Das zweite Futur, die Zeitform der vollendeten Zukunft, ist die Grammatik der Zäsuren. Wenn nach den Sommerferien die Saison 2024/25 der Landesbühne Esslingen (WLB) beginnt, wird Intendant Friedrich Schirmer von Bord gegangen sein und Marcus Grube das Ruder überlassen haben. Die Zäsur setzt der alsbaldige Alleinintendant mit seinem neuen Spielplan. Denn der steht im Futur, nicht dem zweiten, sondern dem ersten: Eine offene, unvollendete Zukunft wird in die theatrale Ausschau genommen mit Stücken wie „Jeeps“ über soziale Gerechtigkeit durch allgemeine Verlosung vererbter Vermögenswerte, „Keinland“ über die Rettung vor steigenden Meeresspiegeln durch wachsende Plastikmüllberge oder dem ollen „Frankenstein“-Schocker der Romantikerin Mary Shelley, wächst doch der alten Fantasie vom Künstlichen Menschen mit der heraufziehenden Künstlichen Intelligenz ganz neue Brisanz zu. Dystopie? Utopie? Comedy! Chefdramaturgin Anna Gubiani verweist auf Witz und Ironie der Texte, die trotz düsterer Aussichten jeden lähmenden Fatalismus in die Schranken weisen.
Spielplanstrategisch ist’s nach elf Jahren Schirmer-Grube’schem Blick zurück nach vorn – dem Versuch, aus der Retrospektive die Gegenwart zu erhellen – eine Wende zu den unmittelbaren Zukunftsfragen: „Wie wollen wir leben? Und wie mit diesem Planeten umgehen?“, formuliert Grube. Natürlich hängen solche Fragen nicht wurzellos in der Luft. Deshalb lotet auch der neue Spielplan nach Herkommen und Verdrängtem. Etwa der Schuldfrage eines ungeklärten Familienmords in „Tannöd“. Oder dem Raubbau an der Natur mit seinen menschlich-tragischen Folgen durch den Braunkohle-Tagebau in „Die Grube“. Dass im Befund von Krankheit als Luxus eine sehr gegenwärtige Sozialdiagnose stecken könnte, ist Ausgangshypothese für Molières „Eingebildeten Kranken“. Im Musical „Once“, einem Liebesdrama in der Folkszene, blockiert die Vergangenheit eine bessere Zukunft, die in „Rausch“ ein Midlife-Experiment mit kontrollierter Alkohol-Verabreichung sichern soll – was tödlich außer Kontrolle gerät. Dem fabulierenden Jugoslawienkrieg-Bewältigungsversuch vom Soldaten, der das Grammofon repariert, serviert die kriegerische Gegenwart sozusagen gratis die traurige Aktualität nach.
Krankheit als Luxus
Eigene Akzente setzt Grube auch mit neuen Regiepositionen, dafür fehlen diesmal bewährte Inszenatoren wie Klaus Hemmerle, Marcel Keller, Alexander Müller-Elmau oder Christof Küster (der als neuer Intendant des Stuttgarter Theaters der Altstadt anderweitig beschäftigt sein dürfte).
Lebensklug und selbstbewusst
Schon am 20. Juli startet die Junge WLB in die neue Saison. Da setzt Alice Therese Gottschalk das Kinderbuch von der lebensklugen Maus „Frederick“ in Szene, die Sonnenstrahlen sammelt. „Weil wir zum Spielzeitstart im September so viele Premieren haben, ziehen wir diese Inszenierung vor“, sagt Laura Tetzlaff, die Leiterin der jungen Sparte an der Landesbühne. Sie selbst führt bei der nächsten Premiere Regie: Finn-Ole Heinrichs Kinderbuch „Die Abenteuer der Maulina Schmitt“ über ein vorlautes Mädchen, das sein Leben selbstbewusst meistert.
Fantasy und Märchen sind bei der Jungen WLB gefragt – ebenso wie eine Vielfalt der Formate. Ein Klassiker ist Cornelia Funkes „Gespensterjäger auf eisiger Spur“. Das Kinderbuch zeigt das Ensemble mit Hörspiel-Elementen. Die Fantasie beflügelt auch Michael Endes „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“, das als Familienstück ab 16. November zu sehen ist.
Spartenchefin Tetzlaff setzt auch auf neue Entdeckungen. „Das schrillste Blau“ des jungen Autors Sergej Gößner verführt Kinder ab vier Jahren zu Sprachspielen.
Kontinuität im Ensemble
Ansonsten: keine weiteren Zäsuren. Beim Ensemble gilt aufrechtes „Weiter so!“, denn das Ensemble ist stark – auch wenn es im Rahmen mäßiger Fluktuation drei Säulen verliert: Antonio Lallo, Felix Jeiter und Alessandra Bosch arbeiten künftig freiberuflich – unter anderem als Gäste an der WLB. Der ans Theater Plauen-Zwickau wechselnden Lesekiste-Darstellerin Sophia Bauer folgt Chiara-Luisa Schrenk nach, die Neubesetzung der drei übrigen Stellen ist im Gange.
Besucherzahlen steigen wieder
Die Besucherzahlen erholen sich vom Corona-Tief. 2022/23 lagen die 55 600 Gäste in Esslingen und die 42 000 auswärts noch unterm Schnitt, in der laufenden Saison stieg der Andrang über Vorjahresniveau. Auffällig ist laut Verwaltungschefin Vera Antes die postpandemische Nachfrage nach Unterhaltungsstücken: „Shakespeare in Love“ und „Blues Brothers“ sind die Renner, mit Abstand folgen „Corpus delicti“ und – als Abi-Sternchenthema – Kafkas „Amerika“.
Die Premieren der Spielzeit 2024/25 an der Esslinger Landesbühne
Der eingebildete Kranke
von Jean-Baptiste Molière, übersetzt und bearbeitet von Martin Heckmanns. 21. September. Regie: Eva Lemaire.
Die Grube
nach dem gleichnamigen Buch von Ingrid Bachér. 5. Oktober. Regie: Mirjam Neidhart.
Once.
Musical nach dem gleichnamigen Film von John Carney, Buch von Enda Walsh. 13. Dezember. Regie: Andreas Kloos. Musikalische Leitung: Leander Mangelsdorf.
Wie der Soldat das Grammofon repariert
nach dem gleichnamigen Roman von Saša Stanišic. 16. Januar 2025. Regie: Felix Metzner.
Jeeps
von Nora Abdel-Maksoud. 21. Februar 2025. Regie: Tobias Rott
Rausch
nach dem gleichnamigen Film von Thomas Vinterberg und Tobias Lindholm. 20. März 2025. Regie: Jenke Nordalm.
Tannöd
von Andrea Maria Schenkel. 23. Mai 2025. Regie: Christoph Biermeier.
Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst.
Eine Ehe in zehn Sitzungen von Nick Hornby. 28. September. Regie: Christine Gnann.
Keinland
. 135 Bilder einer Ausstellung von Magdalena Schrefel. 16. Februar 2025. Regie: Laura Tetzlaff.
Frankenstein oder Der moderne Prometheus
nach dem Roman von Mary Shelley. 14. Juni 2025. Regie: Eva Lemaire.
Frederick
von Leo Lionni. Ab vier Jahren. 20. Juli, Studio am Blarerplatz. Regie und Ausstattung: Alice Therese Gottschalk.
Die Abenteuer der Maulina Schmitt
von Finn-Ole Heinrich. Ab zehn Jahren. 13. September. Podium 2 im Schauspielhaus. Regie: Laura Tetzlaff.
Gespensterjäger auf eisiger Spur
von Cornelia Funke. Ab acht Jahren. 5. Oktober, Studio am Blarerplatz. Regie: Johannes Schleker.
Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch
nach dem Buch von Michael Ende. Ab sechs Jahren. 16. November, Schauspielhaus. Regie: Konstanze Kappenstein.
Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin
von Roland Schimmelpfennig, frei nach dem Märchen von Hans Christian Andersen. Ab sechs Jahren. 8. März 2025, Studio am Blarerplatz. Regie: Martin Pfaff.
Das schrillste Blau
von Sergej Gößner. Ab vier Jahren. 9. März 2025, Podium 2 im Schauspielhaus. Regie: Frances van Boeckel.
Himmelwärts
von Karen Köhler. Ab acht Jahren. 10. Mai 2025, Podium 2 im Schauspielhaus. Regie: Catja Baumann.