flaniert man auf dem Hof davor. Lauscht der Probe eines freien Ensembles im kleinen 150-Plätze-Saal. Oder man lässt den Blick von der reichlich begrünten und mit Solarzellen bedeckten Dachterrasse aus schweifen: über den Neckar hinweg nach Stuttgart, auf die Altstadt von Bad Cannstatt.

 

Ein Kultur-Renommierprojekt für die IBA

Geht es nach dem Stuttgarter Kammerorchester (SKO) und dem Eigentümer des ehemaligen Rilling-Areals in Bad Cannstatt, der Trias GmbH, könnte diese baulich CO2-optimierte und von zahlreichen Nachhaltigkeitsgedanken flankierte Vision rechtzeitig zum wohl größten Stuttgarter Kultur-Renommierprojekt der kommenden Jahre fertig werden: der Internationalen Bauausstellung (IBA). Die findet 2027 statt. Also in vier Jahren.

In vier Jahren? Von solchen Zeiträumen für Planung, Genehmigung und Bau wagt man andernorts in Stuttgart nicht einmal zu träumen. Im Falle des Konzertforums am Neckar (so der Arbeitstitel), geplant auf dem Eckgrundstück zwischen Brücken- und Neckartalstraße, ist privatwirtschaftliches Engagement der Türöffner und Prozessbeschleuniger. Ein Vorteil, den etwa die Staatsopern-Sanierung nicht hat – sie zieht sich dahin; frühestens 2028 kann überhaupt erst mal ins Interim bei den Wagenhallen umgezogen werden.

Und dann ist da noch die städtische Idee eines großen Konzerthauses mit einem Beethovensaal-Äquivalent, also etwa 1600 Plätzen. Diese Idee könnte in den 2030er Jahren wahr werden. Sie steht schon seit Jahren im Raum, weil die Probe- und Aufführungskapazitäten der Liederhalle nicht mehr ausreichen. Eine ambitionierte Initiative treibt das Konzerthausprojekt seit 2019 voran. Und hat mittlerweile wohl allen Interessierten in Stuttgart klar gemacht, dass es heute nicht nur um die Präsentation von Kunst geht, sondern vor allem um Nahbarkeit und Teilhabe. Eine Herausforderung in einer immer diverser werdenden Gesellschaft.

Sie ist jetzt auch Teil der Überlegungen zum kleiner dimensionierten Kulturbau am Fluss, der einerseits überregionale Ausstrahlung haben, andererseits aber auch lebendiger und integrierter Teil eines sozial sehr heterogenen Viertels werden soll. „Das Konzertforum“, betont der SKO-Intendant Markus Korselt, „ist ein gemeinwohlorientiertes Projekt.“ Als Eigentümer und Projektentwickler hat die Trias GmbH die Baukosten mitsamt Foyer, Büro- und Verwaltungsräumen und der kompletten Innenausstattung auf 80 Millionen Euro geschätzt. Eingeschlossen wäre auch die Akustik der Firma Müller-BBM, deren „eher emotionale“ Klanglösungen Korselt wie auch der Architekt Cemal Isin schätzen.

25 Millionen Euro privater Fördergelder würde das SKO akquirieren. Für die restlichen Baukosten und für die in einer Machbarkeitsstudie geschätzten Kosten des laufenden Betriebs von jährlich etwa 370 000 Euro (einschließlich eigenem Intendanten) will Korselt jetzt die Stadt ins Boot holen: Der Antrag beim Gemeinderat ist gestellt, und als Zuckerl gibt’s dazu das Angebot einer Zwischenfinanzierung durch den Projektentwickler, die eine Verschiebung des städtischen Einstiegs auf den Doppelhaushalt 2026/27 ermöglichen würde.

Die Philharmoniker brauchen eine Interimsspielstätte

Für ein weiteres starkes Argument beim Angebot an die Stadt sorgen die Stuttgarter Philharmoniker. Während der demnächst notwendigen Sanierung des Siegle-Hauses braucht das Orchester der Landeshauptstadt dringend eine Interimsspielstätte. Was diese kosten kann, weiß man von der Oper (das Wagenhallen-Interim wurde zuletzt auf gut 260 Millionen Euro geschätzt). Blieben die Philharmoniker dauerhaft im Konzertforum am Neckar, wäre das Siegle-Haus frei für eine andere Nutzung. Und das Konzertforum hätte einen weiteren Partner im Boot. Die Bachakademie könnte dazukommen. Ansonsten würde der Saal vermietet.

Noch im Dezember wird der Gemeinderat über das Projekt entscheiden. Sollte eine Mehrheit dagegen votieren, wäre die Idee eines Konzertforums am Neckar Makulatur: Dann würde der Besitzer das Areal anderweitig veräußern.

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