Notumzug nach Böblingen IBM flüchtet aus Ehninger Zentrale

Das IBM-Labor in Böblingen erlebt seinen zweiten Frühling Foto: Archiv/Thomas Bischof

Es ist ein Paukenschlag für die über 3000 Beschäftigten der IBM im Kreis Böblingen: Statt die Labor-Mitarbeiter ins Interimsquartier nach Ehningen zu verlegen, kommt es nun exakt andersherum. Die über 2000 Ehninger Mitarbeiter ziehen interimsweise auf den Rauhen Kapf.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Ob die Umzugskisten in Böblingen schon bereit standen, ist nicht überliefert. Wahrscheinlich aber ja. Denn im September des vergangenen Jahres verkündete die IBM, dass die Böblinger Labor-Mitarbeiter bald ausziehen und in Ehningen Unterschlupf finden würden. Man wolle das Labor verlassen und sich räumlich schon mal an den Neubau und die Ehninger Kollegen annähern, die offenbar noch Platz für über 1000 IBM-Forschende übrig hatten. Nun kommt es exakt anders herum.

 

„Wir planen die in Ehningen angemieteten Gebäude in Kürze zu verlassen und unsere Ehninger Mitarbeitenden in der IBM-Lokation in Böblingen unterzubringen“, sagt IBM-Sprecher Michael Kieß am Freitag. Hintergrund ist die doppelte Malaise des US-Konzerns mit seinen Immobilien. Zuerst ging im August des vergangenen Jahres der Bauträger des neuen Technology Campus in Ehningen pleite, in den Zentrale und Labor zusammenziehen. Die Baustelle geriet ins Stocken und ruhte schließlich ganz, der Umzug wurde auf Eis gelegt.

Zwar gibt es neuerdings einen zarten Hoffnungsschimmer, dass die insolvente Gesellschaft wieder tragfähig werden könnte. Doch bis auf der Baustelle die Arbeit wieder aufgenommen wird, sind noch viele Hürden zu nehmen. Im Dezember flatterte die nächste Hiobsbotschaft in die Ehninger Konzernzentrale: Die USA setzten den Inhaber der Ehninger IBM-Bestandsgebäude auf eine Sanktionsliste: den afghanischen Geschäftsmann Haji Ahman Rahmani.

Pläne für Quantum Gardens liegen auf Eis

Der wollte diese Fläche nach dem IBM-Auszug in einen innovativen Wohn-Tech-Campus namens Quantum Gardens verwandeln. Das US-Finanzministerium wirft ihm aber vor, Nato-Truppen in Afghanistan im großen Stil um Treibstoff betrogen zu haben. Rahmani streitet die Vorwürfe als haltlos und unwahr ab und geht gerichtlich dagegen vor. Doch für die IBM wurde er als Vermieter untragbar.

Die US-Sanktionen besagen, dass auch all jene „U.S. Persons“ mit Sanktionen rechnen müssen, die mit Rahmani Geschäfte tätigen. Da die IBM im Kern ein amerikanisches Unternehmen ist, sollen die Juristen sogleich geprüft haben, ob das Mietverhältnis in Ehningen davon betroffen sei, berichten interne Quellen. Laut den Anwälten von Herrn Rahmani sei das Mietverhältnis nicht von den Sanktionen betroffen. Dennoch plant die IBM nun aus den Gebäuden in Ehingen auszuziehen. Da eine dritte Ausweichfläche in dieser Größenordnung aber nicht in Griffnähe war, vollführt der Konzern nun die 180-Grad-Wende: Alle Ehninger nach Böblingen.

Labor erlebt kurzen zweiten Frühling

Obschon totgesagt, erlebt das Böblinger Labor damit einen zweiten Frühling. Es wird De-facto-Sitz der Zentrale für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Zu den Forschern im Labor, dessen Wurzeln bis ins Jahr 1953 zurückreichen, gesellen sich in den kommenden Wochen Kollegen aus den Abteilungen Finanzen, Recht, Personal, Marketing und Vertrieb. Dem Vernehmen nach sind IBM-intern über 2000 Mitarbeiter von dem Umzug betroffen. Im Labor arbeiten derzeit 1200 Forscher.

Aus internen Quellen ist zu erfahren, dass Platz kein allzu großes Problem darstelle. Die Gebäude stammen aus der Zeit der Lochkarten, in der noch mit deutlich mehr Personal gearbeitet wurde. Man müsse allerdings etwas aufhübschen und einige Wände weißeln, heißt es. Inwieweit die Verwaltungskollegen das Interimsquartier annehmen, werde sich zeigen – Home Office ist nicht erst seit Corona bei dem Hightech-Konzern Usus. Ob die Parkplätze vor dem Gebäude und die Sitzplätze in der Kantine aber immer für alle ausreichen werden?

Bereits 2016 an Investor verkauft

Dass die Gebäude nun so eine Wichtigkeit erlangen, ist eine Ironie der Geschichte. Die Liegenschaften auf dem Rauhen Kapf gehören längst nicht mehr der IBM selbst. Bereits im Jahr 2016 wurde das gesamte Areal an die Greenpark Böblingen GmbH veräußert, an der der ehemalige Böblinger Norbert Ketterer maßgeblich beteiligt ist.

Er plant dort eine innovative Siedlung in Holz-Fertigbauweise zu errichten. Daher sollte der Mietvertrag mit der IBM dieser Tage auslaufen, die Gebäude baldmöglichst abgerissen werden.

Jetzt wird der Vertrag noch mal verlängert. Für wie lange, ist nicht zu erfahren. Im Gewerbe allerdings sind befristete Verträge üblich. Böblingen wird offenkundig so lange Hauptsitz bleiben, bis der Neubau in Ehningen bezugsfertig ist. Hier gab es zuletzt einen zarten Hoffnungsschimmer.

Die insolvente Bauträgergesellschaft Development Partner kündigte jüngst an, ihre Struktur deutlich zu verändern: Tragfähige Tochtergesellschaften sollen herausgelöst werden und eigenständig agieren. Das könnte eine Chance für die Ehninger Tochtergesellschaft sein. Sobald ein Finanzierungskonzept steht, könnte es auf der Baustelle weitergehen. Gut informierte Personen rechnen im Frühjahr mit Neuigkeiten.

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