Neuhausen ist verhext Die Fasnet hat Neuhausen fest im Griff
Die Fasnets-Hochburg Neuhausen hat wieder Tausende angezogen. Höhepunkt auf dem Schlossplatz waren Hexentanz samt Rathaussturm.
Die Fasnets-Hochburg Neuhausen hat wieder Tausende angezogen. Höhepunkt auf dem Schlossplatz waren Hexentanz samt Rathaussturm.
Laut, lustig und archaisch – so ist die Fasnet in Neuhausen. In der fünften Jahreszeit geht es in der närrischen Hochburg auf den Fildern Schlag auf Schlag. Einer der Höhepunkte waren wieder Hexentanz und Rathaussturm, zu dem sich Tausende Närrinnen und Narren auf dem Schlossplatz versammelt hatten. Und kaum war das archaische Ritual rund um das Feuer vorbei, wurde in den Gasthäusern und Vereinsheimen fröhlich weitergefeiert.
„Auf die Pauke haut´se – Bauze Bauze“, schallte es beim 48. Hexentanz über den Schlossplatz. Die Menschen drängten sich um die Absperrung und bejubelten den Einmarsch von Neuhäuser Maskengruppen und Spielmannszug und alle wurden von Narrenpräsident Ronald Witt und Zunftmeisterin Janina Deeg vor dem Rathaus gebührend in Empfang genommen.
Und da waren sie wieder alle: Die Rotenhäne von Neuhausen, die Bierwecken, Wappenlöwen, Schindluder, Gräbler, kleine und große Hexen, Egelseegeister und wie sie alle heißen. Ihr prächtiges Häs und die aufwendig geschnitzten Masken leuchteten mit den Scheinwerfern um die Wette, bis sich dichter Nebel über den Boden legte.
Archaisches Brauchtum und die Freude am Partymachen – das hat sich in Neuhausen zu einer berauschend fröhlichen Fasnetsstimmung vermischt. Nun sei es Zeit für Schultes Ingo Hacker, in den Urlaub zu gehen, forderte Hexenmeister Boris Wahl – und schon stürmten die Feuerteufel herbei und zündeten die vor dem Rathaus hoch aufgetürmten Holzstapel an. „Das Feuer steht, die Spannung steigt“, stellte Wahl zufrieden fest und ergänzte: „Die Hexen sind durch nichts und niemand aufzuhalten.“ Im Rhythmus der Musik begann der von Vize-Hexenmeister Steffen Grundler choreografierte Hexentanz um das Feuer.
Meterhoch loderten bald die Flammen zu ohrenbetäubend lauter Musik. Der dicke Klangteppich waberte über den Platz und hätte mit seinen stampfenden Bässen jedem Heavy Metal Konzert zur Ehre gereicht. „Holt den König aus dem Rathaus raus“. Solche Rufe schallten über den Platz. Und Ronald Witt rief: „Auf Schultes, mach dich bereit, es ist Schlüsselübergabezeit. Komm heraus aus deinem Haus, sonst ist für dich die Fasnet aus.“
Es folgte ein verbaler Schlagabtausch über den Verbleib des Schlüssels, der schließlich doch noch auftauchte. Und dann half alles Zieren dem Schultes nichts – schon erklommen die Narren die bereitgestellte Feuerwehrleiter, um das Rathaus im Sturm zu erobern und Ingo Hacker für die närrischen Tage in den Urlaub zu schicken.
Die Sirene der Hexen heulte, immer wieder durchzuckten Blitz und Donner der Hexenraketen den nächtlichen Himmel, und die Funken stieben viele Meter hoch, als die Hexen mit ihren Besen auf das brennende Holzgerüst einschlugen. Die Balken wankten und sanken unter dumpfem Dröhnen aus den Lautsprechern immer tiefer in sich zusammen. Schon setzten die ersten Wagemutigen zum Sprung an, doch es dauerte, bis das Ritual des Feuersprungs unter dem Beifall der Närrinnen und Narren seinen traditionellen Lauf nahm, bis die Flammen immer kleiner und kleiner wurden.
Nach all dem Grollen und Dröhnen war es das Neuhäuser Lied, das schließlich die Gemüter besänftigen konnte. Maskengruppen und Zuschauer schunkelten Arm in Arm zu den melodischen Klängen des Spielmannszugs. Ronald Witt wünschte daraufhin allen eine glückselige Fasnet und bat die Besucher, ihre leeren Flaschen doch in den Mülleimern zu entsorgen. Vermutlich blieb das ein frommer Wunsch, denn auf den Mauern und Treppen türmten sich noch am späteren Abend viele solcher Hinterlassenschaften.
Unterdessen hatte es das närrische Volk in die Gasthäuser und manches Vereinslokal von Spielmannszug, Narrenbund und Schwäbischem Albverein gezogen. Schlager- und Popmusik brachten die Besucher zum Tanzen und fürs leibliche Wohl sorgten Wirte und Ehrenamtliche vielerorts im Flecken.
Vielfalt
In der Fasnetshochburg Neuhausen gibt es mehr als 1000 Hästrägerinnen und Hästräger, die in 15 Maskengruppen, darunter Rotenhäne, Schellen-Peter, Wildsäu, Sauhag-Eichele und Wappenlöwen, organisiert sind. Seit 2020 ist die Fasnet Neuhausen im bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO verzeichnet.
Tradition
Die Neuhäuser Hexen gibt es seit 1966. Damit handelt es sich um die zweitälteste Maskengruppe des Narrenbunds Neuhausen. Momentan treiben rund 60 Erwachsene und 25 Kinder und Jugendliche ihr Unwesen als Hexe. Alle Hexen sind in Neuhausen männlich. Hexenmeister ist Boris Wahl, sein Vize Steffen Grundler. Grundler ist nicht nur Realschullehrer für Mathematik, Technik und Sport, sondern auch Choreograf der Hexentänze und Maskenschnitzer.