Notfallplan für Familien Damit der Streit zwischen Eltern und Kindern nicht eskaliert
Wenn Tränen fließen und Türen knallen, muss durchgegriffen werden. Ein kurzes Anti-Aggressionstraining für Familien in Rage.
Wenn Tränen fließen und Türen knallen, muss durchgegriffen werden. Ein kurzes Anti-Aggressionstraining für Familien in Rage.
Stuttgart - Wie schon ein einziges Wort den Blutdruck auf 180 pushen kann! Zum Beispiel ein einfaches „Nööö“ auf die Aufforderung, doch bitte mal das Kinderzimmer aufzuräumen. Oder doch endlich mit den Hausaufgaben zu beginnen. Schließlich wurden diese Themen doch schon tausendmal durchgekaut! Jetzt muss mal richtig durchgegriffen werden. Die Lautstärke steigt. Tränen fließen, Türen knallen. Am Ende steht die Erschöpfung. Und auch die Verzweiflung.
Aus unserem Plus-Angebot Sabine König berät Eltern mit Erziehungsproblemen in Stuttgart
Konstruktiv ist das nicht. Wie kommt es nur dazu, dass Streit mit jemandem, den wir doch eigentlich so sehr lieben, immer wieder eskaliert? „Wenn Streit immer wieder hochkocht, ist bereits ein eingespieltes Gegeneinander entstanden“, erklärt Psychologe Dr. Andreas Schick, Leiter des Heidelberger Präventionszentrums und Entwickler der Präventionsprogramme Faustlos und Fäustling (für Krippen). „Der Streit folgt dann einem immer gleichen Drehbuch.“ Mit anderen Worten: Fühlt sich einer der Streitpartner verletzt, weiß er genau, auf welche Weise er den anderen am besten zum Kochen bringt. Dr. Andreas Schick: „Der Sog in die Eskalation eines Streits kann mächtig sein.“
Es gibt Verhaltensweisen, die einen Streit richtig anfeuern. Dazu gehören zum Bespiel Verallgemeinerungen, die mit „immer“ oder „nie“ beginnen. „Immer musst du alles herumwerfen!“ – „Nie kannst du mal zügig deine Hausaufgaben durcharbeiten.“ – „Kein einziges Mal bist du pünktlich!“ Solche Verallgemeinerungen machen wütend und fordern den Widerstand geradezu heraus.
Es geht aber auch anders. Eltern sind Teil des Streits, also können sie den Verlauf von Konflikten beeinflussen. Aber wie? Wichtig ist es, in einer ruhigen Stunde zu überlegen, welche Sätze es sind, die immer wieder Wind in die Segel geben und zur Irrfahrt in den Sturm führen. „Das können Eltern in einer entspannten Situation auch zusammen mit dem Kind machen“, sagt Andreas Schick. So lässt sich zum Beispiel fragen: „Was hat dich denn so geärgert, dass du am Ende die Türe knallen musstest?“ Hilfreich sei auch, eine gelungene Streitlösung zu besprechen, erklärt der Experte für Streitprävention. „Weißt du noch damals, als du zu deinen Freunden wolltest, obwohl du noch nicht für die Arbeit gelernt hattest? Wie haben wir das da eigentlich hingekriegt, eine Lösung zu finden?“
Eine Pause einlegen: „Kurz – oder auch etwas länger – innezuhalten ist ein wichtiges Präventions- und Deeskalations-Werkzeug“, weiß Andreas Schick. Wie es sich anwenden lässt? „Lass uns in einer halben Stunde drüber reden“, lautet der Text, der Zeit nicht nur zum Durchatmen bietet, sondern auch zum Überlegen, worum es denn eigentlich geht.
„Streit eskaliert oft dadurch, dass man nicht beim Thema bleibt“, erklärt Andreas Schick. Wichtig sei deshalb, sich nicht einzulassen auf weitere Streitpunkte wie „Wer ist schuld?“ oder „Wer hat angefangen?“ Besser sei es, sich zu fragen: Was ist das Problem? Und: Wie können wir es lösen?
Meta-Kommunikation – das ist Kommunikation über Kommunikation – stellt einen wichtigen Schlüssel dar, um Konflikte zu entschärfen. Davon war schon der Psychotherapeut Paul Watzlawick, Autor der „Anleitung zum Unglücklichsein“, überzeugt. Konkret kann das im Streitfall heißen: „Merkst du, dass wir gerade wieder beginnen zu streiten, wie wir es schon so oft getan haben?“ Im Idealfall sagt jetzt das Kind: „Stimmt!“
Sehr wirkungsvoll können „Code-Wörter“ sein, die Eltern und Kinder im Vorfeld vereinbaren sollten. Wer ahnt, dass ein Streit entsteht, der zu keiner Lösung führt, wendet es an. Es kann „Katze“ oder „Rumpelpumpel“ lauten, was auch immer. Schon folgen ein Luftholen und ein gemeinsamer Lacher – und der Ton ist entschärft.
„Du kannst einfach nicht mal fünf Minuten ruhig sitzen bleiben. Du bist so ungeduldig!“ Du-Botschaften können verletzen, erklärte bereits der Psychologe Thomas Gordon in seinem Klassiker „Die Familienkonferenz“. Denn Du-Botschaften bewerten das Gegenüber und weisen ihm Schuld zu. Wer einen Streit konstruktiv führen möchte, packt deshalb Ich-Botschaften in sein Notfallset. Das heißt: Erklären, welche Folgen das Verhalten des Kindes für einen selbst hat. Eigene Gefühle benennen.
Am Ende hilft oft eine Entschuldigung. Wenn bereits zerstörerische Sätze gefallen sind, dann gilt es – im Idealfall –, sich erst einmal zu beruhigen und sich anschließend für sein Verhalten zu entschuldigen. In manchen Fällen sei vielleicht auch eine Wiedergutmachung angebracht, so Andreas Schick.
1. Kinder wissen noch nicht, wie sie Konflikte lösen können. Kleine Kinder reagieren zunächst mit Trotz. Sie wollen die Eltern nicht bewusst ärgern und auch keine Grenzen testen. Sie toben und stampfen, weil sie nicht weiterwissen. Eine gute Konfliktlösung müssen sie von den Eltern erst lernen.
2. Um Kinder gut auf unsere Gesellschaft und das Leben vorzubereiten, bräuchten sie Führung, erklärt der dänische Familientherapeut Jesper Juul immer wieder. Dazu gehörten ein gutes Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl, aber auch, dem Kind mit Empathie und Respekt zu begegnen.
3. Ohne Konflikte geht es nicht. Konflikte sind normal. Die Lösung liegt im ersten Schritt darin, die eigenen Bedürfnisse und die Bedürfnisse der anderen zu erkennen.