Neugereut Eltern finden keinen Kinderarzt

Die Tür zum Wartezimmer des Neugereuter Kinderarztes Thomas Jansen wird sich in zwei Monaten zum letzten Mal für kranke Kinder und deren Eltern öffnen. Wie es für die jungen Patienten danach weiter geht, ist noch ungewiss. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Hiobsbotschaft erreichte viele Eltern kurz vor Weihnachten: Im März dieses Jahres wird Thomas Jansen seine Kinderarztpraxis in Neugereut schließen. Einen Nachfolger gibt es nicht, die Suche nach einer neuen Praxis für den Nachwuchs verläuft zäh. Viele Eltern sind verzweifelt.

Neugereut - Mit jedem Anruf, mit jedem Gespräch wird die Hoffnung kleiner und die Verzweiflung größer. Wie viele Kinderärzte in Stuttgart und im näheren Umland Andrea Stranad in den vergangenen Wochen bereits kontaktiert hat, kann sie nicht genau beziffern. Aber es waren viele. Sehr viele. Mal klingt die Stimme am anderen Ende der Leitung genervt, mal bedauernd, mal verständnisvoll. Die Antwort, die die Mutter aus Neugereut erhält, ist bisher jedoch immer dieselbe: Nein, wir haben keine Kapazitäten, um ihr Kind aufzunehmen. Sie kenne viele betroffene Eltern, sagt Andrea Stranad, die vergeblich einen Kinderarzt nach dem anderen abtelefoniert haben. „Bei meiner Nachbarin beispielsweise waren es mehr als 60 erfolglose Anrufe.“

 

Was die Situation für Stranad besonders schwierig macht: Ihr Sohn ist chronisch krank, leidet an Diabetes. „Er wird zwar im Olgahospital betreut und behandelt. Allerdings benötigen wir dafür in jedem Quartal die Überweisung eines Kinderarztes.“ Ohne diese würde er keine Rezepte im Krankenhaus erhalten. Ohne Kinderarzt weiß die Familie deshalb nicht, wie Tim ab Ende März sein lebenswichtiges Insulin bekommt. „Von Seiten des Olgahospitals gab es bereits die Mitteilung, dass niemand ohne Überweisung in der Ambulanz behandelt wird.“ Das Aus der Kinderarztpraxis löse „Kettenreaktionen aus, die manch einer nicht bedenkt“.

Kein Nachfolger in Sicht

Auch für die Schul- beziehungsweise Ferienbegleitung ihres Sohnes ist die Ausstellung einer entsprechenden ärztlichen Verordnung notwendig. Mit Doktor Thomas Jansen wusste Andrea Stranad viele Jahre einen verständnisvollen und mitfühlenden Mediziner an der Seite ihrer Familie. Doch der Neugereuter Kinderarzt wird am 18. März dieses Jahres zum letzten Mal seine Patienten behandeln und danach die Praxis im Flamingoweg schließen (wir berichteten).

Trotz achtjähriger Suche konnte keine Nachfolgerin beziehungsweise kein Nachfolger gefunden werden, auf die Ausschreibungen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Baden-Württemberg meldeten sich keine Interessenten. „Wir haben leider immer wieder die Situation, dass auch kinderärztliche Praxen keinen Nachfolger finden. Dafür wird es eine Reihe von Gründen geben. Unter anderem zeigt sich seit einiger Zeit ein eindeutiger Trend, dass immer mehr Ärztinnen und Ärzte als Angestellte und auch in Teilzeit tätig sein möchten“, ist KV-Sprecher Kai Sonntag überzeugt. Auf seiner Homepage schreibt Thomas Jansen: „Es scheiterte letztlich an zu viel Arbeit und Verantwortung und daran, dass seit Jahren viel zu wenige Kinder- und Jugendärztinnen sowie -ärzte ausgebildet werden.“

1400 Kinder in der Kartei

Dabei konnte und kann sich das Praxisteam in Neugereut nicht über zu wenige Patienten beklagen. Im Gegenteil. Pro Quartal suchen durchschnittlich bis zu 1200 junge Patienten den Mediziner auf, rund 1400 Kinder umfasst die Kartei von Thomas Jansen.

Was die Kassenärztliche Vereinigung den von der Schließung betroffenen Eltern rät, um doch noch einen Mediziner zu finden? „Wir können nur empfehlen, ihren Suchradius gegebenenfalls auszuweiten. Darüber hinaus können sich Eltern auch an die Terminservicestelle der KVBW wenden, die unter der 116 117 Termine auch bei Kinderärzten vermittelt“, sagt Kai Sonntag.

Die Tatsache, dass der Nachwuchs bei schweren Krankheitsfällen auch noch den kinderärztlichen Notdienst am Olgahospital in Anspruch nehmen kann, ist für die verzweifelten Eltern indes wenig zufriedenstellend. „Fahre ich nach Botnang, wenn mein Kind 40 Grad Fieber hat? Ist das bereits ein Notfall?“, stellt Andrea Stranad als Frage in den Raum. „Was machen junge Eltern, die mit ihren Babys beziehungsweise Kleinkindern in kurzen Abständen zu den vorgeschriebenen Untersuchungen erscheinen sollen?“ Und was sei, wenn jemand kein Auto habe? Mit dem schreienden Kind in den Bus steigen und riskieren, dass sich andere anstecken? Über diese und ähnliche Fragen habe sie jüngst auch mit einer Mutter in der Stadtbahn diskutiert – ohne passende Antworten zu finden. „Im Moment fühlen wir uns schlichtweg überfordert.“

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