Neues Buch von Tobias Elsässer Cyberthriller „Play“ schaut mit der Jugend in die Zukunft

Von Thomas Morawitzky 

Kann eine App ein Leben vorhersagen? „Play“ heißt das neue Buch von Tobias Elsässer. Der Cyberthriller zeigt, wie Kommunikationstechnik unsere Wahrnehmung beeinflusst, und wartet mit einigen Überraschungen auf.

Der Jugendbuchautor Tobias Elsässer macht eine App zur Metapher für existenzielle Fragen. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Der Jugendbuchautor Tobias Elsässer macht eine App zur Metapher für existenzielle Fragen. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - Die Geister der Moderne leben im Innern der Maschine. Der Aberglaube ist Technologie geworden, und Dämonen, die sich übers Internet ins Leben junger Menschen schleichen, könnten längst ihr eigenes Genre begründen. Jonas, der Held des neuen Buches von Tobias Elsässer, glaubt gar, irgendwo im Netz, auf einer ganz obskuren Website, seinem Schicksal begegnet zu sein. „Die Maschine“ nennt sich eine App, die sich brüstet, zwar nicht den Tod ihres Nutzers, dafür aber alles andere vorhersehen zu können. Übernatürlich soll das nicht zugehen, denn schließlich ist jeder Mensch ein Datengebirge, das die subjektive Vorstellungskraft übersteigt, und der Algorithmus, der all dies miteinander verknüpft, muss Gott sehr ähnlich sein.

Auf der Suche nach Unvorhergesehenem

Jonas hat gerade sein Abitur geschafft, wohnt illusionslos der Feier bei, lässt sich mit seiner Lehrerin ein, weiß aber nicht, ob er sich in sie verliebt hat. Die geheimnisvolle „Maschine“, auf deren Play-Taste er drückte, hat ihm vorhergesagt, dass sein Leben sich ähnlich entwickeln werde wie das seines Vaters. Dieser Vater allerdings ließ seine Familie im Stich, als Jonas noch jung war: So will Jonas ganz entschieden nicht werden. Deshalb macht er sich nach dem Abi auf die große Reise durch Deutschland, mit Rucksack und Daumen, will das Unvorhergesehene in sein Leben einlassen, will sich verändern, will die unselige App davon überzeugen, dass er mehr ist als sein Vater.

Wer ist Single? Ein Blick aufs Display verrät es

„Play“ heißt Tobias Elsässers Buch, seine Zielgruppe sind Jugendliche in Jonas’ Alter, nicht notwendig nur Jungs, denn mit der rätselhaften Sun betritt bald schon eine starke weibliche Figur die Szene. Sun gehört zu einem Mädelstrio, das unterwegs ist zu einer exklusiven Party und dabei Jonas aufgabelt. Auch hier läuft alles via App, werden die Gäste digital zum geheimen Party-Ort gelotst. Ein Blick aufs Display verrät ihnen, wer noch Single ist, und Jonas erfährt mittels der Farbcodes seiner Mystery-App immer augenblicklich, welche Begegnung ihn weiterbringen könnte und welche nicht, welcher Mensch, der seinen Weg kreuzt, zu einer Herausforderung für ihn werden, sein Leben verändern könnte. Auf der Party verschiebt sich durch Drogen- und Alkoholkonsum Jonas’ Wahrnehmung – und am nächsten Morgen befindet er sich, arg verkatert, mit Sun auf dem Weg zu einer entlegenen Berghütte.

Die Welt durch die Smartphone-Brille

Tobias Elsässer verwandelt die App, das Spiel, geschickt in eine Metapher für existenzielle Fragen, streift dabei ganz flüchtig Albert Camus und Hermann Hesse, Autoren, die Abiturienten auch im Jahr 2020 noch kennen dürften. Zugleich zeigt Elsässer, wie sehr die Kommunikationstechnik schon längst die Wahrnehmung bestimmt, den Sprachgebrauch prägt, Verhalten beeinflusst: „Zum Abschluss drücke ich auf die App und bewerte den Stil und die Freundlichkeit meines Gegenübers mit vier oder fünf Sternen.“

Nicht nur die Jugend sieht die Welt heute durch die Smartphone-Brille. Tobias Elsässer, Jahrgang 1973, also gewiss kein Jugendlicher mehr, gibt diese Sicht ganz ungezwungen wieder. Am stärksten ist sein Buch allerdings dann, wenn das Smartphone aus ist: In den Bergen findet Jonas einen sterbenden Wolf, eine Erfahrung, die zum leisen Mittelpunkt des Buches wird, sehr fesselnd geschildert in knapper und klarer Sprache. Solche Schilderungen sind es, die „Play“ vor allem lesenswert machen. Kehren Jonas und Sun zurück in die Welt und ihre Handys sind wieder auf Empfang, dann steigert sich „Play“ schnell zu einem Cyberthriller, der den jugendlichen Erfahrungsalltag hinter sich lässt und mit einigen Überraschungen aufwartet.

Am Ende wartet die Freiheit

Tobias Elsässer wuchs in Leinfelden-Echterdingen auf und lebt heute in Bietigheim-Bissingen; er war zuerst Musiker, schrieb ein Buch über seine Erfahrungen in einer Boygroup, schrieb Bücher über das Erwachsenwerden und Abenteuergeschichten. In „Play“ hat er noch einmal einen jungen Sinnsucher in die Welt hinausgeschickt, der seiner Schicksal-App zuletzt doch noch entkommt: „Die Freiheit“, so steht es auf der letzten Seite, „wartet auf dich.“

Infos zum Buch

Tobias Elsässer: Play. Roman. Hanser, München. 272 Seiten, 16 Euro. Ab 14 Jahren.




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