Neue Kooperation Microsoft weiß, wo bei Mercedes die Schraube locker ist

Die Daten, die in der Produktion bei Mercedes entstehen, sollen künftig global verfügbar sein – zur Analyse auch direkt bei den Kolleginnen und Kollegen am Band. Foto: Mercedes-Benz AG

Mercedes-Benz will künftig alle Daten aus seinen 30 Werken in der Cloud des amerikanischen Softwareriesen speichern. Produktionsvorstand Jörg Burzer verspricht sich davon in den kommenden drei Jahren Effizienzgewinne von 20 Prozent. Drohen dann weitere Sparrunden?

Automobilwirtschaft/Maschinenbau: Matthias Schmidt (mas)

Jeder Heimwerker kann eine Schraube anziehen und jeder Facharbeiter erst recht, dazu braucht es keinen Computer und keine Datenwolke. Mit der Realität in der industriellen Autoherstellung aber hat das nichts mehr zu tun. Dort zieht ein Roboter die Schrauben an, jemand muss programmieren, wie fest er das tun soll. Das geht neuerdings über WLAN. Es kann sein, dass die gleiche Schraube je nach regionaler Sicherheitsbestimmung unterschiedlich fest eingedreht werden muss. Zudem muss der Vorgang geprüft und dokumentiert werden, nicht überall auf die gleiche Weise übrigens. Auch das erledigt die Maschine, die Daten sendet sie in die Cloud.

 

In einer modernen Fabrik wie der Factory 56 von Mercedes-Benz in Sindelfingen fallen täglich gigantische Mengen an Daten an. Wer sie schnell und systematisch auswerten kann, produziert unterm Strich günstiger. Das ist die Grundidee hinter der Kooperation mit dem US-amerikanischen Softwarekonzern Microsoft, die Mercedes am Mittwoch verkündet hat.

Alle Daten aller Werke sollen global verfügbar sein

Künftig sollen sämtliche Daten der weltweit 30 Mercedes-Werke auf Servern der Microsoft-Cloud namens Azure gespeichert, analysiert und global im Mercedes-Netzwerk verfügbar gemacht werden. Produktionsvorstand Jörg Burzer will damit die Effizienz in Produktion, Logistik und Qualitätsmanagement bis 2025 um 20 Prozent gegenüber heute steigern. Die Cloud soll auch dazu dienen, Energie- und Wasserverbrauch sowie CO2-Emissionen und Abfallmanagement zu optimieren.

„Die neue Partnerschaft wird unser globales Netzwerk in Zeiten geopolitischer und makroökonomischer Herausforderungen intelligenter, nachhaltiger und resilienter machen“, sagte Burzer. Die Fähigkeiten, mittels Datenanalyse Probleme in Produktion und Logistik vorherzusagen und zu vermeiden, würden zu einem „entscheidenden Wettbewerbsvorteil auf dem Weg ins vollelektrische Zeitalter“.

Probleme wie der Halbleitermangel sollen besser gemanagt werden

Nicht zuletzt die Erfahrungen mit dem globalen Chipmangel haben in der Industrie das Bewusstsein dafür geschärft, die weitverzweigten Lieferketten genauer überwachen zu müssen. Zentral in der Cloud gespeicherte Einkaufs- und Logistikdaten sollen dazu dienen, Engpässe besser zu prognostizieren. Aufgabe der Datenanalyse ist dann beispielsweise, die Verfügbarkeit von Bauteilen mit den Produktionsaufträgen und Betriebsablaufplänen zu verknüpfen, um Stillstand zu vermeiden. Wie schon in den vergangenen Jahren will Mercedes-Benz dabei dauerhaft die besonders margenträchtigen Autos der Top-Luxus-Kategorie bevorzugen sowie den Hochlauf der Elektromodelle sicherstellen.

Wie viel der schwäbische Autohersteller für die Nutzung der Microsoft-Dienste bezahlt, blieb offen. Produktionschef Burzer sagte lediglich, die Kosten würden durch die Effizienzgewinne überkompensiert. Deutlicher wurde er in Sachen Datenhoheit: Sämtliche Daten blieben im Besitz von Mercedes, gespeichert würden sie – unter Datenschützern ein häufig problematisiertes Thema – ausschließlich auf Servern in Europa.

Die Entscheidung für ein amerikanisches Unternehmen kommt nicht überraschend. Microsoft bildet mit Amazon und Google die Top Drei im Cloud-Geschäft, dahinter folgen die chinesischen Konzerne Alibaba und Huawei, die aus politischen und datenschutzrechtlichen Gründen kaum infrage kamen. „Leider, so muss ich es aus meiner Sicht sagen, gibt es keinen europäischen Anbieter, der in diesem Umfeld wettbewerbsfähig ist“, resümiert der Mercedes-IT-Chef Jan Brecht die Situation. Im Vergleich der US-Konzerne hätten für Microsoft die schnellen Innovationszyklen und die Offenheit für die Einbindung von frei verfügbarer Software (Open Source) gesprochen, die besonders bei Entwicklern beliebt ist.

Ein Ziel: das Wissen einzelner Köpfe für alle verfügbar machen

Brecht zeigt sich überzeugt, dass sich bei Mercedes ein grundlegender Wandel vollzieht: „Entscheidungen werden nicht nur erfahrungs-, sondern datenbasiert getroffen. Wissen, das in einzelnen Köpfen oder Teilorganisationen vorhanden war, wird für alle verfügbar.“ Mit intuitiv nutzbaren Tools könnten nicht wie bisher nur das Management, sondern auch Mitarbeiter am Band auf Daten zugreifen. Produktionschef Burzer sieht darin einen entscheidenden Transformationsschritt: „Wo das Produktions-Know-how der Kollegen auf die Möglichkeiten der Digitalisierung trifft, entstehen kreative Lösungen, das ist ein faszinierender Aspekt.“

Dass größere Effizienz auch geringeren Personalbedarf bedeutet, will Burzer jedoch nicht als Signal für weitere Abbaurunden verstanden wissen. Nach den Anpassungen der vergangenen Jahre „passen Kapazitäten und Ziele jetzt gut zusammen“, sagte er.

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