Man hat es nicht leicht: „Die Versuchung des heiligen Antonius“ von Martin Schongauer gibt ziemlich gut wieder, worum es in Bodo Kirchhoffs Roman geht. Foto: Casa Buonarroti
„Seit er sein Leben mit einem Tier teilt“: Im Mittelpunkt des neuen Romans von Bodo Kirchhoff steht ein Mann, der sein Leben lang unsympathische Rollen spielen musste. An der Schwelle zum Tod wird er zum Protagonisten eines Meisterwerks.
Für alte Männer gab es schon einmal bessere Zeiten. Und das liegt nicht nur daran, dass sie da noch jünger waren. Heute schwebt bereits die Farbe der Haare als Verdacht über ihrer Existenz. Und er droht gleich zu Beginn von Bodo Kirchhoffs neuem Roman „Seit er sein Leben mit einem Tier teilt“ eingelöst zu werden – wenn nicht schon der Titel das Bild eines jener misanthropischen Altpessimisten der deutschen Geistesgeschichte evoziert, die wie der Philosoph Arthur Schopenhauer ihre Frauenverachtung mit Hundeliebe kompensierten.
Schon im zweiten Absatz fuchtelt der angejahrte Ex-Schauspieler Louis Arthur Schongauer – und Namensähnlichkeiten sind hier kein Zufall – an der Seite seiner kläffenden Hündin mit einem, wenn auch ungeladenen Revolver herum, um eine fehl- und festgefahrene junge Wohnmobilistin aus den Grenzen seiner privilegierten Eremitage oberhalb des Gardasees zu vertreiben. Und ginge es hier um literarische Verdachtsberichterstattung könnte man noch hinzufügen, dass es nicht lange dauern wird, bis ein edles Oldie-Cabrio durch die kultivierte Einöde daherrauscht, dem eine attraktive Frau in den besten Jahren entsteigt. Bodo Kirchhoff wieder. Aber was heißt das schon?
Trugbilder der Liebe
Der, der sich hierher zurückgezogen hat, um sich aus der Zeit und der Erinnerung zu stehlen, hat eine Karriere als Nebenrollen-Nazidarsteller hinter sich, die ihn bis nach Hollywood geführt hat, worauf die Initialen seiner Vornamen deuten, L. A. – dieser Geschichte gilt der Besuch der Cabrio-Frau, die ein Porträt über ihn schreiben möchte.
Tiefer in die Zeit führt der Nachname: Eine genealogische Linie könnte auf den spätgotischen Maler Martin Schongauer zurückführen, dessen Stich „Die Versuchung des heiligen Antonius“ die Toilette seines möglichen Nachfahren ziert, nebst der gleichnamigen Erzählung Flauberts. Darin geht es um den vergeblichen Versuch, mittels Religion die Ausgeburten der Einbildungskraft zu bändigen.
Bodo Kichhoff Foto: imago stock&people/imago stock&people
Nicht nur die Besucher des stillen Örtchens werden damit mit der Nase auf einen tieferen symbolischen Hintergrund des Geschehens gestoßen. Ein Einsiedler, der in seiner Lebenswildnis von den Versuchungen und Trugbildern der Liebe heimgesucht wird. Eine Verfilmung von Flauberts Buch wäre die einzige relevante Rolle für Schongauer gewesen, seiner filmischen Nazicharge zu entkommen. Es blieb beim Projekt – und einer sich daraus ergebenden Lebensaffäre mit der genialen, doch psychisch instabilen Kostümbildnerin, was auf den erwähnten Revolver zurückführt. Auch der sich anschließenden Ehe mit einer Fotografin geschundener Tiere, die ihn aus dem verhassten deutschen Charme-und-Schneid-Gefängnis seiner Hollywoodtage befreit hat, war kein glückliches Ende beschieden.
Überhaupt die Ehen: Schongauer wuchs im Heim auf, weil seine Mutter verlassen wurde. Die Cabriofahrerin ist mit einem Kardiologen verheiratet, der sich mit allen Herzen besser auskennt als mit dem seiner Frau. Und die Mutter der in ihrem Wohnmobil gestrandeten jungen Frau, die nach einem heftigen Unwetter über das zarte sich bildende intergenerationelle Beziehungsgeflecht als zerstörerische gesellschaftliche Ordnungsgewalt dreinfährt, moderiert eine Fernsehsendung, in der sich miteinander entzweite Leute aussprechen, nur um sich danach wieder in den Haaren zu liegen wie zuvor.
Den Elementarkräften der Trennung wirken die vielfältigen Annäherungen entgegen: zwischen dem herzenswunden Schongauer und der jungen Frau, die einen Reiseblog namens „Geh aus mein Herz und suche“ schreibt und einer anderen Welt zugehört als ihr vorübergehender Gastgeber; zwischen der Porträtistin und dem Porträtierten; zwischen Mensch und Kreatur. Bei all dem könnte es sich um die Phantasmen eines alten Mannes halten.
Doch die erstaunlichste Verbindung wirkt auf einer anderen Ebene. Es ist die überlegene Kunst, mit der hier Heiligenlegende, Filmgeschichte und Gesellschaftsroman zusammenfinden. Mindestens so tief wie der Gardasee dort, wo Schongauer mit der Journalistin baden geht, gründet der schwindelnde Vorrat aus Motiven, Zeichen, Verweisen, über den die Erzählung leichthin hinweggleitet.
Und vielleicht ist das etwas, was sich nicht anders fassen lässt, als das Ergebnis der literarischen Lebenserfahrung eines Autors, der außer dem Alter von 75 Jahren manches mit seinem Protagonisten teilt. Wie diesem an der Schwelle des endgültigen Abschieds noch einmal ein unverhofftes Glück zuteilwird, gelingen Kirchhoff in heiterer Selbstpreisgabe saturierter Männlichkeitsposen Romane, die in ihrer zurückgenommenen Unzeitgemäßheit zum Besten zählen, was die Gegenwartsliteratur zu bieten hat.
Was über dem Haupt des alten weißen Einsiedlers des Gardasees spielt, muss man nicht gleich für einen Nimbus halten, es reicht, sich an dem herbstlichen Goldgrund eines reifen Alterswerks zu weiden.
Bodo Kirchhoff: Seit er sein Leben mit einem Tier teilt. Roman. DTV, 387 Seiten, 24 Euro.
Info
Autor Bodo Kirchhoff wurde 1948 in Hamburg geboren und wuchs in Süddeutschland auf. Er studierte Pädagogik, Psychologie und Soziologie an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt. Er promovierte mit einer Arbeit über den Psychoanalytiker Jacques Lacan. Nach einer kurzen Tätigkeit als Heilpädagoge wurde er Schriftsteller. Er lebt in Frankfurt am Main und am Gardasee, wo er Schreibseminare gibt.
Werk Nach den gefeierten Romanen „Die Liebe in groben Zügen“ (2012) und „Verlangen und Melancholie“ (2014) wurde Bodo Kirchhoff 2016 für seine Novelle „Widerfahrnis“ mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. 2018 erschien sein mutiges Erinnerungsbuch „Dämmer und Aufruhr“, in dem er von den sexuellen Turbulenzen erzählt, denen er sein Schreiben abgerungen hat.