Neue Vorwürfe bei Brüdergemeinde Korntal Heimkinder: Ruhigstellung mit Pillen

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Die pietistische Brüdergemeinde Korntal muss sich neuen Vorwürfen stellen. Bislang ging es um Missbrauch und Gewalt gegen Heimkinder in den 50er und 60er Jahren. Nun geht es um Medikamentenmissbrauch.

Ehemalige Heimkinder berichten, sie seien mit Pillen ruhig gestellt worden. Foto: dpa
Ehemalige Heimkinder berichten, sie seien mit Pillen ruhig gestellt worden. Foto: dpa

Korntal-Münchingen - Bisher ist vor allem von sexuellem Missbrauch, psychischer und physischer Gewalt in den 1950 bis 1970er Jahren in den Kinderheimen der evangelischen Brüdergemeinde die Rede gewesen. Nun wird ein neuer Aspekt im Missbrauchsskandal virulent. Demnach sollen den Kindern medizinisch unnötig Medikamente verabreicht worden sein, allein um sie ruhig zu stellen. Eine Betroffene erzählt etwa, sie habe Ergenyl 100 nehmen müssen, ein Medikament gegen Epilepsie – obwohl sie nachweislich nie an Epilepsie gelitten hatte. Eine andere sagt: „Wir haben alle Smarties bekommen.“ Verabreicht wurden die Medikamente einzeln, irgendwann im Lauf des Tages.

Bundesweit in den Medien

Eine Dissertation hatte dem Thema Medikamentenmissbrauch jüngst zu großer Aufmerksamkeit verholfen. Die Krefelder Pharmazeutin Sylvia Wagner hatte dargelegt, dass zwischen 1950 und 1970 bundesweit tausende Heimkinder Opfer von Medikamententests wurden, teils mit Wissen von Eltern und staatlichen Behörden.

Letzteres treffe auch für Korntal zu, meinen die Betroffenen: Die beiden im Flattichhaus tätigen Ärzte seien vom Jugendamt gewesen. Die falsche Medikation zu beweisen, wird freilich schwierig. Die Akten sind teils längst vernichtet, auch weil die Behörde nicht länger verpflichtet war, die Unterlagen über die Kinder aufzubewahren, die unter der Vormundschaft des Jugendamtes standen.

Ein Beweis wird schwierig

Dass die Betroffenen just zu einem Zeitpunkt an die Öffentlichkeit gehen, als das Thema Mediamentenmissbrauch bei Heimkindern in den Schlagzeilen ist, ficht Detlev Zander nicht an. Das müsse man getrennt betrachten, für manche Leidensgenossen sei offenbar nun erst die Zeit reif, über ihre Erlebnisse zu reden.

Zander hatte im Frühjahr 2014 als erster von seinen Erlebnissen von psychischer und physischer Gewalt berichtet. Seitdem meldeten sich immer mehr Ehemalige und seitdem wird um die Form der Aufarbeitung gerungen. Heute ist Zander Sprecher des Netzwerks Betroffenenforum. Neue Impulse brachten er und seine Mitstreiter von einem internationalen Kongress in Berlin mit. Unterstützung erhalten die Betroffenen zudem von der bundesweiten, neuen Stiftung „Anerkennung und Hilfe“. Das Land beteiligt sich daran mit insgesamt 7,8 Millionen Euro.

„Bisher haben vor allem ehemalige Heimkinder des Hoffmannhauses geredet“, sagt Zander, der selbst dort lebte. Dort waren andere Ärzte tätig als im Flattichhaus, führt er als eine Erklärung an.

Tatsächlich waren beim jüngsten Treffen vergleichsweise viele neue Betroffene aus dem Flattichhaus gekommen, um ihre oft peinigenden Erlebnisse zu schildern. Eine andere Erklärung sei ihm zufolge, dass sich nun eine andere, jüngere Generation von Heimkindern äußere. Sie alle aber waren in den 1960er bis 1980er Jahren in den beiden Korntaler Einrichtungen.

Brüdergemeinde: Wir nehmen die Vorwürfe ernst

Derweil hat sich aufgrund der neuen Aspekte die evangelische Brüdergemeinde zu Wort gemeldet. Sie hatte sich mit öffentlichen Verlautbarungen bisher zurückgehalten. „Wir nehmen diese Vorwürfe genauso ernst wie alle Aussagen ehemaliger Heimkinder, die in Heimen der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal im fraglichen Zeitraum untergebracht waren“, teilt der weltliche Vorsteher Klaus Andersen mit. Zugleich rief er in einer Mitteilung das Netzwerk dazu auf, „den mit den Mediatoren vereinbarten, geordneten Verständigungsprozess nicht weiter zu verzögern“. Schließlich sei es das Betroffenenforum, das ein Treffen mit den beiden Frankfurter Mediatoren grundlos abgesagt hätte. Das Netzwerk widersprach umgehend. Es hätte Termine nicht grundlos abgesagt. Eine Mediation sei aber auch nicht nötig, vielmehr würden Mediatoren den Prozess der Aufklärung nur behindern.

Doch nicht nur die Brüdergemeinde, auch die zweite Betroffenengruppe, die AG Heimopfer Korntal wirft dem Betroffenenforum Zurückhaltung vor. „Warum haben sie kein Interesse, dass es vorwärts geht?“, fragt dessen Sprecher Wolfgang Schulz. Schließlich liege man doch in den Ansichten gar nicht so weit auseinander. Gerungen wird unter anderem um die Frage, wer die im Raum stehenden Vorfälle zunächst sammeln und auf ihre Plausibilität hin prüfen wird. Neben dem Regensburger Domspatzen-Anwalt Ulrich Weber wurde nun auch der Kriminologe Christian Pfeiffer genannt. Ob es einer dieser Personen oder ein ganz anderer werden wird, soll Mitte Januar feststehen. Zunächst ist am 12. Dezember ein Treffen mit den Mediatoren Elisabeth Rohr und Gerd Bauz geplant. Alle Beteiligten haben ihre Teilnahme zugesagt.