Neuer IHK-Präsident Nicht nur Umfragen machen, die Probleme bestätigen

Der frühere CDU-Landtagsabgeordnete und Unternehmer Claus Paal Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Mit der hohen Inflation der vergangenen Monate geistert das Schreckgespenst der De-Industrialisierung durch Deutschland. Der designierte IHK-Präsident Claus Paal hat eine einfache Lösung.

Entscheider/Institutionen: Annika Grah (ang)

Die Unternehmen in der Region Stuttgart müssen noch stärker auf das Thema Technologietransfer setzen. Dies jedenfalls ist die Meinung von Claus Paal, des künftigen Präsidenten der Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart. „Alle Herausforderungen der heutigen Zeit haben mit Technologie zu tun – Klimaschutz, Stromerzeugung, Mobilität“, sagte Paal unserer Zeitung. „Und wenn wir in Baden-Württemberg mit etwas stark sind, ist es die Technologie.“

 

Paal (56) war im Mai von der Vollversammlung der Kammer zum Nachfolger von Marjoke Breuning gewählt worden, die ihr Amt wegen der Geschäftsaufgabe von Maute-Benger niederlegt. Am 1. Juli tritt der frühere CDU-Landtagsabgeordnete das Ehrenamt bei der wirtschaftsstärksten Kammer im Land offiziell an. Rund ein Viertel der Wertschöpfung im Land stammt aus der Region.

Suche nach Lösungen ist für Paal Programm

„Wir haben in Baden-Württemberg eine hervorragende Forschungsinfrastruktur. Und wir haben für fast alles eine Lösung“, sagte Paal weiter. „Die IHK muss helfen, dass wir diese Lösungen von der Forschung schneller in die Betriebe bekommen, marktreif machen und zum Erfolg führen.“ Als Beispiel nennt er die Brennstoffzelle. Die stamme aus Baden-Württemberg. Die Technologie sei aber lange so gut wie nicht genutzt worden.

Die Suche nach Lösungen ist für den neuen IHK-Präsidenten eine Art Programm – dabei schlägt er andere Töne an als andere Wirtschaftsvertreter. „Ich bin Ingenieur. Ich möchte Probleme lösen und nicht nur Umfragen darüber machen, die unsere Probleme bestätigen“, sagte er. „Ich möchte weniger diskutieren, wo die Gefahren sind, sondern mehr, wo die Chancen liegen.“ Auch bei staatlichen Hilfen hat Paal, der selbst aus einer Unternehmerfamilie stammt, Vorbehalte: „Grundsätzlich sollten wir wieder etwas kritischer werden beim Thema Förderprogramme und Subventionen. Der Staat hat nur begrenzte Ressourcen“, sagte er. Bevor Förderprogramme verlängert würden, solle zunächst geprüft werden, was sie gebracht hätten.

Angesichts der gewaltigen Transformation, vor der die Wirtschaft in der Region steht, mache er sich in toto keine Sorgen um die Jobs, erklärte Paal. „Die Leute werden bei uns unterkommen – aber in anderen Berufen. Jemand, der heute im Bereich Diesel in der Entwicklung tätig ist, kann morgen Elektromotoren entwickeln.“

Er sei ein klarer Verfechter von unternehmerischer Verantwortung, meinte Paal. Die Unternehmen müssten ihr Programm selbst überarbeiten und anpassen. „Aber wenn ich eine politische Aufgabe sehe, dann ist es, in der Transformation nach den Mitarbeitenden zu sehen und sie bei der Entwicklung mitzunehmen.“ Auch die IHK werde dabei helfen. Die Kammer organisiere nicht nur die Ausbildungsberufe, sondern auch die Anerkennung von Weiterbildungen.

Gewerbeflächen und Wasserstoff

In seiner Arbeit will Paal Schwerpunkte bei der dualen Ausbildung, beim Fachkräftemangel und Bürokratieabbau setzen. „Den Fachkräftemangel bekommen wir nicht allein durch Zuzug aus dem Ausland gelöst. Wir brauchen Automatisierung, wir brauchen Verfahrensbeschleunigung“, sagt er. Beim Thema Bürokratieabbau setzt Paal auch auf Künstliche Intelligenz (KI): „Wir prüfen, ob wir KI nutzen können, um Vorschläge zum Bürokratieabbau zu sichten.“

Und noch etwas will Paal während seiner Präsidentschaft in die Hand nehmen. „Wir bauen ein Flächenmanagement als Dienstleister für die gesamte Region auf“, kündigt er an. Die Stelle solle bei der Koordinierung zwischen Kommunen und der Region Stuttgart unterstützen und eine Art Kompetenzzentrum Bauleitplanung und Flächenmanagement sein. Es dürfe keinen unkontrollierten Flächenfraß geben, aber dort, wo notwendig, müssten auch Gewerbegebiete geschaffen werden. Denn: „Wir müssen im notwendigen Maß unseren Bestandsfirmen die Möglichkeit geben zu wachsen. Und wir müssen Firmen den Zuzug ermöglichen.“

Klare Haltung zur Pflichtmitgliedschaft

Mit Blick auf die Zukunft der Region denkt Paal aber nicht nur an die Transformation der Industrie und die Ausweisung von Gewerbeflächen: „Wasserstoff wird in den kommenden Jahren ein Megathema werden“, prognostiziert Paal. Deswegen will die Kammer nicht nur bei den Unternehmen abfragen, wie ihr künftiger Bedarf an Wasserstoff aussehen könnte. Sondern er möchte die Firmen auch dabei beraten, wie sie Wasserstoff nutzen könnten. Wasserstoff sei „ein Energieträger, der nie verbraucht, sondern nur umgewandelt wird“, sagt der Ingenieur.

Zum Thema Pflichtmitgliedschaft, die kleine Firmen wie die oppositionelle Kakteengruppe infrage stellen, hat Paal eine klare Meinung. Sie sei ein Grundpfeiler der Arbeit der Kammer: „Die großen Unternehmen brauchen unsere Beratung nicht, aber aus dem Mittelstand bekommen wir täglich Anfragen: Mit dem Beitrag, den die Großen bezahlen, können wir die Unterstützung der Kleinen finanzieren.“

Über Claus Paal

Unternehmer
Vor 30 Jahren übernahm Paal das Unternehmen seines Vaters, die Paal Verpackungsmaschinen GmbH. 2008 wurde die Firma an Bosch verkauft. Paal ist heute Geschäftsführender Gesellschafter einer Unternehmensberatung und bei der A+V Automation und Verpackungstechnik GmbH, die beide ihren Sitz in Schorndorf haben.

Politiker
Seit 2004 ist Paal Mitglied der CDU Baden-Württemberg. Von 2011 bis 2021 saß er für seine Partei im Landtag, zuletzt als wirtschaftspolitischer Sprecher. Bei der Landtagswahl 2021 kandidierte er nicht mehr. Neben der Präsidentschaft der IHK Region Stuttgart hat er das Amt auch in der Bezirkskammer Rems-Murr inne.

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