Nordische Ski-WM Die Schattenseite des Oberstdorfer Postkarten-Idylls
Bei der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft in Oberstdorf geht es natürlich auch um Sport, vor allem aber um die Corona-Sicherheit. Eine Ortsbegehung.
Bei der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft in Oberstdorf geht es natürlich auch um Sport, vor allem aber um die Corona-Sicherheit. Eine Ortsbegehung.
Oberstdorf - Wer etwas auf sich hält in der Welt des Sports, gibt seiner Veranstaltung ein Motto. Je größer das Ereignis, umso pathetischer der Slogan. „Vereint durch Emotionen“ heißt es zum Beispiel bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio, so sie denn stattfinden, „Erwarte Wunderbares“ bei der Fußball-WM 2022 in Katar. In einer anderen Liga spielen die Macher der Nordischen Ski-WM in Oberstdorf. Sie organisieren zwar das größte Sportevent dieses Jahres in Deutschland, ein offizielles Motto aber existiert nicht. Nur ein Satz, der immer wieder fällt und an dem sich alle orientieren: „Wir müssen das Beste draus machen!“
Das Allgäu zeigt sich derzeit von seiner schönsten Seite. Schneebedeckte Gipfel, gleißender Sonnenschein, frühlingshafte Temperaturen – ein Postkarten-Idyll. Doch die Schattenseite ist am Mittwoch, dem Tag der Eröffnungsfeier, unübersehbar. In der trostlos leeren Fußgängerzone in Oberstdorf. In der Skisprung- und der Langlauf-Arena, wo auf den installierten Tribünen Pappkameraden das Publikum ersetzen. Und in den Gesichtern der Verantwortlichen, die kaum einmal Vorfreude widerspiegeln. Sondern eher eine Art Pflichterfüllung. „Es ist nicht die WM, die wir uns erwünscht hatten“, sagt Moritz Beckers-Schwarz, der Geschäftsführer, „unser Ziel ist jetzt, tolle Bilder in die Welt zu senden, die zeigen, dass Oberstdorf eine sichere Destination ist, die professionell mit einer solchen Situation umgeht.“ Eben das Beste draus machen.
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Lange musste das 9500-Einwohner-Städtchen, eine der deutschen Wintersport-Hochburgen, auf den WM-Zuschlag warten. Die Bewerbungen für die Titelkämpfe 2013, 2015, 2017 und 2019 scheiterten, ehe Oberstdorf vor fünf Jahren in Cancun endlich doch den Zuschlag erhielt. Fortan träumten sie im Allgäu. Von der besten Weltmeisterschaft der Geschichte für Skispringer, Kombinierer und Langläufer, von einem denkwürdigen Wintermärchen, von 400 000 Zuschauern wie bei der WM 2005. Von unvergesslichen Emotionen, Erlebnissen, Erfahrungen. Und sie arbeiteten hart daran, ihre Ziele zu verwirklichen, allein in die Modernisierung der Sportstätten flossen mehr als 40 Millionen Euro. Dann kam die Corona-Pandemie. Ein Albtraum. Auch für den Sport.
Längst hat sich der Profi-Bereich mit den Gegebenheiten arrangiert. Wettkämpfe ohne Fans sind die Realität. Alle vermissen die Atmosphäre von früher, Gesänge aus Kehlen statt aus Boxen, das Bad in der Menge. Doch letztlich zählen vor allem Siege, Medaillen und Prämien. „Das ganze Thema ist überstrapaziert“, sagt Horst Hüttel, Sportchef der deutschen Skispringer und Kombinierer, über die Zuschauer, die nun auch bei der WM fehlen werden. „Wir konzentrieren uns auf den Sport.“ Es ist ein Pragmatismus, den man sich leisten können muss. Denn klar ist: wichtigstes Thema bleibt der Kampf gegen das Virus. Erst recht in Oberstdorf.
Dort gibt es bisher nur einen Ort, der richtig belebt ist – das Eislaufzentrum. Hier finden die Coronatests statt, draußen vor der Halle bilden sich regelmäßig lange Schlangen. Doch von den Menschen mit Maske ist kein Murren zu hören. Jeder weiß: ohne geht es nicht. Und jeder akzeptiert, dass vor der WM noch einmal nachgeschärft wurde. Alle Beteiligten – Athleten, Betreuer, Funktionäre, Helfer, Journalisten – werden engmaschig überprüft. Jeden sechsten Tage ist ein PCR-Test Pflicht, dazwischen sind noch zwei Schnelltests vorgeschrieben. „Der Aufwand ist enorm hoch“, sagt Indra Baier-Müller, die Landrätin im Kreis Oberallgäu, „es ist eines der sichersten Konzepte, das es momentan auf der Welt gibt. Wir sind ein Vorbild. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um zu zeigen, dass der Sport ein Hoffnungsträger ist.“ Woran es durchaus Zweifel gibt.
In Oberstdorf ist Jürnjakob Reisigl der Stimmgewaltigste unter den Kritikern. Der Großunternehmer, der allein im WM-Ort fünf Hotels leitet, hat noch kurz vor Beginn der Titelkämpfe die Absage gefordert – aus Sorge davor, dass nach Abreise des rund 5000 Köpfe zählenden WM-Trosses aus 60 Nationen das Virus bleibt. „Wir haben Schiss, dass wir uns mit der Weltmeisterschaft, von der wir nichts haben, die Seuche ins Dorf holen. Es ist doch pervers, wenn alles stillsteht und wir hier ein Fest des Sports feiern wollen“, sagte Reisigl der „Allgäuer Zeitung“. Mit dieser Meinung steht er nicht alleine. Vor dem Oberstdorf-Haus im Kurpark treffen wir zwei junge Männer. Sie sitzen auf Klappstühlen neben einer WM-Werbesäule, teilen sich eine halbe Kiste Bier. Vor dem Gespräch setzen sie sich Masken auf, Sicherheit geht vor. „Viele in Oberstdorf wundern sich darüber, dass sie wegen Corona nur einen Freund treffen dürfen, gleichzeitig aber zig Tausend Leute aus der ganzen Welt in unseren Ort reisen“, sagen Tim Müller (18) und Arthur Götz (17), „das passt irgendwie nicht zusammen.“
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In der Tat kann man es durchaus als Gegensatz interpretieren, dass Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, in vielen Corona-Fragen ein Vertreter der harten Linie, der derzeit den Hobby- und Freizeitsport in seinem Bundesland untersagt, zugleich Schirmherr der WM ist. Kein Wunder, dass Geschäftsführer Moritz Beckers-Schwarz erklärt, die Kritik aus dem Ort („Das ist absolut menschlich“) zu verstehen. Er sagt allerdings auch: „Es kommt eine homogene, intensiv getestete Gruppe nach Oberstdorf. Wir sehen kein großes Infektionsrisiko, bisher ist noch aus keiner Sportveranstaltung ein Superspreader-Event geworden.“
5000 Coronatests gab es bislang rund um die WM, vier fielen positiv aus. Zwei kanadische Langlauf-Betreuer und zwei Hotelangestellte befinden sich in Quarantäne. „Wir müssen bei dieser WM unter Beweis stellen, dass wir Sport und Sicherheit bieten können“, sagt Landrätin Baier-Müller, „eine solche Veranstaltung stattfinden zu lassen, ist ein gutes Signal.“ Nicht nur für die Gegenwart.
Die Organisatoren in Oberstdorf jedenfalls hoffen, dass alles gut geht. Bei der WM 2021. Und bei den Entscheidungen, die danach anstehen. Denn am liebsten würden sie – dann ohne Pandemie – möglichst schnell wieder eine WM ausrichten. Denkbar wäre dies schon 2027, wenn der Ski-Weltverband mitspielt. „Wir hoffen, dass wir zeitnah eine Ersatz-WM bekommen“, sagt Oberstdorfs Bürgermeister Klaus King, „bei der wir dann zeigen könnten, was stimmungsmäßig machbar ist.“ Wenn es so kommt? Hätte Oberstdorf wohl das Beste draus gemacht.