Nordafrika Investitionen aus der EU sollen in Tunesien Abwanderung stoppen

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Weil immer mehr Migranten aus Afrika nach Europa übersetzen, wollen die EU-Staaten in der Region mehr tun. In Tunesien lockt eine Konferenz Investoren, auch eine 20-köpfige deutsche Wirtschaftsdelegation ist dabei.

Mitarbeiterinnen fertigen in Siliana (Tunesien) im Werk des deutschen Autozulieferers Dräxlmaier einen Fahrzeugkabelbaum. Tunesien ist für Deutschland nach Angaben der deutschen Außenhandelskammer der wichtigste Partner im Maghreb. Foto: dpa
Mitarbeiterinnen fertigen in Siliana (Tunesien) im Werk des deutschen Autozulieferers Dräxlmaier einen Fahrzeugkabelbaum. Tunesien ist für Deutschland nach Angaben der deutschen Außenhandelskammer der wichtigste Partner im Maghreb. Foto: dpa

Tunis - Am Straßenrand spielen einige Jungen und werfen Münzen. Wer der kleinen Grube im Boden am nächsten kommt, hat gewonnen. Neugierig betrachten die Kinder die Besucher aus Europa. Ringsum stehen kleine Häuser, darunter sind viele unfertig. An manchen Gebäuden ist der erste Stock noch nicht ausgebaut, an anderen fehlen Fenster. Es ist eine wilde Siedlung am Rande von Tunis. Rund drei Millionen Einwohner leben in der tunesischen Hauptstadt – fast ein Drittel der gesamten Bevölkerung. Hier, eine Autostunde von der Metropole entfernt, leben die Menschen von der Landwirtschaft. Oliven werden angebaut, es gibt Obst- und Gemüsefelder. Die Europäische Investitionsbank (EIB) aus Luxemburg ist in dieser unterentwickelten Gegend aktiv, um Jobs zu schaffen. Die Bank der EU-Staaten, die 1958 gegründet wurde, vergibt seit 40 Jahren Kredite in Tunesien. Auch wegen der Flüchtlingskrise will sie ihr Engagement verstärken. Werner Hoyer, früherer Staatsminister im Auswärtigen Amt und heutiger Präsident der EIB, spricht von der Stabilisierung der europäischen Nachbarn. Weil immer mehr Migranten aus Afrika nach Europa übersetzen, wollen die EU-Staaten in der Region mehr tun.

Was das bedeutet, lässt sich im Umland von Tunis besichtigen. Eine fußballfeldgroße Werkhalle ist dort mit Krediten der EIB entstanden. Die Gelder gingen an eine staatliche Stelle für Quartiersmanagement, die sich darum bemüht, das Leben in armen Siedlungen zu verbessern. Die Fabrikhalle wird an ein privates Kleinunternehmen vermietet, das dort Glas schneidet. Rund 30 Arbeitsplätze aus den umliegenden Stadtteilen sollen entstehen. Vor allem Jugendliche erhalten eine Chance.

Das Land hat zwar viele Universitätsabsolventen, doch die finden kaum Jobs. Die Fabrik soll ein kleiner Anfang sein. Mit den Geldern der Europäischen Investitionsbank ist in der Nähe auch eine Sporthalle entstanden, in denen Jugendliche boxen und Judo trainieren können. Sie sollen von der Straße geholt werden. Die meisten Kredite der Bank gehen aber in Infrastrukturprojekte wie Straßen, Brücken oder den Breitbandausbau. Eine immer breitere Säule bilden auch Darlehen an kleine und mittlere Unternehmen. Das geschieht in Zusammenarbeit mit tunesischen Geldhäusern. Auf diese Weise kommen etwa kleine Kosmetikhersteller oder Süßwarenproduzenten an Finanzierungen. Seit 2011 genehmigte die EIB Darlehen in Tunesien Darlehen über 1,5 Milliarden Euro. Bis 2020 soll die Summe sich auf nahezu das Doppelte erhöhen.

Die EU will sich stärker in Nordafrika engagieren

Die europäischen Staaten sind sich einig, dass sie die südlichen Nachbarländer stärker beim wirtschaftlichen Aufbau unterstützen müssen. „In Deutschland ist wenig bekannt, was hier noch für ein Migrationspotential steckt“, sagt Hoyer. Tunesien gehört trotz der Terroranschläge in Touristenzentren zu den stabilen Ländern. Das zeigt sich daran, dass viele Libyer nach Tunesien geflohen sind. Damit bildet das Land eine Ausnahme. Allein in Ägypten sitzen Millionen Menschen auf gepackten Koffern. Die EIB will in der Region mehr tun. Schon jetzt gehört die Bank der EU-Staaten weltweit zu den größten Förderbanken. Mit einem Kreditvolumen von 85 Milliarden Euro ist die EIB doppelt so groß wie die Weltbank in Washington. „Den Interessen der EU dienen wir, in dem wir uns auch außerhalb Europas engagieren“, sagt Bankchef Hoyer.

Auf einer großen Investorenkonferenz in Tunis hat sich das Land in dieser Woche rund 70 Delegationen aus allen Teilen der Welt präsentiert. Auch aus Deutschland ist eine 20-köpfige Wirtschaftsdelegation unter Führung des früheren Bundespräsidenten Christian Wulff angereist. „Wer sich mit dem Land näher befasst, kommt zum Ergebnis, dass man viel Gutes tun kann“, sagt Wulff, der im Auftrag der Bundesregierung regelmäßig nach Nordafrika fliegt. Notwendig seien Erfolgsbeispiele in der Region, die zeigten, dass Demokratie und wirtschaftlicher Wohlstand Hand in Hand gingen, meint das ehemalige Staatsoberhaupt. Europa unterstützt Länder wie Tunesien auch deshalb, weil das Land mit seiner demokratischen Regierung ein Bollwerk gegen den Islamismus ist. Das sehen auch die mitgereisten Unternehmer so.

Über gute Erfahrungen berichtet der Esslinger Autozulieferer Eberspächer. „Es gibt ein gutes industrielles Wachstum in Tunesien“, sagt der Landesvertreter Boubaker Siala. Eberspächer stellt Klimaanlagen und Heizungen für deutsche Auto- und Lastwagenbauer her, die in Tunesien fertigen. Seit zehn Jahren ist Eberspächer in Tunesien aktiv. „Wir versuchen, unsere Aktivitäten zu verstärken“, sagt Manager Siala, der stolz ist auf die hohen Marktanteile.

„Wenn Tunesien scheitert, scheitert Nordafrika“, sagt ein Aufsichtsratschef

Dirk Ahlers, Aufsichtsratschef des Tiefkühlkostanbieters Frosta aus Hamburg, überlegt sich, im Land zu investieren. Zuerst habe er gedacht, Tunesien sei zu klein und das lohne sich nicht. Er wolle aber auch aus politischen Gründen etwas tun. „Wenn Tunesien scheitert, scheitert Nordafrika“, sagt Ahlers, der den Erwerb einer Minderheitsbeteiligung vorbereitet. Der Seniorchef kann sich ein Gemeinschaftsunternehmen mit 200 bis 300 Mitarbeitern vorstellen. Wenn es gut läuft, sollen in diesem Betrieb etwa Erdbeeren und Himbeeren produziert werden, die für die tiefgekühlten Speisen verwendet werden. Ahlers überlegt auch, von Tunesien aus andere Märkte in Nordafrika zu erschließen. Er erinnert sich an eine Podiumsdiskussion im Jahr 2011, auf der er damals gesagt hat: „Wenn wir es nicht schaffen, in Nordafrika mehr für die Leute zu tun, kommen die als Flüchtlinge zu uns.“

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