Nordschwarzwald Proteste und viele Fragen zum Nationalpark

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Nationalpark Nordschwarzwald - was für Tourismusexperten verheißungsvoll klingt, ist für Forstleute und Freizeitsportler eher beängstigend.

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Bad Wildbad - Die beschauliche Kurstadt Bad Wildbad (Kreis Calw) entpuppt sich an diesem Samstagmorgen als die Zentrale des Protestes gegen einen von der grün-roten Landesregierung geplanten, rund zehn mal zehn Quadratkilometer großen Nationalpark. Dort soll in 30 Jahren die Natur sich selbst überlassen werden. Er wäre der erste überhaupt in Baden-Württemberg.

Vor dem Meistertunnel hat ein Konvoi aus Langholztransportern, Forstmaschinen und knatternden Traktoren die Zufahrt gesperrt. Auf der Landstraße stehen genervte Autofahrer bis Calmbach im Stau. "Die Forstunternehmen sagen Nein zum Nationalpark" prangt in großen Lettern auf allen Fahrzeugfronten. Mit ihrem tonnenschweren Protest anlässlich einer vom Agrarministerium organisierten Fachtagung zum Nationalpark Nordschwarzwald in Bad Wildbad wollen die versammelten Holzunternehmer, Sägewerkbetreiber und Waldbauern den Blick auf ihre Sorgen und Ängste lenken.

Vor der Tagungsstätte, der Trinkhalle am Kurpark, warnt der Verband der Agrargewerblichen Forstunternehmen Baden-Württemberg auf Flugblättern vor einem "nutzlosen Nationalpark". Der Bundesverband der Säge- und Holzindustrie und die Arbeitsgemeinschaft der Rohholzverbraucher klären in einem weiteren Flugblatt über die "fünf größten Nationalparkirrtümer" auf mit dem Fazit: "Ein Nationalpark begrenzt die Freiheiten der Bürger in der Region."

Mit dürren Nadelbaumgerippen und Fotos aus dem Nationalpark Bayerischer Wald führt die Interessengemeinschaft "Unser Nordschwarzwald" dem Agrarminister Alexander Bonde (Grüne) vor Augen, was ihrer Ansicht nach von "ihrem" Wald übrig bleiben würde, wenn sich dort massenhaft der Borkenkäfer über die Fichten hermachte. "Stuttgart 21 jetzt in Grün - Nein danke!" prangt auf Plakaten. Daneben steht der Slogan "Naturschutz im Nationalpark ist wie Krieg für Frieden."

Werben in Tierkostümen

Zahlenmäßig deutlich unterlegen ist die Gruppe der Befürworter vom Naturschutzbund Nabu. Diese werben in plüschigen Tierkostümen mit Broschüren und Anstecknadeln für einen Nationalpark. Außer den Naturschutzverbänden hat die grün-rote Landesregierung allerdings auch schon die Tourismusstrategen mit einem eindeutigen Bekenntnis auf ihrer Seite.

"Die Debatte steht erst am Anfang", betonte der Agrarminister Bonde, der sich spontan den Protestlern stellte und sie aufrief, sich bei der Erstellung des Fragenkatalogs zu beteiligen. Der CDU-Kreisvorsitzende und Landtagsabgeordnete Thomas Blenke forderte vom Minister eine "Politik des Gehörtwerdens" ein und erinnerte an den früheren Ministerpräsidenten Erwin Teufel (CDU), der zu seiner Zeit nach vehementen Protesten das Projekt Nationalpark fallen gelassen habe.

In der Halle wird über den Nationalpark informiert. Das 17.000 Hektar große potenzielle Schutzgebiet wird in einer Flugsimulation gezeigt, und es werden die Erkenntnisse aus dem Bayerischen Wald einbezogen. "Der Borkenkäfer ist ein Problem der Forstwirtschaft, nicht des Waldes", erklärte der pensionierte Leiter des Nationalparks Bayerischer Wald, Karl Friedrich Sinner. Der gehöre zum Wald wie Rötelmaus und Rotwild.

Was ist der Mehrwert?

Am Nachmittag werden von den gut 250 Bürgern, Vertretern aus Kommunen, Industrie und Interessenverbänden viele Fragen gestellt, Ängste, aber auch Hoffnungen geäußert: Was ist der Mehrwert des Parks? Wem nützt er? Wen schränkt er ein? Viele Hundert davon legen die Moderatoren aus sechs Arbeitskreisen zum Abschluss vor. Diese sind die Grundlage für ein Gutachten, das laut Agrarminister Bonde eine wesentliche Entscheidungshilfe sein wird, ob Baden-Württemberg als letztes Bundesland nun einen Nationalpark erhält oder nicht. Die Fragen, das verspricht er, sollen im nächsten Jahr von der Studie eines unabhängigen Gutachters beantwortet werden.

"Das Ergebnis dieser Bürgerbeteiligung muss offen sein", betonte auch Ortwin Renn, Professor am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Stuttgart und zugleich der Vorsitzende des Nachhaltigkeitsbeirats Baden-Württemberg. Für ihn sind zuerst einmal "Konflikte nichts Schlechtes" in einem solchen Prozess. "Es bedürfe aber dabei einer Kultur des Zuhörens und des Dialogs, nicht der Inszenierung von Positionen." Renn wird die Fragen auswerten und bündeln und in ein sogenanntes "Lastenheft" für die Studie einarbeiten- Futter für den Gutachter.

Die Veranstaltung wurde live im Internet übertragen. "Es war gut, bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Debatte ein solch aufwendiges Verfahren gewählt zu haben", meinte Bonde. Der Minister bedauerte aber, dass nicht mehr Gegendemonstranten vor der Halle sein Angebot angenommen hätten, sich an der Tagung zu beteiligen und sich in den Diskussionen einzubringen. Viele von den Nationalpark-Gegnern vorgebrachten Ängste und Sorgen hätten sich in den Diskussionen als unbegründet erwiesen.