Neuseelands Regierungschefin vor der Wiederwahl Ein Popstar als Krisenmanagerin

Jacinda Ardern will Neuseeland auch weiterhin als Regierungschefin führen. Foto: dpa/Guo Lei

Die Wiederwahl von Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern gilt als so gut wie sicher. Die 40-Jährige hat ihr Land erfolgreich durch die Corona-Krise geführt – doch ihre Bilanz fällt durchwachsen aus.

Wellington - Ein einsamer Mann und Twitter. Clarke Gayford, der Verlobte von Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern, erzählt auf dem Social-Media-Kanal in Wort und Bild, was er macht, damit ihn die Sehnsucht nach seiner Lebensgefährtin Ardern nicht verrückt macht, die rund um die Uhr Wahlkampf betreibt. Gayford bezieht da sein Kopfkissen mit Rüschenüberzug, auf dem ein Porträt seiner Partnerin, ein schwarzer Silberfarn und zwei englische Rosen prangen. Das sei ein Geschenk, so die augenzwinkernde Entschuldigung des Radio- und TV-Moderators für den zweifelhaften Geschmack.

 

Während der 43-jährige Gayford in Auckland die gemeinsame Tochter Neve hütet, reist Jacina Ardern kreuz und quer durchs Land, um die unentschlossenen Wähler zu animieren, ihr Kreuzchen hinter die Labour-Partei zu setzen. Angesichts der enthusiastischen Menschenmassen, die Ardern feiern wie einen Popstar und bitter enttäuscht waren, dass ihr Idol am vergangenen Freitag nicht mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden ist, könnte die 40-jährige Parteivorsitzende vielleicht sogar zu Hause bleiben und würde trotzdem die nächste Regierung anführen. Die einzige Frage vor der Entscheidung ist: Braucht die Premierministerin, die mit 37 Jahren die jüngste Regierungschefin der Welt wurde, für eine weitere dreijährige Amtszeit die an der Fünf-Prozent-Hürde kratzenden Grünen oder erreicht ihre Partei die absolute Mehrheit und kann tun und lassen, was sie will? Das hat Ardern nach Ausbruch der Covid-19-Pandemie seit März sowieso schon getan, obwohl sie nur an der Macht war, weil sie eine spannungsgeladene Koalition mit NZ First, der Partei des Rechtspopulisten Winston Peters, eingegangen war und sich auf die Unterstützung der Grünen verlassen konnte.

Jacinda Ardern wird von vielen als Retterin der Nation gefeiert

Die Parlamentswahlen sind eine Covid-19-Wahl, und da Neuseeland nach einem 75-tägigen totalen und einem gestaffelten Lockdown nach einer kleinen zweiten Welle im August und September das Coronavirus innerhalb der Bevölkerung erneut eliminiert hat und die Menschen sich innerhalb der geschlossenen Grenzen frei bewegen können, wird Ardern von vielen als Retterin der Nation gefeiert. Die Opposition war während der Lockdowns mehr oder weniger unsichtbar, während Ardern dank ihrer täglichen live übertragenen Pressekonferenzen zur Viruslage der Nation omnipräsent war und Wahlkampf betreiben konnte, ohne es so zu nennen. Entsprechend wird wahrscheinlich das Wahlergebnis ausfallen.

Auch die Schwäche der Nationalpartei, die 2017 nach neun Jahren an der Macht trotz 44,45 Prozent der Stimmen in die Opposition gedrängt wurde, spielt der sozialdemokratischen Labour-Partei und ihrer Chefin in die Hand. Die Konservativen bieten ein Bild der Zerstrittenheit, Inkompetenz, Hoffnungs- und Ideenlosigkeit; ihre Umfragewerte liegen bei 32 Prozent. Jacinda Arderns routinierte Kontrahentin Judith Collins (61) ist bereits die dritte Vorsitzende in diesem Jahr, und entweder man mag die als „Crusher“ (Zerstörer) bekannte Politikerin, oder man mag sie nicht.

Auch Jacinda Ardern polarisiert. Ihre Feinde, die sich vornehmlich auf Twitter austoben, nennen sie eine Diktatorin, Kommunistin, Scheinheilige, Wirtschaftsanalphabetin oder einfach nur Cindy – ein Spitzname, den sie hasst. In Medienauftritten appelliert sie an das „Team der fünf Millionen“, wie sie ihr Volk nennt, und fordert es auf, Abstand zu halten, nett zueinander zu sein („be kind!“) und sich die Hände zu waschen. Die Auftritte sind als „Cindy’s Kindy“ (Cindys Kindergarten) bekannt. Ihre Wahlkampfreise gleicht einem Triumphzug vor glückseligen Fans, die ihr zu Füßen liegen. Strahlende Gesichter, leuchtende Augen, Selfie-Marathons, Massenhysterie. Jeder will mit der populärsten Premierministerin, die Neuseeland je hatte, aufs Bild, ihr die Hand schütteln, sie umarmen, ihr sagen, was für eine tolle Frau sie ist.

Ardern Stärken: gute Katastrophenbewältigung und Mut zu schnellen Entscheidungen

Es ist die Jacindamania, die sich nach ihrer Übernahme des Parteivorsitzes sieben Wochen vor den Parlamentswahlen im September 2017 als Phänomen etabliert hat und die Labour-Partei aus dem Nichts auf 36,89 Prozent und mithilfe zweier kleiner Parteien an die Macht gehievt hat. Und jedes Mal, wenn der Zuspruch deutlich sank, weil Ardern und Co. innenpolitisch nicht viel gelang, halfen unvorhersehbare Ereignisse, den Jacinda-Effekt zu verstärken: gute Katastrophenbewältigung und der Mut zu schnellen, schwerwiegenden Entscheidungen. Erst die Moscheenmassaker von Christchurch, wo ein australischer Terrorist im März vergangenen Jahres 51 muslimische Gläubige beim Freitagsgebet erschoss, dann in diesem Jahr die Covid-19-Pandemie, bei deren Eindämmung Neuseeland auch das Glück hatte, dass es eine Inselnation ist, die sich leicht vom infizierten Rest der Welt isolieren lässt.

In diesen Spannungsfeldern hat die bekennende Agnostikerin und Atheistin, deren Eltern Ross (Polizist) und Laurell (Schulkantinen-Mitarbeiterin) sie in der ländlichen Gemeinde Morrinsville in der Region Waikato als Mormonin erzogen haben, ihre Stärken ausgespielt: Empathie, Mitgefühl, Freundlichkeit, Fürsorglichkeit und Menschlichkeit. Und sie hat klare Führungsqualitäten demonstriert: zunächst beim Umgang mit der muslimischen Gemeinschaft, dann mit der Kampagne gegen Hass und Rassismus sowie dem Verbot halb-automatischer Sturmgewehre, und zuletzt mit ihrem von der Weltgesundheitsorganisation WHO gepriesenen Bestreben, das Coronavirus zu eliminieren.

Das Ausland misst Ardern, die im Juni 2018 als zweite Regierungschefin nach Benazir Bhutto (1980) während ihrer Amtszeit Mutter wurde, an der Bewältigung dieser internationalen Katastrophe. Und der Erfolg hat die ehemalige Vorsitzende der sozialistischen Jugend, die einen Studienabschluss in politischer Kommunikation und PR besitzt, zum globalen Superstar gemacht. Die Welt feiert sie als Anti-Trump und wohltuend normalen, natürlichen Menschen mit moralisch einwandfreien Werten im Heer zweifelhafter Machthaber.

Schuld sind immer die anderen – das Versagen soll nicht auf sie abfärben

Es ist die selektive Wahrnehmung von Außenstehenden, die nicht wissen, dass Neuseelands Regierungschefin die meisten ihrer Wahlversprechen nicht einmal ansatzweise hat verwirklichen können. Manche Projekte waren sogar krasse Fehlschläge. Aber darum geht es bei diesen Parlamentswahlen nicht; es geht nicht um Programme, Lösungen und Ideologien. Sie sind ein Sympathiewettbewerb, den eine lachende Frau unter dem offiziellen Slogan: „Let’s keep moving“ (Lasst uns weitermachen) gewinnen wird, obwohl sie, wie andere Politiker auch, die Wahrheit verdreht oder unter Gedächtnisverlust leidet, wenn es opportun erscheint.

Schuld sind immer die anderen, und damit das Versagen nicht auf sie abfärben und ihr Image als Neuseelands Mutter Teresa mit Heiligenschein ankratzen konnte, hat sie vier Minister gefeuert oder zum Rücktritt gedrängt. In den jüngsten Meinungsumfragen haben 47 Prozent der Befragten angegeben, „Jacinda“ und damit Labour zu wählen, 50 Prozent haben sich für Ardern als bevorzugte Premierministerin ausgesprochen. Das reale Leben mit Schuldenberg, Jobverlusten und Rezession beginnt erst nach der Wahl.

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