Nordbahnhof Literatur zwischen Rosen und Eisenbahnen

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Alexandra Birkert hat bei einem literarischen Stadtspaziergang durch den Rosensteinpark geführt.

Rund drei Stunden führte Alexandra Birkert vom Nordbahnhof nach Cannstatt. Foto: Rudel
Rund drei Stunden führte Alexandra Birkert vom Nordbahnhof nach Cannstatt. Foto: Rudel

S-Nord - Vom Kahlenstein spricht in Stuttgart heute kaum jemand mehr. Heute heißt die Anhöhe mit dem königlichen Landhaus von Wilhelm I. Rosenstein und befindet sich inmitten des gleichnamigen Parks zwischen Stuttgart-Nord und Bad Cannstatt. Doch mit seinem ursprünglichen Namen hat der Hügel einst Literaturgeschichte geschrieben. Denn für den 4. Mai 1794 lud der Verleger Johann Friedrich Cotta niemand anderen als Friedrich Schiller auf eine Kutschfahrt zum Kahlenstein ein, um mit ihn für seine neueste Zeitschrift zu gewinnen. Tatsächlich gelang Cotta mit der literarischen Monatsschrift „Die Horen“ das bedeutendste Sprachrohr der Weimarer Klassik.

Rund drei Stunden führte die promovierte Germanistin und Historikerin Alexandra Birkert von „LitSpaz“ aus Marbach vom Nordbahnhof über den Rosensteinpark bis nach Bad Cannstatt und begab sich mit ihren 13 Teilnehmern auf eine literarische Spurensuche. An vielen Stellen blieb sie stehen und erzählte Geschichten, teils persönliche, teils übermittelte, trug Gedichte vor und zeigte Fotos sowie alte Karten des Rosensteinparks.

Ein literarischer Spaziergang durch den Rosensteinpark ist nicht vollständig, wenn darin nicht wenigstens einmal das Thema Eisenbahnen vorkommt und König Wilhelm I. Deshalb trug der Rundgang von Alexandra Birkert auch den Titel „Zwischen Abstellgleisen, Eisenbahntunnel und Rosenspalieren“.

Hermann Lenz schrieb viele Spaziergänge über Stuttgart

„Die Gäubahn fährt vorbei oder der Züricher Schnellzug lässt die Gleise zittern“, las Birkert auf der Fußgängerbrücke über dem ehemaligen Eisenbahndörfle. Hermann Lenz schrieb viele Spaziergänge über seine Heimatstadt für die Zeitschrift „Stuttgarter Leben“, weshalb ihn Alexandra Birkert immer wieder für ihre literarischen Zwischenhalte verwendete.

Doch nicht nur Literarisches erfuhren Birkerts Zuhörer, immer wieder lenkte sie auch den Blick auf Historisches, Botanisches und besondere Stellen, allerdings nicht ohne zu betonen, dass es eigentlich um Literatur geht. Doch die Historikerin kommt bei Birkert immer wieder durch, jedoch mit so viel Begeisterung, dass sie keinen ihrer Zuhörer damit langweilt.

So legte sie gleich den zweiten Stopp an den drei kleinen Häuschen entlang der Nordbahnhofstraße ein, die „wie hineingeschoben unter der Brücke stehen“, schrieb Hermann Lenz. „Die will ich Ihnen natürlich nicht vorenthalten“, sagte Birkert. Lenz habe „im Krieg immer wieder an sie gedacht, weil sie vor den Bomben durch Brücken geschützt sind“, zitierte die Germanistin den Schriftsteller. Doch eines ist leider dennoch den Bomben zum Opfer gefallen.

Eduard Mörike hat sich besorgt über eine Tunnelfahrt geäußert

Von der früheren königlichen Landwirtschaft in der Meierei gegenüber dem Löwentormuseum ging es durch den von Wilhelm I. 1823 angelegten Park mit seinen Sichtachsen zum heutigen Rosensteinmuseum. Wenn Birkert im Literarischen zu einem Ort nicht fündig wurde, stieß sie manchmal dafür auf tierische Höhepunkte. So zeigte sie ihren Zuhörern vor der Meierei ein Bild von der Rosensteiner Rasse. „Dabei handelt es sich aber nicht um eine besondere Pferderasse“, verriet die Stadtführerin. sondern um Rindviecher, die besonders viel Milch geben sollten und diesen erlesenen Namen bekamen.

Über den Rosensteinpark gibt es dagegen wieder mehr Geschriebenes: Die junge Ottilie Wildermuth, die im 19. Jahrhundert nur in Begleitung eines Erwachsenen durch den Park spazieren durfte, hat ihre Impressionen verarbeitet. Auch die Wege von Gustav Schwab und Ludwig Uhland führten immer wieder hierher. Selbst in neueren Werken etwa bei Siegfried Lenz wird der Rosenstein erwähnt.

Der Höhepunkt der Führung für die Besucher war der Halt vor dem einstigen Eingang des 1846 erbauten Rosensteintunnels. Heute gleicht der Eingang einer Ruine – sehr zum Leidwesen von Birkert. „Als Historikerin mag ich mich da gar nicht umdrehen“, sagte sie. Deshalb konzentrierte sie sich lieber auf die bauhistorischen Fakten und literarischen Geschichten.

So gibt es von der heute eher unbekannten Schriftstellerin Anna Schieber eine Erzählung über die unheimlichen Begegnungen, die einen beim Aufenthalt im Dunkel unter der Erde erwarten können. Auch Eduard Mörike hat sich in einem bisher unveröffentlichten Brief besorgt über eine Tunnelfahrt geäußert.

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