Frankfurt - Die Deutsche Bank war einst das Symbol einer gesunden, florierenden deutschen Wirtschaft. Natürlich war sie auch Teil der umstrittenen „Deutschland AG“. Aber das Modell funktionierte, die Industrie wusste, dass sie sich auf Deutschlands größtes Geldhaus verlassen konnte, im In- wie im Ausland. Dann kam die Finanzkrise, die zwar nicht ursächlich durch die Deutsche Bank ausgelöst wurde, sondern durch die laxe Kreditvergabe in den Vereinigten Staaten. Aber im Verlauf dieser Krise zeigte sich, dass die Investmentbanker des deutschen Bankenprimus ganz besonders „erfinderisch“ gewesen sind. Viele Milliarden Euro an Strafen musste die Bank weltweit für ihre Vergehen zahlen. Aktuell stehen schon wieder Verantwortliche der Bank für einen der vielen Skandale vor Gericht. Doch während andere Institute, in Europa und den USA, die Altlasten relativ schnell abgelegt haben, inzwischen schon wieder ordentliche, zum Teil sogar gute Gewinne erzielen, hat die Deutsche Bank nicht einmal eine richtige Strategie gefunden.
Und jetzt? Christian Sewing, der überraschend zum neuen Chef, dem dritten in der Amtszeit des Aufsichtsratsvorsitzenden Paul Achleitner, gekürt worden ist, hat sich zwar in einem ungewöhnlichen Brief an die rund 100 000 Mitarbeiter kämpferisch gezeigt. „Jägermentalität“ will er sehen, kein Stein solle auf dem anderen bleiben. Das sind die Töne, die den Anteilseignern gefallen, die seit Jahren unter der Kursschwäche der Deutsche-Bank-Aktie leiden und nun drei Verlustjahre hinter sich haben. Das ist aber nicht das, womit man die leidgeprüften Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter motivieren kann.
John Cryan hat nichts Grundlegendes geändert
Es ging in den vergangenen Jahren drunter und drüber, mal Hü mal Hott. Erst wurde die Postbank übernommen, dann sollte sie wieder verkauft werden, nun doch wieder nicht. Der bisherige Chef John Cryan hat zwar brav Deutsch gelernt, aber die IT-Ausstattung der Bank als katastrophal bezeichnet, ohne etwas Grundlegendes zu ändern. Die Investmentbanker machten unterdessen weiter wie bisher, der Bonustopf war auch im vergangenen Jahr gut gefüllt – weil man niemanden an die Konkurrenz verlieren wollte.
Kaum ist der Chefwechsel vollzogen, schon tauchen wieder Fusionsgerüchte mit der Commerzbank auf. Aber auch das wäre keine Lösung, denn die Strategien beider Häuser sind weit auseinander. Es ist ja nicht falsch, dass die Deutsche Bank im internationalen Geschäft eine wichtige Rolle spielen will. Auf vielen Gebieten im sogenannten Investmentbanking ist sie sogar nach wie vor führend. Es wäre fatal, wenn Europas größte Volkswirtschaft keine Bank mehr hätte, die diese Rolle einnehmen kann. Denn letztlich, bei aller Globalisierung, möchten deutsche Unternehmen bei ihren Geschäften im Ausland auf ein deutsches Geldhaus vertrauen können.
Sewing muss klar machen, wohin die Reise geht
Christian Sewing muss nun schnellstens versuchen, neues Vertrauen aufzubauen. Dabei mag es hilfreich sein, dass er ein Eigengewächs der Bank ist, es vom Auszubildenden bis zum Vorstandschef geschafft hat. Vor allem aber muss er schnell klar machen, wohin die Reise gehen soll. Einer seiner Vorgänger, Josef Ackermann, hat während der Finanzkrise nicht nur gesagt, dass die Deutsche Bank keine Staatshilfe in Anspruch nehmen soll. Er hat auch gesagt, dass sie ohne einen starken Heimatmarkt im Ausland nicht erfolgreich sein könne.
Falsch war diese Aussage nicht, sie ist nur nicht in die Realität umgesetzt worden. Das ist auch ein Versäumnis des Aufsichtsrats, vor allem des Vorsitzenden Paul Achleitner. Der ehemalige Goldman-Sachs- und Allianz-Manager hat zwar Köpfe ausgewechselt, aber keine klare Strategie entwickelt. Für einen Neuanfang wäre es hilfreich, wenn Vorstand und Kontrolleure in die gleiche Richtung gingen – dafür sind wohl noch weitere Entscheidungen nötig.