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Neuseeland Und ewig heult der Wind

Figuren aus dem Fantasy-Klassiker Der Herr der Ringe wie Gollum können im Museum Weta Cave im neuseeländischen Wellington besichtigt werden. Foto: Siesing
Figuren aus dem Fantasy-Klassiker "Der Herr der Ringe" wie Gollum können im Museum Weta Cave im neuseeländischen Wellington besichtigt werden. Foto: Siesing

Wellington, Hauptstadt von Neuseeland, bezaubert jeden durch die Fröhlichkeit ihrer Bewohner.

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Eine glückliche Stadt. Die Luft ist voller Salz und Möwengeschrei, der Hafen eine einzige Seepromenade, die Uferpartie ein Potpourri aus Viktorianismus, Art déco und elegantem Modernismus. Wellington, die südlichste Hauptstadt der Welt, schmiegt sich in ihre Bucht wie in ein Kuschelbett, die Sonne leuchtet sie aus wie ein Bühnenlicht. Und die Leute sind schön, mit Rugby-gestählten Kraftkörpern die Männer, mit dynamischen Körpern die Frauen. Auch alte Leute wirken heiter, beim Lächeln werden in den Augenwinkeln die Falten zum Relief. Es kann nicht übel sein, am Ende der Welt zu leben.

Dabei fing es nicht gut an mit dieser Stadt. Erst segelte James Cook bei der Entdeckung Neuseelands an der geschützten Bucht vorbei. Dann kamen Siedler, deren Häuser auf sumpfigem Grund 1855 beim Erdbeben einstürzten. Schließlich entschloss sich 1865 Neuseelands Regierung, das unbekannte Wellington zur Hauptstadt zu küren, was am Südende der Nordinsel einen sofortigen Aufschwung zur Folge hatte.

Wellington wurde in eine labyrinthische Welt aus Buchten und Bergen, Fels und Meer, Grün und Blau hineingebastelt wie eine Legosiedlung. Hier und da gibt es architektonische Ausreißer, aber im Ganzen ist die Stadt eine überschaubare Krabbelkiste, in der nur ständig der Wind heult, als wolle sich die Natur über so viel Schönheit empören. Die Wellingtonians nehmen es gelassen, ohnehin sind sie hart im Nehmen. Wenn sich angereiste Weicheier im südlichen Winter – dem europäischen Sommer – in Windjacken für den täglichen Sturm rüsten, latschen die Eingeborenen immer noch barfuß herum. Das ist Volkssport, es härtet ab.

In Sachen Lifestyle ist diese Stadt nicht zu schlagen. Im Zentrum reihen sich die Designshops auf, ständig öffnen neue Läden, viele Cafés sind noch gemütlicher als die in Wien. Die Weingeschäfte platzen vor Angeboten, nirgends gibt es auf so engem Raum so viele Chocolatiers und Kaffeehändler. Im Viertel Te Aro sind mehr Bars, Cafés, Restaurants und Discos zusammengerottet als in Manhattan, das ist statistisch nachgewiesen. Und die Cuba Street mit ihren Kneipen und Clubs ist pittoresker als Havanna. Aber mehr noch ist die Stimmung frisch und unbekümmert.

Die forschen Wellingtonians wollten ihre Stadt in "Wellywood" umbenennen, ein Schild mit der Aufschrift für den Flughafen gab es schon, ähnlich dem Hollywood-Zeichen in Los Angeles. Es sollte auf den Status von Neuseeland in der Filmindustrie hinweisen, aber die Behörden stellten sich quer. Schließlich ist Peter Jackson 1961 in der 187000-Einwohner-Metropole geboren – der berühmte Filmregisseur, seit "Herr der Ringe" unsterblich. 17 Oscars und Milliarden Dollar hat der Film eingespielt. Jacksons Stil, Realität mit fantastischen Elementen zu vermischen, kommt weltweit gut an. Er residiert im Wellingtoner Nobelvorort Miramar.

Der liegt attraktiv an Evans Bay, schmucke Häuser schachteln sich die Hänge hinauf. Aber Peter Jacksons Firmensitz in der Southampton Road ist unansehnlich wie eine Lagerhalle. Kiwis machen gern auf Understatement. Eine Studiotour gibt es nicht, Paparazzi sucht man vergeblich, Stars passieren die Schranke in japanischen Kleinwagen. Hinter der öden Fassade findet geballte Kreativität ihre handwerkliche Umsetzung, dort tummeln sich Gandalf der Graue, Aragorn, Bilbo Beutlin, Frodo, der Ringträger, Gimli, der Zwerg, Arwen, die Schöne, und Samuran, der dunkle Zauberer, aber auch die hübschen Elfen und die fröhlichen Hobbits. Die jugendlich wirkenden Macher haben alle Tricks drauf. Was sie mit Silikon und digitaler Elektronik zustande bringen, ist phänomenal.

Doch durch die Tür linsen darf man nicht. Für Neugierige wurde Weta Cave eingerichtet, eine adrette Höhle zum Gruseln mit allen Leinwandfiguren. Wüste Köpfe schauen die Leute an, fürchterliche Waffen sind in Vitrinen deponiert, von der Decke hängen Vögel und Urviecher. Im Kinosaal wird jede halbe Stunde Einblick gewährt in die Filmproduktion, es gibt Interviews mit Meister Jackson und seinen Zauberlehrlingen, Tricks werden vorgeführt, ohne sie zu erklären. Sie sind ein Betriebsgeheimnis.

Ach, Wellington ist so fern, aber Besucher aus der Alten Welt fühlen sich nach 24 Flugstunden gleich heimisch. Auch wenn der Wind heult und sich herausstellt, dass die Hauptstadt auf einer aktiven geologischen Verwerfungslinie liegt und jederzeit ein Erdbeben möglich wäre. Fragt man die Kiwis danach, lachen sie. Sie sind eben glücklich.

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