Neuer Stadtteil in Sindelfingen Breuninger-Projekt gilt als Geschenk
Einzig der Einzelhandel hadert mit den Bauplänen in Sindelfingen. Mit Widerspruch aus dem Rathaus muss das Handelsunternehmen nicht rechnen – im Gegenteil.
Einzig der Einzelhandel hadert mit den Bauplänen in Sindelfingen. Mit Widerspruch aus dem Rathaus muss das Handelsunternehmen nicht rechnen – im Gegenteil.
Sindelfingen - Bis zum Sitzungsbeginn ahnte niemand auch nur vom Anlass des Treffens. „Das fand ich schon erstaunlich, dass es so lange geheim geblieben ist“, sagt Axel Finkelnburg. Er stand als Fraktionsvorsitzender der Sozialdemokraten auf der Teilnehmerliste. Am Dienstag um 10.30 Uhr wurden alle Fraktionschefs darüber informiert, dass Breuninger in Sindelfingen keine schlichte Erweiterung seiner Verkaufsfläche plant, sondern den Bau eines ganzen Stadtteils mit Büros, Wohnungen und einem Hotel. Im Lauf des Tages erweiterte sich der Kreis der Wissenden. Die Reaktion auf die Breuninger-Pläne war nahezu einhellige Begeisterung.
Einspruch erhebt erwartungsgemäß der Einzelhandel. „Was Breuninger vorgelegt hat, ist für uns nicht akzeptabel“, sagt Hermann Ayasse, der Vorsitzende des Gewerbe- und Handelsvereins. Er wirft dem Unternehmen gar Arroganz vor, eben wegen der Geheimhaltung. „Nicht einmal die privaten Grundstückseigentümer waren informiert“, sagt Ayasse, „so etwas macht man nicht“. Etwa fünf Prozent des Baugrunds entfällt auf sie. Die bisherigen Reaktionen der Einzelhändler auf die Pläne seien einhellig: „Dann können wir schließen.“ Tatsächlich sind Geschäftsaufgaben und ein siechendes Stadtzentrum seit Jahren ein kommunalpolitisches Thema in Sindelfingen. Überdies hält Ayasse einen weiteren Hotelneubau für mindestens einen zuviel.
In Stuttgart war Breuninger mit seinen Plänen für das Dorotheenquartier auf Widerstand gestoßen. Erst nach jahrelangem Ringen mit der Stadtverwaltung und dem Gemeinderat wurde der erste Spatenstich gesetzt. Anfangs waren die Gebäude den Verantwortlichen zu massiv und mussten schrumpfen. Am Ende wurde noch über die Anmutung der gläsernen Dachlandschaft von der Halbhöhenlage aus gestritten. Zwischenzeitlich hatte Breuninger das Vorhaben schon aufgegeben, weil es sich betriebswirtschaftlich nicht mehr zu rechnen schien.
Hingegen dürfte in Sindelfingen Widerstand gegen das neue Quartier zwecklos sein, jedenfalls gemessen an den Stimmen aus dem Gemeinderat: „Wir finden es toll, dass da jemand so in den Wohnungsbau investiert“, sagt Tobias Bacherle, der Fraktionschef der Grünen, „das könnten wir als Stadt niemals leisten“. Neben neuen Gewerbebauten, in denen bis zu 7000 Arbeitsplätze geschaffen werden könnten, plant das Unternehmen den Bau von etwa 800 Wohnungen. Insbesondere den Grünen gefällt, dass die Neubauten auf einer Fläche entstehen sollen, die bisher als Parkplatz genutzt wird. Gleiches gilt für die anderen Fraktionen.
„Das ist ein Glücksfall“, sagt der Christdemokrat Walter Arnold, „das Quartier wird eine Aufwertung für die gesamte Stadt“. Die Probleme der Einzelhändler müssten unabhängig vom Projekt gelöst werden. Ähnlich sieht es Finkelnburg. „Die Pläne sind eine Vision, wie ich sie mir für die Innenstadt auch mal wünsche“, sagt der Sozialdemokrat, „und die Einzelhandelsfläche wird dadurch ja nicht größer“ – als ohnehin längst geplant. Breuninger hatte sich eine Vergrößerung von 32 000 auf 42 000 Quadratmeter gegen den Einspruch des Regierungspräsidiums vor Gericht erstritten.
Ingrid Balzer, die Chefin der Freien Wähler, formuliert Pro wie Kontra unmissverständlich: „Die Pläne sind eine tolle Vision für die Gesamtstadt, aber für die Innenstadt bedeuten sie das Aus.“ Der Liberale Andreas Knapp wertet das Vorhaben als Geschenk, das unmöglich abgelehnt werden könne und versucht sich seinerseits als visionärer Denker zur Rettung des innerstädtischen Einzelhandels. Um Breuninger-Kunden ins Zentrum zu locken, hält er eine Seilbahn ebenso für denkbar wie eine Verbindung mit selbstfahrenden Automobilen.