Der Hochdorfer Pfarrer Gerald Holzer hat seine Predigt „Small ist beautiful - Lehre uns Minderheit zu werden“ betitelt, mit der er am Sonntag die von ihm initiierte Predigtreihe im Kirchenbezirk Hochdorf, Reichenbach und Lichtenwald eröffnen wird. Bis 12. Februar setzen sich Pfarrerin Jasmin Salzger (Lichtenwald), Pfarrerin Eva-Miriam Reich-Schmidt, Pfarrer Heinrich Hofmann (Reichenbach) und er sowie Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl mit den künftigen Aufgaben der evangelischen Kirche auseinander.
Ein Aspekt sind die Kirchenaustritte. Grundsätzlich aber müsse sich die Kirche dem schon länger stattfindenden Wandel mehr öffnen. Glaube werde heute im Vergleich zu früher auf vielfältige Weise gelebt, stellt Gerald Holzer fest. Daher dürften auch nicht allein die Zahlen zu den Austritten und den Gottesdienstbesuchern im Fokus stehen. Zumal einige, gerade auch Jüngere, aus finanziellen Gründen austreten würden und nicht, weil sie den Glauben verloren hätten oder die Arbeit der Kirche nicht gut fänden. Das wisse er aus Gesprächen, so Holzer. „Es darf nicht um reine Äußerlichkeiten gehen. Stattdessen müssen die Angebote der Kirche inhaltlich verstärkt an den vielseitigen Bedürfnissen der Menschen auf ihrem individuellen Glaubensweg ausgerichtet werden.“
Menschen wird Spiritualität immer wichtiger
Manchen sei eine gründliche Bibelarbeit wichtig, andere wiederum legten Wert auf eine meditative Art. Überhaupt sei die Spiritualität ein wichtiger Punkt. „Die Zeiten der einen lutherischen Vision sind vorbei. Religiosität ist vielfältiger geworden. Das erfordert Toleranz. Man darf den Menschen nicht sagen, was sie glauben sollen, sondern muss sie auf ihrem Weg begleiten“, betont der Pfarrer. Schon jetzt passiere viel Gutes in den Kirchengemeinden. „Das darf man nicht kleinreden.“
Das Offensein für Neues ist ebenso Kern der Predigt von Pfarrerin Jasmin Salzger. In einer sich verändernden Gesellschaft könne in der Kirche nicht alles so bleiben, wie es immer gewesen sei. Die Gemeinde vor Ort müsse sich verändern, um auch in Zukunft Kirche für die Menschen zu bleiben. „Neue Wege müssen beschritten, neue Angebote und Formen entwickelt und erprobt werden. Was brauchen die Menschen und was passt zu ihnen?“ Diesen Fragen gelte es nachzugehen, so Salzger. „Dabei ist es unvermeidlich, dass manches Gewohnte und Übliche aufgegeben werden muss, damit Neues entstehen kann.“ Grundsätzlich komme es aber auf die richtige Mischung von Bewährtem und Neuem an. „Das bedeutet auch, dass man bei allem Neuen darauf schaut, ob es Früchte bringt und welche das sind.“ Im Jahr 2019 hat sie die Pfarrstelle in Lichtenwald angetreten. „Seitdem erlebe ich den Gottesdienstbesuch als relativ konstant“, sagt die Pfarrerin. Sehr gut angenommen würden die Familiengottesdienste und besondere Gottesdienste wie jene, die von den Konfirmandinnen und Konfirmanden gestalteten werden.
Auch Todesfälle und Wegzüge tragen zum Rückgang bei
Im Jahr 2019 zählte der evangelische Gesamtkirchenbezirk Esslingen 55 162 Mitglieder, 2021 dann 51 898. Die Zahlen für 2022 liegen bezirksweit noch nicht vor. Der Rückgang der Mitglieder ist nicht nur auf Austritte, sondern zudem auf Todesfälle oder Wegzüge zurückzuführen. „Jammern hilft nichts!“, so der Titel der Predigt von Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl zum Abschluss der Reihe am 12. Februar in der Reichenbacher Mauritiuskirche.
Wie erklären sich die allgemein rückläufigen Zahlen? „Wir wissen aus Befragungen, dass die persönliche Entfremdung von der Kirche der häufigste Austrittsgrund ist. Allerdings beobachten wir auch, dass viele Menschen, die der Kirche den Rücken kehren, aus finanziellen Gründen austreten“, weiß Gohl. Zudem habe sich die Teilnahme an Gottesdiensten seit Corona verändert. So gebe es Rückgänge in der Präsenz vor allem bei sehr alten und vulnerablen Gruppen, aber auch weiterhin bemerkenswert viele Menschen, die die zahlreichen digitalen Streaming-Angebote oder TV-Übertragungen zum Gottesdienstfeiern nutzen, berichtet der Landesbischof.
Grundsätzlich gehe es ihm im Hinblick auf die Zukunft darum, „dass wir uns in der Kirche wieder stärker als Hoffnungsgemeinschaft begreifen. Füreinander da sein, das ist eine große Aufgabe unserer Gemeinden, das hat die Corona-Zeit gezeigt. Und wir müssen mehr Zeit für das haben, was die Menschen nachfragen: Lebensbegleitung von der Taufe bis zum Ende des Lebens“, so Gohl.
Menschen, die einen Austritt in Erwägung ziehen, sollten zudem besser informiert werden können, was die Kirche für sie und mit ihrem Geld tut. Ernst-Wilhelm Gohl verweist für Informationen dieser Art etwa auf die Internetseite www.kirchensteuer-wirkt.de.
„Aber die Kirche muss sich auch bewegen und die Kontaktflächen stärken, wo Kirchenmitglieder und Ausgetretene sind, zum Beispiel in den Kindertagesstätten“, betont der Landesbischof. „Kirche muss stärker dialogbereit sein.“