Neuer Stuttgarter DRK-Präsident Martin Schairer „Null Toleranz“ bei Übergriffen auf Rettungskräfte

Auf Martin Schairer warten beim Stuttgarter DRK-Kreisverband viele Aufgaben. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Nach internen Querelen und einjähriger Vakanz hat das Stuttgarter DRK einen neuen Präsidenten. Der frühere Ordnungsbürgermeister Martin Schairer hat sich hohe Ziele gesetzt – nach innen wie nach außen.

Kriminalität, Sicherheit und Justiz: Jürgen Bock (jbo)

Mit 160 Jahren gehört der Stuttgarter Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) zu den ältesten der Welt. Vor Kurzem ist der frühere Stuttgarter Polizeipräsident und Ordnungsbürgermeister Martin Schairer zum Präsidenten des fast 2000 haupt- und ehrenamtliche Mitglieder zählenden Verbandes gewählt worden. Der 70-Jährige tritt eine anspruchsvolle Aufgabe an.

 

Herr Schairer, sind Sie schon in Ihrer ehrenamtlichen Präsidentenrolle angekommen?

Ich habe just heute meinen DRK-Mitgliedsausweis bekommen. Ich musste vor der Wahl ja erst eintreten. Seither führe ich viele Gespräche, lerne die verschiedenen Bereiche kennen.

Sie waren früher als Ordnungsbürgermeister unter anderem als Rechtsaufsicht für den Rettungsdienst und damit auch das DRK zuständig. Fühlt sich dieser Rollenwechsel merkwürdig an?

Nein, das bereitet mir keine Probleme, da sind alle Beteiligten professionell unterwegs. Als man mich gefragt hat, musste ich nicht lange überlegen. Ich kenne mich durch meine früheren Tätigkeiten gut mit der Sicherheit in der Stadt aus, mit der Polizei, der Feuerwehr, aber auch mit Hilfsorganisationen wie dem DRK. Mit dem Roten Kreuz hatte ich zuvor auch schon privat zu tun, durch meine plötzlich schwer erkrankte Mutter, die im Haus auf dem Killesberg des DRK hervorragend gepflegt worden ist.

Eine Findungskommission hat sich ein Jahr Zeit gelassen, um einen Nachfolger für Walter Sopp zu finden, der nach einem Antrag von internen Kritikern abberufen worden war. Der Verband, hieß es, sei gespalten. Wie schwierig wird es, die Gräben zuzuschütten?

Dort, wo es etwas aufzuarbeiten gibt, werden wir das tun. Beim Roten Kreuz ist so viel soziale Kompetenz unter den Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen vorhanden, dass wir das gemeinsam schaffen werden. Wir schauen in die Zukunft. Gleich in der ersten Präsidiumssitzung wollen wir etwa bindende Compliance-Regeln festlegen, die künftig Interessenkollisionen verhindern. Über allem muss stehen, dass die Hilfe, die vom DRK Stuttgart erwartet wird, kompetent und engagiert geleistet wird und bei den Menschen ankommt.

Welche Stimmung nehmen Sie im Verband wahr?

Es herrscht Aufbruchstimmung. Ich selbst erfahre eine hohe Akzeptanz, viel Vertrauen, aber auch eine große Erwartungshaltung. Ich will mich intensiv engagieren. Jetzt müssen wir alle liefern. Das ist eine beiderseitige Verpflichtung.

Wo wollen Sie ansetzen?

Generell gilt es, das für unsere Gesellschaft so wichtige Rote Kreuz in die Zukunft zu führen und seinen Gemeinsinn auch nach außen offensiv zu vertreten. Dazu gehört, weiterhin die Jugend für unsere Arbeit und unser Engagement zu begeistern und hoch motivierte Helferinnen und Helfer zu gewinnen. Wir müssen aber auch unsere Geschäftsfelder halten. Wir bieten in Stuttgart über 60 verschiedene Dienstleistungen an, vom Rettungs- und Sanitätsdienst über den Hausnotruf, Erste-Hilfe-Kurse, Kälte- und Hitzebus bis hin zum Betrieb von Seniorenzentren.

Das klingt teuer. Aber das DRK verfügt ja über viele Förderer.

Ganz so einfach ist das nicht. Gutes zu tun, kostet Geld. Wir sind keine reiche Organisation. Wir leben entscheidend von Spenden, Beiträgen und Erbschaften. Nichts ist selbstverständlich, deshalb gehört es auch zu den Herausforderungen, die finanzielle Zukunft des DRK zu sichern.

Schon direkt nach Ihrer Wahl haben Sie ein weiteres Thema angesprochen, das Ihnen wichtig ist: die zugenommene Aggression gegenüber Rettungskräften. Was kann man dagegen tun?

Es ist unsäglich, was da passiert. Beim Einsatz des Roten Kreuzes sehen die Aggressoren offenbar nur das Blaulicht. Wir müssen klar machen, dass wir nach den Grundsätzen der Menschlichkeit, der Unparteilichkeit und der Neutralität handeln. Wir helfen Opfer und Täter. Es geht um Respekt vor der Menschlichkeit.

Diesen Respekt lassen viele inzwischen vermissen?

Körperliche Übergriffe gibt es leider auch in Stuttgart häufig. Dokumentiert sind zwölf im Jahr 2021 und zehn im vergangenen Jahr. Dazu kommt aber, dass Beleidigungen und Pöbeleien von den Einsatzkräften inzwischen gar nicht mehr gemeldet werden. Sie werden hingenommen. Das akzeptiere ich nicht. Künftig sollen Angriffe und Beleidigungen konsequent angezeigt und strafrechtlich verfolgt werden. Wir fahren eine Null-Toleranz-Strategie. Daneben gibt es ja Respektkampagnen zusammen mit der Polizei, der Feuerwehr und den Stuttgarter Straßenbahnen, die fortgesetzt werden müssen. Wir müssen auch nach innen Haltung zeigen, damit keine Resignation entsteht.

Sie kennen die Sicherheitslage in Stuttgart seit Jahrzehnten. Hat sie sich verschlechtert?

Ich betrachte das derzeit eher von außen, stehe aber in engem Kontakt mit den Verantwortlichen bei der Stadt und der Polizei. Stuttgart ist meinem Eindruck nach noch immer eine vergleichsweise sichere Stadt. Aber das Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung entspricht dem nicht immer.

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