NS-Verbrecher aus dem Südwesten Versuchsleiter des Holocaust
Er gilt als „Nazifresser“, doch nach der Machtübernahme der NSDAP wird Gottlieb Hering zum Musterschüler der neuen Herren – und schließlich zum Massenmörder.
Er gilt als „Nazifresser“, doch nach der Machtübernahme der NSDAP wird Gottlieb Hering zum Musterschüler der neuen Herren – und schließlich zum Massenmörder.
Stuttgart - Himmler ist begeistert. Gottlieb Hering sei „einer der fähigsten Mitarbeiter der Aktion Reinhardt“, schwärmt der Reichsführer SS im Februar 1943 während eines Besuchs in Lublin. Hering ist Kommandant des Konzentrationslagers Belzec und hinter der „Aktion Reinhardt“ verbirgt sich nichts anderes als die Ermordung aller Juden im besetzten Polen. Es ist der Testlauf für den Holocaust und zugleich sein Kern. Zwischen Juli 1942 und Oktober 1943 werden in Belzec, Sobibor und Treblinka zwei Millionen Menschen ermordet. Unter schwäbischer Aufsicht.
Dabei hatte der 1887 in Warmbronn geborene Hering mit den Nazis anfangs nicht viel am Hut. Ein „Nazifresser“ sei er gewesen, ein SPD-Sympathisant, heißt es über den Schutzmann, der nach dem Ersten Weltkrieg zur Heilbronner Polizei zurückkehrt und danach die Karriereleiter hinaufklettert: 1919 kommt er zur Kriminalpolizei nach Göppingen, 1929 übernimmt er deren Leitung. Als Chef einer Sonderkommission zur Überwachung radikaler Parteien geht er rigoros gegen die SA und die SS vor. Einem Göppinger SA-Führer soll er erklärt haben, dass er sich lieber eine Kugel in den Kopf schieße, als Nazi zu werden.
Mit der Machtübernahme der NSDAP im Januar 1933 dreht sich der Wind. Die Göppinger NSDAP fordert die Entlassung Herings. Doch ein alter Bekannter – der Polizeigewerkschafter Christian Wirth aus dem schwäbischen Balzheim, NSDAP-Mitglied seit 1922 und damit ein „alter Kämpfer“ – setzt sich für ihn ein. Hering wird nach Stuttgart versetzt, steht aber unter Beobachtung. „Die neuen Herren gaben sich gegenüber den ‚Kameraden, die früher einmal in der falschen Front gestanden‘ hatten, durchaus großzügig“ schreibt der Historiker Wolfgang Proske in „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“, „aber eben nur dann, wenn sie sich auf Gedeih und Verderb in die neuen Verhältnisse einordneten“. Von Männern wie Hering erwarten die neuen Machthaber „immer einen Tick mehr“. Hering avanciert zum Musterschüler – und zum Massenmörder.
Wirth und Hering sind an der „Aktion T 4“ – der Ermordung Behinderter und Kranker – beteiligt. Nach dem Stopp des Euthanasie-Programms werden sie ins besetzte Polen abkommandiert, wo das Fachwissen von Massenmördern gefragt ist. Wirth übernimmt das Kommando in Belzec, dem ersten Vernichtungslager, das die Nazis errichten. Hier und in den Lagern von Sobibor und Treblinka probt die SS unter dem Tarnnamen „Aktion Reinhardt“ den industriellen Massenmord, entstehen die ersten Gaskammern, geht es einzig darum herauszufinden, wie man in kürzester Zeit möglichst viele Menschen umbringt.
Noch wird das später in Auschwitz eingesetzte Zyklon B lediglich zur Desinfektion der Kleidung genutzt. Stattdessen verwendet die SS im Konzentrationslager Belzec Kohlenmonoxid aus Stahlflaschen wie zuvor bei der Ermordung Behinderter, später – nach mehreren Testläufen, um die effektivste Technik zum Massenmord zu finden – dann die Abgase eines sowjetischen Panzers T-34.
Als Wirth im Sommer 1942 zum Inspekteur der Vernichtungslager der „Aktion Reinhardt“ ernannt wird, übernimmt Hering das Kommando in Belzec. Rudolf Reder, einer der wenigen Überlebenden des Lagers, beschreibt Hering wie folgt: „Er war ein groß gewachsener Schlägertyp, breitschultrig, über 40, mit einem ordinären Gesichtsausdruck – so sieht wahrscheinlich der geborene Verbrecher aus. Ein absolutes Untier.“ Belzec ist das Versuchslager des Massenmords und Hering der Versuchsleiter.
Anders als in Auschwitz und anderen Konzentrationslagern wird in Belzec, Sobibor und Treblinka nicht selektiert. Der Weg der Opfer führt von den Güterzügen direkt in den Tod. Den ganzen Tag spielt ein Orchester. Erst, um die Neuankömmlinge auf dem Weg zu den Gaskammern zu beruhigen, später, um ihre Schreie zu übertönen. Reder zufolge waren es gerne populäre Schlager wie „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei“. Zu beschwingten Klängen spielen sich unvorstellbare Szenen ab. „Ein Transport mit Kindern bis zu drei Jahre alt kam an. Die Arbeiter mussten ein großes Loch graben, in das die Kinder hineingeworfen und lebendig begraben wurden. Ich kann nicht vergessen, wie sich die Erde bewegte, bis die Kinder erstickt waren“, erinnert sich der Belzec-Überlebende Chaim Hirszman.
Die Lager Sobibor, Belzec und Treblinka stehen heute im Schatten von Auschwitz, das zur Chiffre für die „Endlösung der Judenfrage“ geworden ist. Unter anderem, weil es kaum Überlebende der „Aktion Reinhardt“ gab. Das Vernichtungslager Belzec sollen drei Häftlinge überlebt haben, andere Quellen sprechen von sieben Überlebenden. Hinzu kommt, dass die Nazis versuchen, die Spuren des Massenmords zu verwischen. Denn die Massengräber reichen bald nicht mehr aus, der Verwesungsgeruch ist noch Kilometer entfernt wahrzunehmen. Also beginnt die SS, die Leichen wieder auszugraben und auf großen Scheiterhaufen zu verbrennen. Monatelang liegt die Gegend unter einer fettigen, schwarzen Wolke. Die Einwohner des benachbarten Dorfes Belzec kratzen menschliches Fett von ihren Fensterscheiben.
Nach der Beseitigung der Leichen wird das Lager aufgelöst und ein kleiner Bauernhof auf dem Gelände errichtet. Die Häftlinge, die die Leichen ausgraben und verbrennen mussten, werden anschließend nach Sobibor gebracht und erschossen. Nichts soll an den Massenmord erinnern, vor allem keine Augenzeugen. Schließlich ist die „Endlösung der Judenfrage“ laut Himmler „ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt“, wie er 1943 in Posen vor SS-Führern erklärt.
Odilo Globocnik, SS- und Polizeiführer für Lublin und Leiter der „Aktion Reinhardt“, wird im Mai 1945 – wenige Tage, bevor er Zyankali nimmt – zufrieden erklären: „Zwei Millionen ham’ma erledigt.“ Auch Wirth und Hering müssen sich wegen ihrer Taten nicht verantworten. Wirth wird 1944 in Slowenien von Partisanen erschossen. Hering stirbt am 9. Oktober 1945 unter ungeklärten Umständen in einem Krankenhaus in Stetten im Remstal – ob infolge einer Erkrankung oder einer Zyankali-Kapsel lässt sich nicht sagen.
Schon ein Jahr zuvor hatte es Gerüchte gegeben, dass Hering nach dem Tod seines Protegés Wirth in Slowenien und seiner Amtsenthebung wegen „kommunikativer Probleme“ gestorben sei. Was erklären könnte, warum er „bis heute von der NS-Forschung weitgehend übersehen wurde“, wie Proske schreibt. In dem von seiner Witwe betriebenen Entnazifizierungsverfahren bleiben seine Verbrechen unerwähnt. Hering wird als nicht belastet eingestuft, die Ermittler kommen zu dem Schluss, „dass sich der Betroffene nicht besonders für den Nationalsozialismus eingesetzt hat“.