Neuer EKD-Vorsitzender Nur die Demut lässt er vermissen

Heinrich Bedford-Strohms Wahl zum EKD-Chef sorgt für Euphorie unter den Synodalen. Der bayerische Landesbischof hat eine beeindruckende Laufbahn hinter sich und erweckt den Eindruck, die Evangelische Kirche Deutschlands wachküssen zu wollen.

Heinrich Bedford-Strohm gilt manchen gar als Mischung aus seinen Vorgängern Wolfgang Huber und Margot Käßmann. Foto: dpa Montage:  Schlösser
Heinrich Bedford-Strohm gilt manchen gar als Mischung aus seinen Vorgängern Wolfgang Huber und Margot Käßmann. Foto: dpa Montage: Schlösser

Dresden - Schon vor der Wahl des neuen EKD-Chefs wirkt Heinrich Bedford-Strohm wie der sichere Sieger. Er sitzt im dunklen Anzug vor der großen Fensterfront des Dresdner Kongresszentrums mit Blick auf die Elbe. Die Fotoapparate klicken, die Kameras sind auf den Theologen aus Bayern gerichtet. Die Kirchenbeauftragte der SPD, Kerstin Griese, macht schon mal ein Erinnerungs-Selfie mit dem 54-Jährigen, der in wenigen Momenten der neue Repräsentant von 23 Millionen Protestanten im Land sein soll. Bedford-Strohm strahlt. Die Atmosphäre bei der Ratssitzung zuvor, wo man ihn als Vorsitzenden vorschlug, sei heiter und locker gewesen, erzählt der Theologe am Dienstagnachmittag. Statt über die Zukunft der EKD zu grübeln, war dem Gremium wohl Stilberatung für Bedford-Strohm wichtiger. Deshalb trägt er jetzt eine kamerataugliche dunkle Krawatte, die ihm ein Kollege lieh.

„Sollen wir überhaupt noch abstimmen?“, murrt eine der 125 Kirchenparlamentarier angesichts dieser Szenerie. Tatsächlich wird der folgende Wahlakt zur Formsache. 106 Stimmen fährt der Geistliche ein. Das ist ein Triumph, ein großer Vertrauensvorschuss und ein Signal der Synode, dass man nach all den Personalturbulenzen der vergangenen Jahre nun Geschlossenheit zeigen möchte. Erstaunlich ist, dass nicht mal die programmatische Rede Bedford-Strohms vor der Abstimmung die Synode irritiert. Die lässt die sonst übliche und auch erwartete Demut von Kandidaten nämlich vermissen. Er umreißt die Zukunftsaufgaben von der Gestaltung des Reformationsjubiläums bis zum Zusammenrücken der konfessionellen Bünde. Und er fordert: „Wir wollen eine öffentliche Kirche sein, die sich noch mehr einmischt.“

Bedford-Strohm startete außer Konkurrenz

Sein Durchmarsch ins Amt verdankt sich einerseits der Personalnot an der Kirchenspitze. Echte Konkurrenz hatte der weltgewandte Theologe nicht. Anderseits sind seine Qualitäten unbestritten. Fast alle in Dresden schwärmen von dem Neuen. Frank Otfried July hat einst zusammen mit Bedford-Strohm in Heidelberg studiert. „Er hat alle Gaben, die ein Ratsvorsitzender braucht“, sagt der württembergische Landesbischof. „Er ist theologisch versiert, politisch interessiert und hat eine hohe Affinität zu den Medien.“ Bedford-Strohm könne so gut auf Menschen zugehen wie Margot Käßmann, heißt es. Er sei intellektuell brillant wie Wolfgang Huber, aber nicht so kühl wie der einstige Ratsvorsitzende. „Huber war immer Elite, Bedford-Strohm kann auch mit dem Volk“, sagt ein Beobachter.

Seine Wahl war ein Triumph. Foto: dpa-Zentralbild

„Er hat den Mut, die Perspektive und eine Vision von Kirche“, sagt auch der Synodale Werner Stepanek ein wenig euphorisch. Ein Tausendsassa, der auch noch gut aussieht, sportlich und eloquent ist. Und der sich zu verkaufen weiß, wie ein kürzlich erschienenes Buch zeigt, in dem Bedford-Strohm auf existenzielle Fragen eines seiner Söhne antwortet.

Angst vor neuen Wegen in der Verkündigung ist dem Geistlichen ebenso fremd wie die Furcht davor, sich in die Gefahrenzone zu begeben. Vor Kurzem flog er in den Nordirak, war dicht an der Front, sah das Leid der IS-Opfer und rechtfertigt seitdem militärische Gewalt als letztes Mittel, um den Terror zu stoppen. Damit lade man zwar Schuld auf sich. „Denn auch die Gewalttäter des IS sind Geschöpfe Gottes. Aber wir machen uns auch schuldig, wenn wir nichts tun“, sagt Bedford-Strohm treffend zu dem Dilemma.

Dass der Münchner die Stimmen aus allen Lagern bekam, verdankt er auch seiner Integrationsfähigkeit. Der Linksprotestant, der das SPD-Parteibuch hat, aber seine Mitgliedschaft ruhen lässt, hat in Bayern gezeigt, dass er zwischen den Frömmigkeitsstilen vermitteln, unterschiedliche Positionen zusammenführen und Brücken zur katholischen Kirche schlagen kann.

Bedford-Strohm verpackt Botschaften werbewirksam

Woher die Kirche kommt? Die Kirche komme, so hat er im Sommer dieses Jahres gepredigt, „von einem her, der mit seinem Latein am Ende war, der ganz Mensch war, der seine Schwachheit, sein Zittern und sein Zagen nur ganz in Gottes Hand legen konnte.“ Das ist eine Strohmsche Denkfigur, die zeigt, welchem Vorbild sie sich verdankt, nämlich dem Denken Dietrich Bonhoeffers, und deshalb fährt der Pfarrerssohn aus Memmingen im Text direkt mit aller Konsequenz fort: Die Autorität von Kirche komme eben nicht aus einem Alleinvertretungsanspruch heraus oder dürfe sich allein auf eine Rechtsordnung gründen. Sie legitimiere sich, im Gegenteil, „aus dem Hören auf den gekreuzigten und auferstandenen Christus“, was im Übrigen für „alle Kirchen“ gelte.

Der scheidende EKD-Chef Schneider tritt ab. Foto: dpa

Bedford-Strohm ist leicht zu verstehen. Er kann griffig formulieren und verpackt seine Botschaften bisweilen werbewirksam. Die Bibel sei der „größte Bestseller über das Glück“ sagte er einmal und plädiert für eine Kirche, die „eine Kraftquelle“ für die Menschen ist. Seine Rede enthält aber zuweilen neben der direkten Ansprache gewissermaßen ein doppeltes Vergnügen bereit: Sie hat oft ihre Subtexte. Predigen im volkstümlichen Sinn hat Heinrich Bedfords-Strohm immer parallel zur Forschung betrieben: nach dem Studium in Erlangen, Heidelberg und Berkeley zunächst als Vikar in Heddesheim, später zweimal als Pfarrer in Coburg. Vor Heddesheim war er Assistent von Wolfgang Huber. Von 2004 an arbeitete er als Professor für Systematische Theologie in Bamberg, schließlich wurde er Gründungsrektor der Dietrich-Bonhoeffer-Forschungsstelle für Öffentliche Theologie.