Nordirland Europas Hollywood
Spätestens seit der erfolgreichen TV-Serie „Game of Thrones“ ist Nordirland eine echte Größe in der europäischen Filmindustrie. Wir zeigen, wie der nationale Tourismus davon profitiert.
Spätestens seit der erfolgreichen TV-Serie „Game of Thrones“ ist Nordirland eine echte Größe in der europäischen Filmindustrie. Wir zeigen, wie der nationale Tourismus davon profitiert.
Rund 35 Kilometer südlich der nordirischen Hauptstadt Belfast befindet sich Banbridge. Eine idyllisch gelegene Kleinstadt mit rund 15 000 Einwohnern im Westen der Grafschaft Down und Heimat einer der erfolgreichsten TV-Serien der Geschichte namens „Game of Thrones“ (GoT). In dieser auf der Romanreihe „Das Lied von Eis und Feuer“ des amerikanischen Schriftstellers George R. R. Martin basierenden Fantasy-Serie kämpfen neun große Adelsfamilien um den eisernen Thron und damit um die Herrschaft über den fiktiven Kontinent Westeros.
Etwas außerhalb von Banbridge befinden sich die „GoT“-Studios, der Ort, an dem rund ein Fünftel der Serie gefilmt wurde. Ein Schriftzug am hölzernen Eingangstor, auf dem in weißen Großbuchstaben „Linen Mill Studios“ steht, erinnert an die industrielle Vergangenheit des Geländes. Früher wurden hier Textilien aus Leinen hergestellt. Heute befindet sich dort ein hochmodernes Besucherzentrum im Wert von fast 47 Millionen Euro.
Die Tour durch die Filmstudios beginnt in einem komplett schwarzen Raum. Ein Mitarbeiter spielt ein Video mit „GoT“-Szenen ab. Plötzlich öffnet sich ein Tor, Nebel steigt empor und es heißt: „Willkommen in der Welt von George R. R. Martin.“ In diesem Raum sind auf über 10 000 Quadratmetern verteilt Kostüme und Requisiten zu sehen. Von Gewändern über den Schädel des Drachens Drogon bis hin zum eisernen Thron. Ausgestellt sind zudem die originalen Filmsets des Hauptquartiers der Nachtwache sowie der großen Halle von Winterfell.
Einer, der bei den Dreharbeiten in den Linen Mill Studios dabei war, ist Miguel Cabrerizo. Heute arbeitet er als Guide im Besucherzentrum. Eine Bewerbung auf die Rolle als Nebendarsteller bei „GoT“ hat sein Leben verändert. Cabrerizo erzählt: „Als ich gesehen habe, dass die Produzenten der Serie auf der Suche nach Schauspielern für eine Kampfszene waren, habe ich mich sofort beworben.“ Mit Erfolg. Cabrerizo erhielt eine Zusage.
Das Problem: Die Dreharbeiten sollten rund 100 Tage dauern, länger als der Sohn spanischer Eltern Urlaub nehmen konnte. Cabrerizo musste sich entscheiden: kündigen, um die wohl einmalige Chance zu ergreifen, bei „GoT“ mitzuspielen, oder weiter seiner bisherigen Tätigkeit nachgehen. Er entschied sich für die erste Option. Und hat dies bis heute nicht bereut – sowohl beruflich als auch privat. Denn Cabrerizo lernte bei den Dreharbeiten seine Verlobte kennen. Am Set machte er ihr den Heiratsantrag.
Wie sehr Nordirland davon profitiert, Hauptdrehort von „GoT“ gewesen zu sein – rund 70 Prozent der Serie wurden in Nordirland gedreht –, zeigen Zahlen aus dem Jahr 2018. Damals gab jeder sechste ausländische Tourist Nordirlands an, extra wegen „GoT“ in den Norden der Insel gereist zu sein. Das entspricht etwa 350 000 Personen. Diese brachten der nordirischen Wirtschaft 2018 fast 58 Millionen Euro ein.
Dass bereits vor der Eröffnung der Studios viele Filmtouristen nach Nordirland kamen, hat einen einfachen Grund. So können Film- und Serienfans auch außerhalb von Banbridge in die Welt der Fantasy-Serie eintauchen. Über ganz Nordirland verteilt befinden sich insgesamt 25 „GoT“-Drehorte.
Die „Game of Thrones Studio Tour“-App zeigt Fans, wo welche Szenen gedreht wurden. Die meisten Drehorte befinden sich im Osten der Insel, so auch Castle Ward – „GoT“-Fans besser bekannt als Winterfell, Sitz der Adelsfamilie Stark. Die Burg ist kaum wiederzuerkennen. Nur ein Turm und die daran angrenzenden Mauern erinnern an die riesige Festung aus der Serie. „Der Rest wurde mit CGI eingefügt“, verrät Tourguide James McKay.
Das hält viele „GoT“-Fans nicht davon ab, nach Ward zu pilgern. „Vor Corona hatten wir 400 bis 500 Besucher pro Tag“, sagt McKay stolz. Der Nordire ist Chef von Peak Discovery, einem Unternehmen, das sich ursprünglich auf Teambuilding-Events spezialisiert hat. Hierfür pachtete McKay ein 332 Hektar großes Areal um Castle Ward. Weil ihn über die Jahre bei den Teambuilding-Events immer wieder Menschen fragten, welche Szenen in der Burg gedreht wurden, entschied er sich schließlich, „GoT“- Touren anzubieten.
Heute kommen Fans aus nah und fern nach Strangford, um den Sitz der Adelsfamilie Stark zu sehen. Viele erscheinen im Gewand ihres Lieblingscharakters. Gäste ohne Verkleidung bekommen einen Mantel für die Führung geliehen. Die Besucher haben die Möglichkeit, ihre Zielgenauigkeit beim Bogenschießen und Axtwerfen unter Beweis zu stellen. Zwei Autostunden nördlich von Ward liegt das Fischerdorf Ballintoy. Eine schmale Straße führt hinab zur Bucht. Der in dieser gelegene Hafen diente als Drehort für die „GoT“-Insel Pyke.
Touristenführer Flip Robinson kennt die dort gedrehten Szenen in- und auswendig. Er war bei den Dreharbeiten selbst am Set und agierte in Staffel sechs als Statist für Hodor und Gregor Clegane. Dass Robinson die Rolle erhielt, hat er vor allem seinem Aussehen zu verdanken – der stämmige Nordire misst 2,05 Meter – und dem Zufall. Robinson landete nicht durch ein Casting am Filmset, sondern auch, weil er eine Autokolonne anhielt, die deutlich zu schnell unterwegs war.
Er fragte die Fahrer, wo sie hinwollten. Einer von ihnen erklärte, dass sie Teil des Managements von „GoT“ und auf dem Weg zu einem Dreh seien. Um seine peinliche Unwissenheit zu überspielen, fragte Robinson nach: „Sucht ihr zufällig einen Statisten?“ Wenige Tage später bekam er tatsächlich eine Einladung zum Dreh. Rückblickend sagt Flip Robinson: „,GoT‘ hat mein Leben verändert. Es hat mir die Chance gegeben, etwas zu machen, das ich liebe.“
Die Aussichten stehen gut, dass der Nordire auch in den kommenden Jahren seiner Leidenschaft wird nachgehen können. Denn mit „House of the Dragon“ ist erst kürzlich ein „GoT“-Ableger über die Familie Targaryen erschienen – ein weiterer Film über den „GoT“-Charakter John Snow befindet sich in Produktion.
Der Boom der nordirischen Filmindustrie und damit der Aufschwung des nationalen Tourismus scheint noch nicht zu Ende. Das sieht auch Schauspieler Cameron Cuffe so, der besonders Belfast eine rosige Zukunft voraussagt: „Belfast wird zum Hollywood Europas.“
Anreise
Mit dem Zug zum Flughafen nach Frankfurt am Main oder München. Von dort mit Air Lingus (www.aerlingus.com) oder Lufthansa (www.lufthansa.com) weiter nach Dublin. Weil die Drehorte über ganz Nordirland verteilt sind, empfiehlt sich ein Mietauto. Die Fahrt von Dublin nach Belfast dauert circa zwei Stunden.
Unterkunft
Die nordirische Hauptstadt Belfast verfügt zudem über eine großeAuswahl an erstklassigen Unterkünften. Beispielsweise das etwas außerhalb der Stadt gelegene Beechlawn Hotel, Gewinner des nordirischen Hospitality-Preises 2022; DZ ab 100 Euro pro Nacht, https://beechlawnhotel.com. Auch das mitten im Zentrum gelegene Grand Central Hotel ist eine Übernachtung wert. Von dem zweithöchsten Gebäude Nordirlands aus lässt sich die ganze Stadt überblicken; DZ ab 200 Euro, www.grandcentralhotelbelfast.com.
Aktivitäten
Eine Tour durch die GoT-Studios lässt sich unter www.gameofthronesstudiotour.com buchen. Die Führung kostet 39,5 Pfund, also knapp 47 Euro. Es besteht außerdem die Möglichkeit, einen Bustransfer von Dublin oder Belfast zu dem Filmstudio und zurück zu buchen.