Hohenstein - Jedes Zeitalter hat seine Architektur, die es repräsentiert. Die Renaissance brachte den Palazzo Medici hervor. Das Barock schuf das Schloss Versailles, der Klassizismus das Brandenburger Tor. Doch welches Bauwerk steht für unsere Epoche? Das Fertighaus. In Zeiten von Fast Food und Digitalisierung wird das Eigenheim am Rechner konfektioniert und am Hightech-Band mit Roboterhilfe produziert. Schnell muss es gehen, praktisch muss es sein. Kein Baustellendreck, kaum lästige Handwerker: das Fertighaus ist so beliebt wie nie. Ein Fünftel der Deutschen wählt das Haus aus dem Katalog, in Baden-Württemberg jeder Dritte, Tendenz steigend.
Das industriell gefertigte Eigenheim kommt nicht aus dem Ausland, wie so vieles, nein, es wird droben auf der Schwäbischen Alb produziert: Schwörer Haus ist einer der großen in der Branche mit 300 Millionen Umsatz im Jahr. In Hohenstein-Oberstetten, wo es mehr Firmenmitarbeiter als Einwohner gibt, ist der Hauptsitz. Dort werden seit Mitte der sechziger Jahre Fertighäuser produziert, es sind mittlerweile rund 1000 Stück im Jahr. In Lastwagen rollen die Teile zu den Bauplätzen, aufgestellt und im Innern ausgebaut ist das Ganze binnen Wochen.
Trotz einer Corona-Delle bei den Bestellungen geht es nicht so fix, wie es sich manche wünschen. Erst muss das Baugesuch bewilligt werden, dann dauert es aufgrund der vollen Auftragsbücher im Schnitt noch mindestens ein Jahr, bis alles fertig ist. Die Nachfrage ist groß, und in der Musterhaussiedlung mitten im Ort ist sogar werktags einiges los.
Der Verkaufsschlager E-15-153.1 hat zwei Kinderzimmer und Gästeklo
Die Tür des Verkaufsschlagers E-15-153.1, auch Sonneninsel genannt, ist tagsüber immer offen. Johannes Schwörer, Chef des Familienunternehmens in zweiter Generation, führt hinein in das Lieblingshaus seiner Kundschaft. Kein anderes Haus werde so oft verkauft wie dieses, es habe zwei Kinderzimmer und das Preis-Leistungs-Verhältnis stimme. „Das Klo liegt immer hinter der Eingangstür links“, sagt der 53-Jährige, „das ist typisch deutsch“.
Das dunkle Jackett über der Schulter hängend stoppt er im Wohnzimmer und genießt, was er geschaffen hat. Überall Licht, bodentiefe Fenster zur Terrasse, so viel Platz im Wohn- und Küchenbereich, dass man Walzer tanzen könnte. Von den Pflanzen bis zum Schaukelstuhl ist alles perfekt eingerichtet, es fehlen nur die Bewohner. „Die Kunden wollen mehr als nur ein Haus, sie wollen ein Lebensgefühl“, ist einer der Marketingsätze, die Schwörer bestens beherrscht.
Johannes Schwörer verkauft Wohlfühlen, Kinderkriegen, den Rosen beim Wachsen zuschauen, in den eigenen vier Wänden zum Feierabend die Beine hochlegen und nach der Fernbedienung greifen. Oder wie der wortgewandte Jurist es auf den Punkt bringt: „Das ist die maximale Form der Freiheit.“
Zwölf-Stunden-Arbeitstag und abends joggen
Schnellen Schrittes geht er die Treppe hinauf, der Grundriss ist simpel. Johannes Schwörer ist der Typ Unternehmer, der trotz Hitze und dem üblichen Zwölf-Stunden-Arbeitstag auch am Nachmittag noch strahlend aussieht. So könnte er sofort für eines seiner Hochglanzprospekte abgelichtet werden. Mehrmals die Woche joggt er sich abends den Kopf frei, er radelt, nimmt Einzelunterricht in Karate und am Saxofon, mit der Geige hat er als Elfjähriger angefangen. Schwäbisch-solide ist er – ganz wie seine Häuser. Als sein kinderloser Onkel, der Firmengründer Hans Schwörer, ihm den Posten vor 25 Jahren anbot, verkündete er, auf eine Sekretärin verzichten zu wollen. Er hat bis heute keine. Johannes Schwörer ist Präsident des Hauptverbandes der Deutschen Holzindustrie, Geschäftsführer einer Unternehmensgruppe mit 1850 Mitarbeitern und vierfacher Familienvater.
Immer größer wollen es die Deutschen, immer mehr Wohnfläche wird pro Kopf beansprucht. Zwei Waschbecken im Bad müssen es sein, Rollläden fürs Schlafzimmer, damit es auch richtig dunkel wird. An die Wände klopfe schon lange keiner mehr, versichert Johannes Schwörer im möblierten Kinderzimmer. Die Zeiten, als ein Fertighaus noch hellhörig und die Dämmung kaum vorhanden war, seien vorbei. „Schlechter als KfW 55 bauen wir nicht mehr“, betont Schwörer, ein Verfechter des Energiesparens. Er wirbt auf seiner Homepage mit Modellen, die mehr Energie erzeugen, als sie verbrauchen. Die Grünen wählen würde er trotzdem nicht, gibt er zu. „Zu viele Verbote“, sagt er, „ich will die Leute mit Argumenten überzeugen.“
Einheitsarchitektur im Rechteck, seelenlose Billigcontainer als Konsumgut
Längst nicht allen gefällt das Eigenheim aus der Fabrik, die standardisierte Trostlosigkeit. Firmen wie Schwörer, Baufritz oder Huf suggerierten Individualität, doch letztlich verkauften sie ungebremsten Flächenfraß, Einheitsarchitektur im Rechteck, seelenlose Billigcontainer als Konsumgut – so tönen die Kritiker. Allen voran, die Architekten, die angesichts der Industrieware um die bauliche Kreativität ganzer Viertel und ihre Jobs fürchten, die Naturschützer, die die Wohnform des Einfamilienhauses als Umweltsünde am liebsten abschaffen würden. Selbst Soziologen haben mitunter wenig übrig für das Häuschen im Grünen, wo das individuelle Glück weit über dem der Gemeinschaft steht. Der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich nannte es „die aufwendige Form der Asozialität“, geißelte das Einfamilienhaus als „Vorboten des Unheils, den man immer weiter draußen in der Landschaft antrifft.“
Eine Limousine zieht im Schritttempo durch die Mini-Fertighaussiedlung: Sechs Häuser samt Blumenrabatten, ein Café mit Selbstbedienung für die Pause zwischen Bungalow und Aktionshaus. Fahnen mit dem Aufdruck „Hier bin ich daheim“ wehen am Eingang der Straße. Johannes Schwörer erklärt den Limousinen-Rentnern, wo der Parkplatz ist. Er hält einen Schwatz mit dem betagten Nachbarn und trifft vor dem Flying Space, einem Minihaus aus Holztafelelementen, auf ein Paar samt Wollknäuelhund. Sie sind auf dem Weg in den Urlaub und haben einen Stopp in der schwäbischen Schwörer-Welt eingeplant, um sich noch einmal zu vergewissern, dass sie sich richtig entschieden haben.
Das Ehepaar aus Dinkelsbühl will sich beim Wohnen halbieren
Es ist die etwas andere Fertighauskundschaft. Michaela und Jürgen Maaßen, Kaffeeröster aus dem fränkischen Dinkelsbühl, wollen sich halbieren. Von 100 auf 50 Quadratmeter, von der Altstadtmietwohnung auf eine ausgebaute Holzkiste. Das Gartengrundstück auf dem Land haben sie schon gefunden. Praktisch soll ihr Wunschobjekt sein, die Ästhetik stellen sie zurück. Ihr mache zunehmend ein Gefühl der Schwere zu schaffen, gesteht Michaela Maaßen und fasst sich an den Brustkorb. „Mich erdrückt es.“ Nachdem die Söhne ausgezogen sind, haben sich die beiden nach einer ökologischen Alternative zum Wohnen umgeschaut und das Minihauskonzept von Schwörer entdeckt.
„Eine schlaue Lösung“, ist die 47-Jährige begeistert und schaut sich jetzt das Mustermodul mit Schlafzimmer, Bad und Wohnbereich noch einmal genauer an. Sie wolle auf keinen Fall selbst bauen, wehrt Michaela Maaßen ab. Sie habe schon angefangen, Überflüssiges auszuräumen. „Wie viele Dinge braucht man?“, wirft ihr Mann ein und sagt, dass er sich freue aufs Entschlacken und aufs Umziehen. Holz mit einer guten CO2-Bilanz soll es sein, so wie bei allen Schwörer-Häusern. Dazu Solartechnik und eine Terrasse. Der unkomplizierte Weg zum Eigenen: „Haus, hinsetzen, Stecker rein, einziehen“, sagt Jürgen Maaßen. Allerdings erst in einem Jahr: solange dauert es, bis das Flying Space geliefert werden kann.
Anfangs gab es zwei Haustypen
Zurück zum Werk mit seinen Fertigungsstraßen, der Sägerei und dem Biomasseheizkraftwerk sind es wenige Minuten zu Fuß. Johannes Schwörer stoppt im Ulmenweg vor einem Häuschen mit Eternitplatten, einem angebauten Balkon und etwas fleckiger Fassade. „Das ist das erste Schwörer-Haus“, sagt er. 1964 gebaut, der Prototyp steht noch immer.
Anfangs gab es zwei Haustypen, inzwischen finden sich Mehrgeschossbauten, Anlehnungen an Bauhaus-Grundrisse, Villen oder Passivhäuser im Programm. Dabei gilt: je individueller und je mehr Planungsaufwand mit den Architekten desto teurer. Selbstverständlich ist auch halb Oberstetten in Fertigbauweise errichtet und der Firmengründer zum Ehrenbürger ernannt worden. Abends um acht, wenn er Feierabend macht, kurvt Johannes Schwörer den Kilometer nach Hause zu seiner Familie. Am Ende einer Stichstraße mit toller Aussicht und viel Garten hat er vor vielen Jahren auf einem Firmengrundstück gebaut. Ein Fertighaus.