Genuss ist das Vergnügen an der Entschleunigung, wenn man also alles intensiv und in Ruhe auskosten kann. Das Gegenteil davon nennt sich Fast Food. Um mit den Vorzügen der neuen Genusstage zu beginnen: Nicht mehr so überfüllt wie sein Vorgänger, wie das Sommerfest, ist die Neuerfindung der städtischen Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart. Man muss sich nicht mehr so durchdrücken, kann schöne Momente erleben ohne Geschiebe und viele Bekannte treffen, weil man sich auf dem relativ überschaubaren Feiergelände kaum entgehen wird. Man läuft beim Rundgang immer wieder vertrauten Gesichtern über den Weg, ob man will oder nicht.
Das Ambiente des Neuen Schlosses und rund um den Eckensee war beim Sommerfest einzigartig. Nachts hat Stuttgart dank traumhafter Kulisse faszinierend geleuchtet. Die 1914 eröffnete Markthalle hat auch ihre Reize. Aber hier sind nur wenige Palmen illuminiert.
Mit dem überaus beliebten Sommerfest lassen sich die viel kleineren Genusstage nicht vergleichen – aber trotzdem vergleicht fast jede und jeder. Klar, dass fast immer das neue Fest bei den Gästen schlechter abschneidet als die Tradition. Wer aber sieht, wie vergnügt die Menschen an den weiß eingedeckten Tischen hinter der Markthalle sitzen, ihre italienische Vorspeisenplatte (zwölf Euro) genießen und mit Weißwein (sieben Euro für 0,2 Liter) anstoßen, spürt, dass Genuss an diesem regenfreien Donnerstagabend in der Luft liegt.
Der Stand von Conny Weitmann ist am ersten Abend ein Hot-Spot
Auch bei Wirtin Conny Weitmann unterhalb der Stiftskirche ist die Stimmung bestens. Ihr Stand mit mehreren Tischreihen ist ein Treffpunkt für stadtbekannte Festfans, die sich sonst gern in den Zeltlogen auf dem Wasen versammeln. Zum Champagner werden frittierte Calamari mit hausgemachten Soßen genossen. Der neue Klatsch der Stadt macht seine Runden. Es wird viel gelacht, und angesichts der guten Laune scheint niemand das Sommerfest zu vermissen, dessen Teil die Gastgeberin Weitmann immerhin 32 Jahre lang war. Die Wirtin war sofort bereit, beim neuen Fest mitzumachen, weil sie es gut findet, dass es weitergeht und etwas Neues gewagt wird.
Nicht nur an Corona lag’s, dass das Stuttgarter Sommerfest, zu dem fast alle „Stadtfest“ sagten, vor einem Jahr für viele sehr überraschend abgesagt worden ist. Dass es auch anders ging, bewiesen die Festkollegen: Von den Jazz Open bis zum Weindorf – die anderen Klassiker meldeten sich mit viel Begeisterung und einem Ansturm des Publikums zurück. Für die 1991 begründete Open-Air-Party, die mal mit Palmen und weißen Pagodenzelten als die attraktivste Feier der Stadt galt, zog hingegen in.Stuttgart den Stecker. Man versprach, ein neues Konzept für einen neuen Standort „in Richtung Marktplatz“ zu erarbeiten – weg vom Gelände des Landes hin zu städtischen Flächen.
Die Optik ergibt kein geschlossenes Bild
Als weitere Gründe für das Aus des Klassikers sind Personalnot, Wegfall der Sponsoren sowie ein immer schlechteres kulinarisches Niveau genannt worden. Am neuen Ort – Breuninger hat sich mit dem Dorotheen-Quartier bei den Genusstagen angeschlossen – sind 15 Gastronomen im Einsatz – deutlich weniger als die Hälfte im Vergleich zum Sommerfest. Etliche Wirte wie Michael Wilhelmer haben dem neuen Fest einen Korb gegeben.
Bei den Genusstagen ergibt die Optik der verschiedenen Stände kein geschlossenes Bild wie früher beim Sommerfest oder wie beim Weindorf. Mitunter sieht’s aus wie eine Ansammlung von Food Trucks, vor denen Stelzenläufer cruisen. Musikbands sind nicht vorgesehen. Da die Bedingungen zur Teilnahme am Fest nicht so streng sind, quasi jeder machen kann, was er will, sind die Kosten für die Wirte nicht so hoch. So kann bei einem Fest, das nur zweieinhalb Tage dauert, doch was verdient werden.
Dem Wirt Jens Casper gefällt’s, er will künftig aber mehr Sitzplätze
Jens Casper hat für seinen Maultaschenstand Herr Kächele eine Musikanlage aufgebaut. Da dröhnt’s laut. Schon am ersten Abend zieht der Chef, der am liebsten am Eckensee ein eigenes Fest veranstaltet hätte, eine positive Bilanz. „Wir machen nächstes Jahr gern wieder mit – dann aber mit mehr Steh- und Sitzplätzen“, sagt Casper. Hochbetrieb herrscht auch am Stand von Sponsor Mercedes, der zu Werbezwecken eine Limousine mitgebracht hat. Dagegen gibt’s noch reichlich freie Plätze in der Außengastronomie der Markthalle.
Thomas Lehmann, der Chef der Märkte Stuttgart GmbH, sagt, dass es nicht so leicht gewesen sei, Beschicker der Markthalle für die Genusstage zu begeistern – schließlich sind die meisten keine Gastronomen. Nur am Samstag ist das denkmalgeschützte Jugendstilgebäude bis 23 Uhr geöffnet. Auch da hätten nicht alle mitmachen wollen.
Bereits Ideen für eine Erweiterung im nächsten Jahr
Ganz unterschiedlich genießt Stuttgart die neuen Festtage – oder sich selbst. Die einen schimpfen („Also die Kässpätzle waren kein Genuss – die gibt’s bei jedem Straßenfest besser“), die anderen sind begeistert („Ist richtig toll mitten in der City zu feiern und nette Leute zu treffen“). Von den langen Tischreihen mit weißen Decken wie an der Markthalle, ist immer wieder zu hören, sollte es mehr geben. Markus Escher, mit Ginstr an einem Stand vertreten, fand den ersten Abend „super“. Die Gäste seien „gut drauf und sehr freundlich“ gewesen. Jetzt hofft er auf zwei weitere trockene Abende. Der Samstag werde der Haupttag – am Sonntag ist alles schon wieder geschlossen.
Weil viele Wirte zum Start sehr zufrieden waren, hegen sie bereits neue Ideen für die Fortsetzung im nächsten Jahr. Das Event müsse vergrößert und der Schillerplatz vielleicht sogar mit einer Musikbühne bespielt werden. Im Dorotheen-Quartier wiederum freut man sich nicht so sehr, dass sich das Fest in Richtung Schillerplatz bewegt. Die Preise sind nicht gerade ein Schnäppchen, aber an vielen Ständen auch nicht überteuert, insgesamt so hoch, wie man’s auch anderswo mittlerweile kennt.
Ein Anfang ist gemacht. Das Fest hat Potenzial für die Zukunft. Stuttgart, die Genussstadt, kann aber bestimmt noch mehr.