Neues Einkaufszentrum in Reutlingen Ausweitung der Konsumzone

Das Rathaus-Ensemble in Reutlingen: die Verwaltungstrakte, die das Ratsgebäude flankieren, sollen nach den Vorstellungen der CDU-Fraktion weichen. Foto: Rose Hajdu
Das Rathaus-Ensemble in Reutlingen: die Verwaltungstrakte, die das Ratsgebäude flankieren, sollen nach den Vorstellungen der CDU-Fraktion weichen. Foto: Rose Hajdu

In Reutlingen gibt es Pläne, Teile des Rathauses einem neuen Einkaufszentrum zu opfern. Die Bürger wollen die Vorschläge nicht hinnehmen.  

Kultur: Amber Sayah (say)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Das Reutlinger Rathaus ist kein Bauwerk, zu dem man auf Anhieb in Liebe entbrennt. In den sechziger Jahren von den Stuttgarter Architekten Wilhelm Tiedje und Rudolf Volz erbaut, fällt seine Entstehung in eine Zeit der architektonischen Kraftmeierei. Man machte damals um Tragen und Lasten viel Theater, Konstruktionen sollten "ablesbar" sein, die Materialien - meist Sichtbeton - möglichst unbearbeitet. In die Baugeschichtsbücher ist dieser Stil als Brutalismus eingegangen, abgeleitet vom französischen "brut", zu Deutsch rauh, unverputzt, aber es ist nicht zu übersehen, dass auch das deutsche Wort "brutal" darin steckt.

Der Brutalismus war das Antiprogramm zum Gefälligen, Glatten, Anbiedernden in der Architektur, aber populär wird man mit so einer Ausrichtung nicht, schon gar nicht in deutschen Gemütlichkeitslanden. Fast zwangsläufig gerät die ins Sanierungsalter gekommene Moderne der sechziger und siebziger Jahre daher nun überall in die Defensive. Wo zum Teil hohe Summen für die Instandsetzung erforderlich wären, stellt man sich doch lieber gleich was schönes Neues hin.

Das Ratsgebäude will die CDU erhalten

Dieser geschichtsvergessenen Logik folgt jetzt auch die Reutlinger CDU-Fraktion mit ihrem Vorschlag, das Rathaus am Marktplatz, mit dem der Wiederaufbau des kriegszerstörten Stadtkerns abgeschlossen wurde, teilweise abzureißen. Immerhin, das Ratsgebäude, einen voluminösen Muskelprotz mit außenliegendem Tragwerk, wollen die Christdemokraten erhalten. Verschwinden sollen dagegen die Verwaltungstrakte - oder wenigstens einer davon -, die den Ratssaalkubus L-förmig umgeben. Apart ist an dem Vorstoß aber besonders die Idee, den Altbau nicht durch einen moderneren Verwaltungsneubau zu ersetzen, sondern das Gelände zwecks Ausweitung der Konsumzone an einen Investor zu verscherbeln. Die Verwaltung will die CDU dann irgendwo auf der grünen Wiese oder an der Peripherie unterbringen. In Zukunft also Zara, Kamps und Fielmann statt Einwohnermeldeamt, Standesamt und Stadtwerke im Stadtzentrum? Bürgerferne statt Bürgernähe?

Keine Frage, es liegt an der Architektur der Nachkriegsmoderne, besser gesagt: an der Ignoranz gegenüber der eigenen, jüngeren (Bau-)Geschichte, dass man sie so bedenkenlos entsorgen zu können glaubt. Stünde noch das neugotische Rathaus aus dem 19. Jahrhundert am Reutlinger Marktplatz, das im März 1945 bei einem Bombenangriff in Trümmer fiel, würde keine Partei seine Zerstörung fordern können, ohne einen öffentlichen Aufschrei zu riskieren.




Unsere Empfehlung für Sie