Keineswegs. Sabine König, eine Sozialpädagogin aus Stuttgart-Weilimdorf, die in ihrer Praxis Mütter und Väter mit Erziehungsproblemen berät, weiß, dass diese Familien massiv unter der Isolation leiden: „Das höre ich ganz, ganz häufig“, sagt sie. Da sei oft niemand, mit dem die jungen Mütter oder auch Väter sich austauschen können: Die Großeltern soll man nicht treffen, und bekommt so weder praktische Hilfe noch theoretische Tipps, andere Familien darf man auch nicht besuchen, um sich auszutauschen und die meisten Kurse und Hilfsangebote fallen komplett weg. „Die jungen Familien haben oft keine Handhabe, sie kommen nicht an Informationen, Ansprechpartner oder auch Hilfen“, sagt König. Dabei seien gerade Erstgebärende und auch deren Partner oft sehr unsicher und mit vielen Ängsten behaftet: „Sie wollen alles richtig machen, sind bereit, sehr viel für ihr Kind zu tun, haben aber derzeit keine Möglichkeit sich rückzukoppeln“, sagt König. Das sei schon unter normalen Umständen schwierig, wenn es aber um postnatale Depressionen geht oder ein Schreibaby, dann könne dies Situation zu einem echten Problem werden. Es würden Familien allein gelassen in einer Zeit, die wichtig sei für das Zusammenwachsen, die Bindung. Das dürfe nicht sein.
Eltern wollen heute möglichst schnell, jederzeit und entspannt an Informationen kommen
Derzeit lockert sich das alles, dank Impfungen und sinkenden Inzidenzen. Allerdings habe sich auch unabhängig von der Pandemie viel verändert. Es sei eine Entwicklung, die letztlich in eine ähnliche Richtung weist: „Junge Eltern sind heute nicht mehr so eingebettet in ihre Familien. Frauen stehen gleichzeitig oft unter dem Druck, früh wieder arbeiten zu müssen – das Zeitfenster, das sie haben, um ihre Kinder zu erleben, ist klein“, sagt König. Zwei gegenläufige Entwicklungen. Denn der Bedarf junger Familien an Vernetzung und Informationen ist hoch wie nie, gleichzeitig fehlt oft die Zeit, Kurse und Angebote wahrzunehmen – zumal auch das Angebot an solchen oft rar ist.
Deshalb war sie auch offen für die Anfrage, die von Margarete Koch an sie herangetragen wurde. Diese hat das Start-up Mapadoo gegründet, eine Online-Plattform für werdende Eltern und Eltern mit Baby oder Kleinkind (www.mapadoo.de). Dort bietet sie Kurse an – von Experten für Eltern. Sabine König sollte dort als Expertin ihr Wissen vermitteln. „Ich bin echt ein Dinosaurier und extrem skeptisch, was Onlineformate angeht“, sagt König. Aber sie ist eben auch ein Vorreiter. So war sie in den 90er Jahren eine der ersten, die Pekip-Gruppen für Mütter und Kinder anbot und eine Schreibabyberatung ins Leben rief. „Letztlich mache ich im Netz ja nichts anderes – und wenn es gelingt, ist das eine runde Sache“, sagt König, die nüchtern konstatiert, dass Eltern heute möglichst schnell, jederzeit und entspannt an Informationen kommen wollen. „Sie sind das ja auch aus anderen Bereichen gewohnt – und gemessen an ihrer Alltagssituation ist das auch ein berechtigter Anspruch.“
Nicht allen jungen Familien steht das luxuriöse Angebot einer Großstadt offen
Koch beklagt, dass die digitalen Angebote aber gerade im Bereich Erziehung gefühlt in den 1990er Jahren stehengeblieben sei – wenn auch zum Glück nicht inhaltlich. Mapadoo hingegen sollte professionell aufgestellt sein, mit Experten und Expertinnen, die zu Themen wie Erste Hilfe, Babykost oder Schreibabys vor der Kamera stehen. Die Videos werden zudem professionell gedreht, es gibt zwei Formate: Entweder Video-Onlinekurse, bei denen das Skript abgedreht wird und der Kunde den fertigen Kurs buchen kann, oder einen Online-Workshop, der live gedreht wird und danach auch gekauft werden kann. „Alle Kurse sind so gestaltet, dass sie sich in den Babyalltag integrieren lassen“, sagt Koch.
Als junge Mutter machte Koch selbst die Erfahrung, dass es schwierig ist, Kurse zu besuchen: „Der Grund dafür war bei mir, dass ich damals auf dem Dorf wohnte, da fuhren am Tag vier Busse“, sagt Koch, die daran erinnert, dass nicht alle jungen Familien das luxuriöse Angebot einer Großstadt offen steht. „Aber selbst wenn, dann sind die Kurse oft bereits ausgebucht.“ Familien bräuchten zudem keinen Babysitter und gewännen an Familienzeit. Auch Alleinerziehende profitierten von ihrem Angebot, so Koch. Denn digital heißt: Vernetzung vom Sofa aus.
Hilfs- und Kursangebote für junge Familien in Stuttgart
Wellcome ist moderne Nachbarschaftshilfe für Eltern: Ehrenamtliche helfen für ein paar Monate ein- bis zweimal pro Woche für rund zwei bis drei Stunden ganz praktisch im Alltag. Die Ehrenamtlichen unterstützen, so wie es sonst Familie, Freunde oder Nachbarn tun würden. Sie gehen mit dem Baby spazieren, damit die Mutter Schlaf nachholen kann, begleiten die Zwillingsmutter zu Arztbesuchen oder spielen mit den Geschwisterkindern. Sie stehen mit Rat und Tat zur Seite oder hören einfach zu. Einzige Voraussetzung für Familien: ein Kind muss noch unter einem Jahr alt sein.
Frühe Hilfen gibt es seit 2010 in der Landeshauptstadt Stuttgart. Das Konzept bietet Angebote für Eltern ab der Schwangerschaft und Familien mit Kindern bis drei Jahre. Ziel ist es, gemeinsam mit den Eltern ihre Erziehungsverantwortung zu stärken und Kindern so eine gesunde Entwicklung zu ermöglichen. Den Eltern stehen vielfältige Beratungs-, Entlastungs- und Unterstützungsmöglichkeiten auf freiwilliger Basis zur Verfügung, um frühzeitig Risiken für das Wohl und die Entwicklung des Kindes zu reduzieren.
Das Elternseminar des Jugendamtes ist die kommunale Familienbildungseinrichtung in Stuttgart. Unter dem Motto „Das Treff- und Lernangebot in Ihrer Nähe“ bietet die Einrichtung seit 1963 in allen Stadtbezirken Orte für Begegnung und Orientierung. Das kostenlose Angebot reichte bislang von Pekip-Babykursen über Deutschlernangebote mit Kinderbetreuung, Patenprogramme, bis hin zu Vorträgen in Kitas sowie Wochenendfahrten etwa für Alleinerziehende. Da jedoch 80 Honorarkräfte nicht weiter beschäftigtund viele Angebote vor allem für Familien mit Migrationshintergrund gestrichen wurden und sämtliche andere sind auf dem Prüfstand stehen, stellt sich derzeit die Frage, wie es in der kommunalen Einrichtung weiter geht.
Das Haus der Familie wurde 1917 als erste Bildungsstätte für Mütter in Deutschland gegründet. In den verschiedenen Kursen wie Geburtsvorbereitung, Babymassage und Pekip. In Seminaren werden Infos zu verschiedenen Themen angeboten.