Die Notfallpraxis am Klinikum in Schorndorf steht Patienten ab sofort nicht mehr zur Verfügung. Foto: Gottfried Stoppel
Nach einem Urteil des Bundessozialgerichts muss die Notfall-Gesundheitsversorgung im Rems-Murr-Kreis neu aufgestellt werden. Was betroffene Ärzte nun befürchten und warum ein Pathologe künftig wohl einen Herzinfarkt diagnostizieren muss.
Jens Steinat ist frustriert bis unter die Halskrause. Der Allgemeinmediziner, der in Oppenweiler zusammen mit seiner Frau eine Praxis betreibt, sieht sich und seine Kollegen vor einem Scherbenhaufen, den die Politik zu verantworten habe. „Die haben keine Vorstellung davon, was die Realität ist.“
Arbeitszeiten am Limit
Immer mehr sei in den vergangenen Jahren an Aufgaben und Bürokratie auf die niedergelassenen Ärzte abgeladen worden, sagt Steinat, der auch Vorsitzender der Ärzteschaft Backnang ist. Das und ein eklatanter Fachkräftemangel führe bei vielen Praxisinhabern zu Arbeitszeiten, die kaum mehr mit einem Familienleben vereinbar seien. Sein eigener Tag habe heute um 6.50 Uhr mit einem Patientennotfall und einer Leichenschau begonnen, sagt der Facharzt für Allgemein- und Notfallmedizin, Akupunktur, Gesundheitsförderung sowie Prävention. Vor 23.30 Uhr werde er seinen Laptop am Abend kaum zuklappen können. Das sei für nicht wenige Hausärzte der Regelbetrieb, hinzu kämen Wochenenddienste, Fortbildungen und anderes. Und jetzt das. „Es ist eine bodenlose Unverschämtheit, wie mit uns umgegangen wird“, echauffiert sich Steinat.
Dr. Jens Steinat: „Bodenlose Unverschämtheit.“ Foto: Frank Rodenhausen
Hintergrund für den aktuellen Zorn der Ärzte ist eine Entscheidung des Bundessozialgerichts (BSG), wonach Mediziner, die als sogenannte Poolärzte freiwillig im Bereitschaftsdienst außerhalb der regulären hausärztlichen Sprechzeiten tätig sind, künftig sozialversicherungspflichtig sind. Das Urteil ist laut Steinat eine Folge von „fahrlässigen politischen Versäumnissen auf Bundesebene und der daraus resultierenden Rechtsprechung durch das Bundessozialgericht“.
Keine Poolärzte mehr im Bereitschaftsdienst
Die Auswirkung ist jedenfalls, dass in Baden-Württemberg ab sofort keine sogenannten Poolärzte mehr im Bereitschaftsdienst eingesetzt werden. Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) teilt dazu mit: „Das bestehende System kann in der bisherigen Form nicht weitergeführt werden.“ Man reagiere auf das Urteil mit einem Notfallmaßnahmenplan, der zunächst für drei Monate gelte, so die KVBW. Dieser beinhaltet unter anderem die Schließung mehrerer Notfallpraxen im Land. Betroffen davon ist auch die Einrichtung am Krankenhaus in Schorndorf. An den zwei verbleibenden Orten im Landkreis müssen die Öffnungszeiten sowie die Hausbesuchsdienste verkürzt werden.
Diese Reduzierungen der Bereitschaftszeiten könnten den Wegfall der rund 3000 Poolärzte im Land (etwa 100 davon im Rems-Murr-Kreis) freilich nicht kompensieren, sagt Daniel Schäfer, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Vereins Notfallpraxis Rems-Murr und Allgemeinmediziner in Waiblingen, der ebenfalls nicht verstehen kann, wie man ein „exzellent funktionierendes System“ mehr oder weniger ohne Not kaputt mache. Er sieht nun nicht nur Mehrarbeit auf die niedergelassenen Ärzte zukommen, sondern auch eine besorgniserregende Verschlechterung der Versorgungslage für die Patienten.
Die müssten durch die Reduzierung der Öffnungszeiten nämlich nicht nur mit längeren Wartezeiten rechnen, sondern auch damit, auf einen Facharzt zu treffen, der schlecht auf einen allgemeinärztlichen Notfall vorbereitet ist. Das räumt etwa die stellvertretende Vorsitzende der Kreisärzteschaft Rems-Murr-Süd, Katharina Muschel, für sich selbst unumwunden ein. Die Schorndorfer Fachärztin für Frauenheilkunde, Geburtshilfe und Perinatalmedizin ist zwar bereits seit 25 Jahren mit nahezu allen Fällen ihres Spezialgebiets bestens vertraut, ob sie aber auf Anhieb einen Herzinfarkt diagnostizieren könne, wage sie nicht zu versprechen. Weil sie ihre Verpflichtung zum Bereitschaftsdienst aber nicht mehr wie bisher an einen generalistisch bewanderten Poolarzt abgeben kann, muss sie diesen von nun an selbst wahrnehmen. „Ich weiß noch nicht, wie ich das machen soll.“ Dabei wären Notfallpatienten mit der Gynäkologin wahrscheinlich noch deutlich besser dran als mit anderen Kollegen – denn für die Dienste müssen ab sofort auch Pathologen, Psychiater oder Laborärzte herangezogen werden.
Läuft die Notaufnahme voll?
Dr. Angela Rothermel:„In der Notaufnahme muss mit längeren Wartezeiten gerechnet werden.“ Foto: Frank Rodenhausen
Angela Rothermel, die Leitende Ärztin der Notaufnahme in der Rems-Murr-Klinik Schorndorf, befürchtet zudem, dass durch die Einschränkungen in den Notfallpraxen noch mehr Patienten die Notfallaufnahmen der Krankenhäuser in Anspruch nehmen werden, für die diese nicht vorgesehen sind. Während die Notfallpraxen abends, am Wochenende oder an Feiertagen Patienten offen steht, die mit einer Behandlung nicht warten können oder wollen, bis die Hausarztpraxis wieder öffnet, ist die rund um die Uhr geöffnete Notfallaufnahme eigentlich nur für Menschen gedacht, deren Leben akut in Gefahr ist.
„Wir stehen selbstverständlich Seite an Seite mit unseren niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen. Denn uns allen geht es darum, dass wir eine gute und sichere Gesundheitsversorgung gerade auch für Menschen in Notlagen bieten können“, betont Angela Rothermel. Aber man müsse auch klar sagen, dass die drohenden Engpässe im Bereitschaftsdienst in den Notaufnahmen der Kliniken kaum kompensiert werden könnten. „Patientinnen und Patienten müssen daher leider auch bei uns mit längeren Wartezeiten rechnen, dafür bitten wir um Verständnis.“
So sind die Notfallpraxen geöffnet
Backnang im örtlichen Gesundheitszentrum: Montag bis Freitag, 18 bis 21 Uhr. Samstag, Sonntag, Feiertage, 8 bis 20 Uhr.
Winnenden in den Räumen des Rems-Murr-Klinikums Winnenden: Montag, Dienstag, Donnerstag, 18 bis 22 Uhr, Mittwoch, Freitag, 14 bis 22 Uhr. Samstag, Sonntag, Feiertage, 8 bis 22 Uhr. Die chirurgische und die orthopädische Notfallpraxis werden geschlossen. Die Kinder-Notfallpraxis bleibt wie gewohnt geöffnet.
Schorndorf Die Notfallpraxis in den Räumen der Rems-Murr-Klinik Schorndorf ist ab sofort geschlossen.
Fahrdienste Wer nicht selbst zu einer Notfallpraxis kommen kann, kann einen Fahrdienst unter der Telefonnummer 116117 anfordern.