Neuer Science-Fiction-Thriller von Frank Schätzing Gar nicht so dumm, diese Künstliche Intelligenz

Von Markus Reiter 

Der Bestsellerautor Frank Schätzing hat mit „Die Tyrannei des Schmetterlings“ wieder einen Technik- und Zukunftsroman geschrieben. Er entführt den Leser in Paralleluniversen – und lässt ihn dort orientierungslos zurück.

Zukunftswelten sind ihm vertraut: Der Thrillerautor Frank Schätzing Foto: dpa
Zukunftswelten sind ihm vertraut: Der Thrillerautor Frank Schätzing Foto: dpa

Stuttgart - Vermutlich werden in einigen Jahren menschliche Thrillerautoren wie Frank Schätzing durch Künstliche Intelligenz (KI) ersetzt werden. Der Computer errechnet dann mit Daten, die er auf Millionen von elektronischen Büchern gesammelt hat, bei welchen Cliffhangern die meisten Leser weiterlesen, wo sie ins Stocken geraten, wo sie gar einige Seiten überblättern oder – Gott behüte! – das Buch ganz aus der Hand legen. Er ermittelt, welche Charaktere Leser sympathisch finden, wie Bösewichte zu wirken haben, welche Metapher besonders gut ankommt. Er findet womöglich heraus, dass, wer sich für Künstliche Intelligenz interessiert, auch an kosmologischen Urknall-Theorien Interesse hat.

Vorläufig müssen wir uns jedoch mit handgestrickten Romanen wie „Die Tyrannei des Schmetterlings“ des Kölner Ex-Werbefachmanns Frank Schätzing zufrieden geben. Es ist das jüngste Werk eines Autors, dessen Roman „Der Schwarm“ sich weltweit rund 4,5 Millionen mal verkauft hat. Schätzing bewies mit diesem Erfolg und dem darauffolgenden „Limit“, dass nicht nur Amerikaner wie Michael Crichton anständige Wissenschafts- und Science-Fiction-Thriller schreiben können. Nach einem Ausflug vor vier Jahren in den nur allzu gegenwärtigen Nahost-Konflikt mit dem Roman „Breaking News“ kehrt Schätzing nun in die ihm vertrauteren Zukunftswelten zurück. Mit durchwachsenem Erfolg. Das Urteil des (menschlichen) Rezensenten über „Die Tyrannei des Schmetterlings“ lautet: Ein ordentlicher Thriller – mit allzu vielen menschlichen Schwächen.

Ken Folletts Ratschlag ist bei Schätzing nie angekommen

Fangen wir mit den Schwächen an. Schon auf der ersten Seite stößt der Leser auf Sätze wie diese: „Ein Grollen wird durch die Wolken gereicht“ und „Der rissig gebackene Boden scheint nicht fähig, die Tropfen zu schlucken. Dick und zitternd balancieren sie im Staub, entformen sich jäh und hinterlassen schnell verblassende Flecken auf dem lehmigen Krakelee“. Der wabernde Stil wird auf den folgenden rund 700 Seiten nicht besser. Ken Folletts Ratschlag an Bestsellerautoren, jeden Satz so schlicht wie möglich zu konstruieren, ist bei Frank Schätzing nie angekommen. Aber: Schwarm drüber! Bücher wie diese liest man nicht wegen ihres blendenden Sprachstils.

Schwerer wiegt da schon, dass dem Autor im Fortlauf seines Romans die Handlung entgleitet. Sie entwickelt sich vom Linearen ins Multi-Facettenreiche. Das ist für einen Thrillerautor keine lässliche Schwäche. Nach den Regeln des Genres müsste es umgekehrt sein: Eine Vielzahl an Handlungen kulminiert in einem dramatischen Höhepunkt. Bei Schätzing weiß der Leser jedoch auf den letzten zweihundert Seiten nicht mehr so genau, welcher der Protagonisten sich gerade in welchem Paralleluniversum bewegt. Vielleicht ist das aber Absicht, weil die vielen Möglichkeiten, wie sich die Zukunft entwickeln könnte, auch in Wirklichkeit ziemlich verwirrend sind.

Die Geschichte startet noch ganz konventionell. In einem gottverlassenen Landkreis an der kalifornisch-mexikanischen Grenze wird der Vize-Sheriff Luther Opoku zu einem Unfall gerufen. Eine junge Frau ist mit ihrem Auto gegen einen Baum geknallt. Vieles deutet darauf hin, dass sie von der Straße gedrängt wurde. Im Fahrzeug entdecken die Polizisten einen versteckten USB-Stick mit Aufnahmen aus einem geheimen unterirdischen Forschungslabor des Internet-Giganten Nordvisk, das sich ganz in der Nähe mitten in der Wüste befindet. Dort beginnt der ghanaisch-stämmige Opoku, ein traumatisierter Ex-Drogenfahnder mit komplizierten Familienverhältnissen, seine Ermittlungen. Nordvisk, dessen Hauptsitz sich im Silicon Valley befindet, betreibt in der abgelegenen Gegend seinen Supercomputer namens Ares. Der Name steht für „Artificial Research & Exploration System“, auf Deutsch „Künstliches Forschungs- und Erkundungssystem“. Es handelt sich um die intelligenteste Künstliche Intelligenz, die je von Menschen geschaffen wurde. Vor allem entwickelt sie sich selbstständig weiter; sie wird von Version zu Version intelligenter und unabhängiger.

Das Ziel der KI: eine immer bessere Welt

Ihr Schöpfer, der Technikfreak Elmar Nordvisk, eine Art verdruckster Elon Musk, hat Ares ein ethisches Ziel einprogrammiert: eine immer bessere Welt zu schaffen. Ach, was heißt „eine Welt“ – tausende, hunderttausende, Millionen von besseren Welten. Denn auf so superintelligente Weise, dass sie sich jeder Erläuterung (auch der Schätzings) entzieht, ist es der KI gelungen, Zugang zu Paralleluniversen zu bekommen. Dort leben, einer Variante der kosmologischen Urknall-Theorie zufolge, Doppelgänger von uns in einer Wirklichkeit, die sich anders als unsere entwickelt hat. Adolf Hitler fiel zum Beispiel dem Bürgerbräukeller-Attentat zum Opfer oder Hillary Clinton wurde zur Präsidentin der USA gewählt. In eines dieser Paralleluniversen gerät Vize-Sheriff Luther Opoku bei seinen Ermittlungen. Statt sich um einen Verkehrsunfall in der Provinz zu kümmern, jagt er plötzlich einen Inter-Universums-Waffenhändler. Dabei muss er mit Freund und Feind in ein weiteres Paralleluniversum übertreten, das „PU 453“ – in eine vom Supercomputer Ares vollständig beherrschte Welt, dreißig Jahre in der Zukunft.

Künstliche Intelligenz und ihre ethischen Dilemmata, Parallelwelten, Öko-Kollaps, intelligente Bio-Waffen (zum Beispiel Killer-Libellen), die Gefahren des „Internets der Dinge“ – die Themen, die sich aus dieser Konstellation ergeben, sind in der Science-Fiction-Literatur nicht neu. Aber Frank Schätzing gelingt es, sie lehrreich und hinreichend differenziert in eine Thrillerhandlung zu verpacken. Das ist die Stärke des Romans. Er ist damit einem Dan Brown überlegen, der sich in seinem jüngsten Buch „Origin“ ebenfalls der KI angenommen hatte.

Doch während Brown dem Leser weismachen will, der Vortrag eines Internet-Gurus mit der visionären Kraft einer Digitalministerin Dorothee Bär versetze Gott und die Welt in Panik, behandelt Schätzing die wirklich interessanten Fragen – wenngleich zu viele auf einmal. Kein Wunder, er hat gründlich recherchiert in Interviews mit dem Internet-Philosophen Jaron Lanier, dem Silicon-Valley-Milliardär Peter Thiel und dem Vordenker-Team des Axel-Springer-Verlags in Palo Alto. Wer Schätzing liest, befindet sich also auf der Höhe der Diskussion. Viele Ausgestaltungen der Künstlichen Intelligenz sind heute bereits Wirklichkeit; die wenigen Jahre, bis unsere Thriller von ihr geschrieben werden, müssen wir mit einem Frank Schätzing vorlieb nehmen.




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