Nordbahnhof in Stuttgart "Wir sind bald weg"
Auf der ersten Seite ein schlichter Satz: "Ein einfacher Zweig ist dem Vogel lieber als ein goldener Käfig." Treffender hätte man den Geist dieses Areals kaum zusammenfassen können. Luxus gibt es keinen - dafür Freiheit. Diese Freiheit war es, die uns Besucher immer wieder auf das Gelände gelockt hat. Gibt es einen romantischeren Ort, um nach einer Silvesternacht zum ersten Mal im neuen Jahr die Sonne aufgehen zu sehen? Gewärmt vom Feuer einer alten Öltonne, leicht schmerzende Beine vom Tanzen, einen Rest Glitzerstaub im Gesicht und ein leises Sausen in den Ohren. In ebenjenen Kleidern, auf die man Lust hatte - Jogginghose, Clownskostüm oder Cocktailkleid.
Was hier am Nordbahnhof entstanden ist, hätte in Stuttgart wohl kaum einer für möglich gehalten: ein kunterbuntes, sympathisch-chaotisches Paradies mitten in der Hauptstadt der Häuslesbauer. Eine lebendige Unschärfe im sonst so cleanen Stadtbild. Kunst ja, elitäre Spielregeln nein. Musik ja, massentaugliche Konservenklänge nein. Party ja, Kontroll- und Konformitätszwang nein. Wer hier sein Bier selbst mitgebracht hat, wurde dafür nie vom Gelände verwiesen.
"Wenn einer kein Geld hat, sich bei uns was zu kaufen und sich seine Getränke selber mitbringen will - soll er doch. Hauptsache, er ist da", sagt Aurèle. Und egal, was für ein Konzert, was für eine Ausstellung oder welche Performance gezeigt wurden - die Atmosphäre war immer eine besondere. Nach zwölf Jahren werden die Waggons nun vom Gelände rumpeln. Sie hinterlassen eine Lücke. Rund 30 Künstler verlieren ihren Arbeits- und Lebensraum. Und so mancher Stuttgarter sein liebstes Refugium.
Stuttgart war schon immer reich
In Stuttgart hat man es ansonsten ja schwer, kreative Unterhaltung zu finden. Berlin sonnt sich in seinem Arm-aber-sexy-Charme. Stuttgart war schon immer reich. In Horden zogen und ziehen die Kulturschaffenden nach Berlin. Und wer zieht nach Stuttgart? Für Hans Christ, den Direktor des Württembergischen Kunstvereins, ist das Ende der Waggons ein tragisches Kapitel unserer Kulturgeschichte: "Stuttgart stürzt in kürzester Zeit in die völlige Provinzialität zurück, vertreibt die jungen, kreativen und hier vor Ort teuer ausgebildeten Menschen aus der Stadt und wundert sich im Nachhinein, warum hier keiner mehr aus dem ICE steigt, um auf eine kulturelle Entdeckungsreise zu gehen." In seiner Stellungnahme schreibt Christ weiter: "Kulturelle Vielfalt zeigt sich eben nicht in zum Museum aufgepumpten Autohäusern, in denen Eigenwerbung mit kultureller Nachhaltigkeit verwechselt wird."
Kunst entsteht, wo Platz für Kunst ist. Platz zum Denken und zum Handeln. Stuttgart ist eng. Im Kessel gibt es wenig Freiräume. Wer hingegen einmal mit offenen Augen durch Berlin spaziert, spürt, was für eine Energie auf Brachflächen entstehen kann. Doch wie soll etwas Andersartiges geschaffen werden, wo schon alles zugebaut und vorgeplant ist? "Was wir hier hatten, war einmalig", sagt Aurèle. Auch aus Berlin kamen Gäste zu den Waggons, unter anderem die Macher der berühmten "Bar25" - eine Freiluftbar am Spreeufer. "Alle waren begeistert", sagt Aurèle.
In die Theke im hintersten Waggon hat jemand einen Auszählreim geritzt: "Ene mene meck, wir sind bald weg", steht in krakeliger Schrift im Holz. Jeder, der ein Bier an dieser Theke kauft, kann es lesen. Verdrängt wird nicht. Lethargisch getrauert auch nicht. Die Künstler wollen keinen miesepetrigen Abschied, sondern ein großes, lautes, fröhliches Finale.
Und danach? Man ist in Gesprächen mit der Bahn - deren "konstruktive Atmosphäre" beide Seiten immer wieder betonen. Das Gelände der ehemaligen Zuckerfabrik in Bad Cannstatt ist als Ausweichort im Gespräch. Ob das eine zufriedenstellende Lösung sein kann, wird zurzeit geprüft. "Ich bin mir sicher, dass es irgendwie weitergehen wird", sagt Aurèle. Noch wehe durch Stuttgart ein frischer Wind.
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