In Tübingen formiert sich Widerstand gegen den die Umbaupläne des Anlagenparks. Der grüne Oberbürgermeister Boris Palmer hat indes keinerlei Verständnis für das Anliegen des neuen Vereins Pro Arbore.

Tübingen - Die Großzügigkeit des Geländes hat es Marlies Busch angetan. „Das ist der einzige Ort in Tübingen, wo man Ruhe und ein Weiteempfinden hat“, sagt die 73-Jährige und blickt auf die Wasserfläche im Anlagenpark. Das alles werde zerstört, warnt die Psychologin im Ruhestand. Um das zu verhindern, ist sie Mitgründerin eines neuen Vereins, die Gründungsversammlung war am Donnerstag. Pro Arbore heißt er, und ist ein Sammelbecken für die Baumretter Tübingens.

 

Denn knapp 100 Bäume werden in der Unistadt gefällt – die meisten sind schon weg –, um Platz zu machen für gleich mehrere Großprojekte. Marlies Busch hält einen Plan in den Händen, der zeigt, was bis Ende 2023 alles fertig gestellt sein soll. Tübingens Entrée, der Zentrale Omnibusbahnhof, wird komplett umgestaltet, auch eine Tiefgarage für Autos und Fahrräder ist geplant. Etliches habe die Stadt auch im angrenzenden Anlagenpark vor, sagt Busch. Dort soll der See um ein Drittel verkleinert, ein Café mit Terrasse gebaut und das sogenannte blaue Band, ein großzügiger Radweg, realisiert werden. Drei Fahrradbrücken will Tübingen in den nächsten Jahren bauen und das Radwegenetz verbessern. Eine davon soll vom Behördenzentrum im Süden der Stadt in den Park mit seinen rund 1000 Bäumen führen. Der neue vier Meter breite Radweg läuft künftig durch die Grünanlage und am neuen Omnibusbahnhof vorbei. Die Bagger sind schon angerückt.

Jeder einzelne Baum hätte bleiben müssen

Gegen eine Umgestaltung habe sie grundsätzlich nichts, versichert Busch, aber bitte auf jeden Fall die Bäume stehen lassen. Da hätte es andere Lösungen geben müssen, ärgert sich die umtriebige Bürgerin und ist vom Gemeinderat, dessen stärkste Fraktion die Grünen sind, enttäuscht. Aus den Plänen sei leider nie genau hervorgegangen, welche Bäume weichen müssten und welche bleiben dürften. Und sie habe zwar die eine oder andere Informationsveranstaltung der Stadt zu den Bauvorhaben besucht, hätte aber das Gefühl gehabt, dass sowieso alles schon entschieden gewesen sei.

Tübingens grüner Oberbürgermeister Boris Palmer hat für das Anliegen der Pro-Arbore-Mitglieder kein Verständnis. „Das ist ein Symbolkonflikt ohne realen Anlass“, ärgert er sich über den Protest. „Es gibt sachlich keinen Grund, den Bäumen nachzutrauern“, die wenigsten von ihnen seien stattlich gewesen und sie wären einem 40-Millionen-Euro-Projekt im Weg gestanden. Klar sei außerdem, dass bei der Umgestaltung unterm Strich mehr Bäume gepflanzt als gefällt würden – es kommen 170 neue dazu. Außerdem sei Tübingen schon ganz schön grün. Die Stadt pflege einen Bestand von rund 30 000 Straßenbäumen, betont Palmer.

Unterschriften gegen die Fällungen

Marlies Busch würde am liebsten jeden einzelnen Baum erhalten. Das ist ihr eine Herzenssache. Sie hat 1000 Unterschriften gegen die Fällungen im Anlagenpark gesammelt, auch wenn sie ahnt, dass ihr Protest viel zu spät kommt und sie nichts aufhalten kann. Eines soll der Verein aber befördern, sagt sie, eine Baumschutzsatzung für ganz Tübingen, um den Bestand zu sichern. Was Stuttgart habe könne auch in der Unistadt umgesetzt werden. Wer dort einen Baum mit mehr als 80 Zentimeter Stammdurchmesser entfernen will, braucht eine Genehmigung - und wird meist zu Ersatzpflanzungen verpflichtet.