Neues Festival in Weissach Der Sommer im Dorf lässt Gutes erwarten

Gesang und Hammond-Orgel wurden bei der Aufnahmesession mithilfe von Overdubbing-Technik aufgenommen. Foto: Romy S. Fotografie

Karibisches Flair im Strudelbachtal: Paul Carrack und die SWR-Bigband setzen bei neuen Konzertreihe in Weissach musikalische Glanzpunkte.

Leonberg: Thomas K. Slotwinski (slo)

Weissach goes Woodstock. So schön diese Alliteration auch klingt: Von der für Rockfans heiligen amerikanischen Festivalstätte ist die kleine Gemeinde im Leonberger Hinterland noch meilenweit entfernt. Doch sie hat sich auf den Weg gemacht, zum Treffpunkt für Musikfreunde zu werden, die die lauschige Atmosphäre am Waldesrand jener in einer großen Halle vorziehen.

 

Mit leichtem Augenzwinkern hat denn auch der Organisator Frank Bäuerle sein erstes Festival in Weissach „Dorfsommer“ genannt. Das klingt erst einmal beschaulich, hat es aber in sich: Michael Schulte, bekannt als Finalist von Voice of Germany, spielt zum Auftakt und sorgt auf dem zur Festivalarena umfunktionierten Parkplatz vor der Strudelbachhalle gleich für beste Stimmung.

Moderne Technik auf dem Parkplatz

Immerhin hat der Sänger, der gerne der deutsche Ed Sheeran genannt wird, etwas geschafft, was deutschen Vertretern zuletzt nicht mehr gelungen war: einen vierten Platz beim Eurovision Song Contest 2018.

Dass Frank Bäuerle, der einst in Rutesheim und später mit einer Doppelgarage in Weissach klein angefangen hatte, mit seinem Event-Unternehmen schon seit fast 20 Jahren im Geschäft ist, wird allein anhand der der reibungslosen Organisation deutlich. Dort wo sonst die Autos der Hallenbesucher stehen, ist jetzt eine große Fläche mit Stühlen für an die 1000 Gäste. Davor die Bühne mit moderner Technik, sogar eine Großleinwand an der Seite gehört dazu. „Gehört alles uns“, sagt er Chef, nicht ohne Stolz im Unterton. Fast wie im Stadion. Aber doch gemütlicher.

Die Autos stehen auf einem Feld

Die Autos wiederum werden über einen Feldweg auf einen Platz oberhalb der Halle dirigiert. Lichterketten säumen den Weg. Das sieht nicht nur schön aus, sondern ist später eine gute Orientierungshilfe.

Seitlich längs der Straße ist ein großer Gastrobereich mit vier Verpflegungsständen und reichlich Platz auf Bierbänken und Stehtischen. Die Stimmung ist am zweiten Festivaltag kurz vor dem Konzert entspannt und erwartungsfroh. Ein mehrheitlich gesetztes Publikum, viele passend für eine Vernissage schick gekleidet, freuen sich auf einen besonderen Abend: Die SWR-Bigband und Paul Carrack sind angesagt.

Der britische Sänger ist in unseren Gefilden kein Unbekannter. Im vergangenen Jahr hatte der mittlerweile 72-jährige Carrack das Publikum beim Festival Leonpalooza mit seiner eigenen Band verzaubert. Diesmal kommt der Meister, der die Stimme von Mike and the Mechanics war, der Gruppe des Genesis-Mitglieds Mike Rutherford, mit großem Gefolge: eben der Band des Landessenders Südwestrundfunk, die sich aus hervorragenden freiberuflichen Solisten zusammensetzt.

„Ich komme eigentlich vom Rock’n’Roll“, sagt der wie immer bescheiden-Sympathisch auftretende Carrack, der sein Publikum in Deutsch begrüßt. „Vor zehn Jahren habe ich dann diesen fantastischen Bigband-Sound für mich entdeckt. Es ist für mich eine Ehre und ein Privileg, mit diesen wunderbaren Musikern zusammenspielen zu dürfen.“

Zwei gemeinsame Alben

Die so Gelobten bedanken sich auf ihre Weise: Mit einem beeindruckenden Klangteppich, der den Songs aus der Feder von Frank Sinatra, Ray Charles, Sam Cooke oder B. B. King ganz neue musikalische Dimension verleiht, natürlich dominiert von der hervorragenden Bläsersektion. Die aber lässt den anderen Musikern genügend Raum für Improvisationen, etwa dem außergewöhnlichen Pianisten Olaf Polziehn und dem Bassisten Decebal Badila, die hier stellvertretend für ein wirklich hervorragendes Ensemble genannt seien.

Neben den bekannten Christmas-Shows, mit denen Paul Carrack und die SWR-Bigband alljährlich Hunderte in die Stuttgarter Liederhalle locken, haben der britische Sänger und Pianist und die Rundfunkmusiker in den vergangenen Jahren zwei Alben eingespielt: „Don’t Wait Too Long“, unter abenteuerlichen Umständen im Corona-Jahr 2020, und „Another Side Of Paul Carrack“. Mit dabei sind natürlich die großen Hits des Mannes an seiner kleinen Hammond-Orgel, mit der er für heutige Zeiten eher ungewohnte Klänge erzeugt.

Es swingt und groovt

Seine melancholisch anmutenden Hymne „The Living Years“ spielt Carrack alleine am Flügel. Die Band steigt erst wieder ein, als Carrack seinen wohl größten Hit „How Long?“ anstimmt – den er übrigens vor fast 50 Jahren im Bus auf der Rückseite seiner Fahrkarte geschrieben hatte, wie er mit schelmischen Lächeln erzählt.

„Love Will Keep Us Alive“, „I’ve Got You Under My Skin“ oder „Sticks and Stones“: Es swingt, groovt, jazzt, und manchmal rockt es auch ein bisschen. Die Leute auf der Bühne haben ihren Spaß, das Publikum nicht minder. Es belohnt jedes Solo mit warmen Applaus – am Schluss werden der Gast aus England und seine Mitstreiter regelrecht gefeiert. Die mit karibischer Leichtigkeit interpretierte Version des großen Hits „Over My Shoulder“ vertreibt die langsam einsetzende Kälte im nunmehr dunklen Strudelbachtal. Die große Gemeinde des Dorfsommers ist in bester Partylaune.

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