Neue Stadtkind-Kolumne: Beziehungskram Keine Zeit für Spielchen

Sounds like a Situationship! Foto: /privat

In unserer neuen Kolumne schreiben die Stadtkind-Redakteur:innen abwechselnd über Liebe, Sex und anderen Kram. Im ersten Teil schildert unsere Autorin, warum sie keine Lust auf die üblichen Dating-Spielchen hat und auch weiterhin als Erste schreiben wird.

Vor ein paar Tagen flatterte eine E-Mail in meinen Posteingang. Die Dating-Plattform Tinder hatte einen Dating-Report herausgebracht und schickte die Ergebnisse per E-Mail an (eventuell) interessierte Journalist:innen. Die Botschaft: „69 Prozent der Gen-Z glauben, dass sie die Dating-Standards für die Zukunft auffrischen werden.“ Das klang erst einmal gut. Mehr als die Hälfte der 18- bis 25-Jährigen seien demnach auf der Suche nach Authentizität.

 

Ich fragte mich, was mit den restlichen 31 Prozent war und vor allem mit denen, die nicht zur Generation Z, sondern wie ich, zur Generation Y gehörten. Meine persönlichen Erfahrungen unterschieden sich nämlich, milde ausgedrückt, etwas von diesen Ergebnissen.

Die Generation Y und ihre Spielchen

Also las ich weiter. Als nächstes verglichen die Forscher:innen die zwei Generationen. Wie war es als die Generation Y so alt war wie die Generation Z heute? Drei von vier der heute 33- bis 38-Jährigen stimmten zu, dass Dating-Spielchen - wie zum Beispiel sich absichtlich rar zu machen oder widersprüchliche Signale zu geben – als „normal“ akzeptiert wurde, als sie selbst noch zwischen 18 und 25 Jahre alt waren.

Das deckte sich schon eher mit den Erfahrungen, die viele meiner Bekannten und ich immer wieder gemacht hatten.

Rum oder Cocktails?

Nach mehreren Jahren in einer festen Beziehung begab ich mich nämlich vor ein paar Monaten wieder auf den Markt. Und ja, ich wähle bewusst das Wort Markt – ein von Angebot und Nachfrage bestimmter Bereich. Ich lud mir diverse Apps herunter, löschte sie wieder, lernte Männer im realen Leben kennen, ging aus, verliebte mich ein wenig – und verstand die Welt nicht mehr.

Ich traf auf Männer, die beim ersten Date einen mehrstündigen Monolog führten, ohne einmal eine Gegenfrage zu stellen und fühlte mich dabei, wie bei einem geschäftlichen Interview. Ich las Bumble-Beschreibungen, bei denen ich mir nicht sicher war, ob sie ernst oder ironisch gemeint waren: „Ich bring Rum mit und wir machen Cocktails oder du bringst Cocktails mit und wir machen rum“ (okay, schon ein bisschen witzig). Und ich hörte (und erlebte selbst) von den verrücktesten Methoden, um beim Gegenüber Interesse zu wecken oder um sich bloß alle Möglichkeiten offen zu halten.

Ja, nein, vielleicht

Das bekannteste der dummen Dating-Spielchen ist wohl: Wer antwortet wann und nach welcher Zeit?

Dafür wird auf Whatsapp schon mal die Funktion des blauen Hakens abgestellt, damit du ja nicht siehst, ob und wann er oder sie die Nachricht gelesen hat. Hattet ihr dann das erste Date gilt: Bis zum nächsten Kontakt sollten drei Tage vergehen und natürlich meldet sich der Mann zuerst, oder? Wenn du Pech hast, kommt aber einfach gar nichts. Was Ghosting ist, muss ich niemandem mehr erklären…

Dann gibt es da noch die Kandidat:innen, die dich gelegentlich kontaktieren, aber nicht wirklich Zeit mit dir verbringen wollen (oder zumindest nicht so oft). Sie fragen dich nicht: Wie es dir geht, wie dein Tag war, was dich interessiert. Sie sagen, dass sie „später“ zurückrufen oder sich melden werden, und tun es dann nicht. Oder finden Ausreden dafür, warum sie sich nicht binden können oder was in ihrem Leben passieren muss, damit sie endlich bereit dafür sind.

Ansage oder ciao Kakao!

Eine Freundin erzählte mir von ihrer sogenannten Situationship - dem aktuellen Dating-Trend schlecht hin. Finn* und sie verstanden sich gut, sie sahen sich mehrmals in der Woche, er schrieb ihr jeden Abend eine Gute-Nacht-Whatsapp. Zu Beginn war meine Freundin Anne* sehr zurückhaltend, das spornte Finn an, die Initiative ging meistens von ihm aus. Mit der Zeit war auch Anne immer mehr into it.

Nach fast drei Monaten wollte sie wissen, woran die beiden waren und was aus ihnen werden würde. „Schließlich war das mittlerweile weit mehr als eine Affäre. Ich kannte seine Freund:innen, er meine. Ich hatte eine eigene Zahnbürste bei ihm im Bad stehen und wusste seine Pläne für die Woche“, erklärte sie mir. Finn verstand Annes Wunsch nach Commitment nicht und wollte es einfach so weiterlaufen lassen, etwas Festes kam für ihn nicht in Frage. Und sie sagte: Ciao, keine Zeit für Spielchen!

Anne war danach wütend und enttäuscht. Ich war stolz auf sie.

Ich stellte für mich fest, dass ich zwei Möglichkeiten beim Daten hatte: Erstens ich lies mich auf dieses bescheuerte Dating-Game ein, lernte die Spielregeln und hoffte, so vielleicht irgendwann übers Ziel zu laufen. Oder ich kommunizierte weiterhin offen und ehrlich, auch wenn das bedeutete, dass ein paar mögliche Partner auf der Strecke blieben.

Die Entscheidung viel mir nicht sonderlich schwer. Ich dachte pragmatisch und an meine beschränkte Zeit. Vollzeitjob, Freund:innen und Familie, Hobbys: Sorry, keine Zeit für Spielchen!

*Namen von der Redaktion geändert

Wie die Strategie beziehungsweise eher Nicht-Strategie unserer Autorin aufgegangen ist, lest ihr vielleicht in einer unserer nächsten Folgen der neuen Stadtkind-Kolumne Beziehungskram. In Beziehungskram schreiben abwechselnd Stadtkind-Redakteur:innen über Liebe, Sex und anderen Kram. Die Kolumne erscheint immer sonntags.

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