NSU-Ausschuss des Landtags „Corelli“ und der Ku-Klux-Klan

Von Reiner Ruf 

Der V-Mann Thomas Richter alias „Corelli“ hat schon die Fantasie vieler NSU-Aufklärer angeregt. Nun berichtete der vom Bundestag eingesetzte Sonderermittler Jerzy Montag dem NSU-Ausschuss des Landtags.

Der Bundestag verweigert dem Landtag den Geheimbericht zur Rolle des V-Manns „Corelli“. Sonderermittler Jerzy Montag wusste dennoch Erhellendes zu berichten. Foto: dpa
Der Bundestag verweigert dem Landtag den Geheimbericht zur Rolle des V-Manns „Corelli“. Sonderermittler Jerzy Montag wusste dennoch Erhellendes zu berichten. Foto: dpa

Stuttgart - Eine der drängenden Fragen, die den NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags beschäftigen, betrifft die Rolle der Geheimdienste bei der Gründung des Ku-Klux-Klans (KKK) im Raum Schwäbisch Hall im Jahr 2000. Hatten die Verfassungsschützer die Hände im Spiel und erschufen sich ein Beobachtungsobjekt? Einen Rassistenclub, der weitere Rechtsextremisten anlocken und vom Verfassungsschutz gesteuert werden sollte?

Diese „Honigtopftheorie“ wird immer wieder ventiliert. Nicht ohne Grund, war doch der Gründer der Ku-Klux-Klan-Gruppe, Achim Schmid, ein Informant des Landesamts für Verfassungsschutz (LfV). Und einer seiner Helfer, Thomas Richter alias „Corelli“, diente dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) als treuer und ergiebiger Hinweisgeber, also als V-Mann. Der Name Richters fand sich auf der so genannten Garagenliste des NSU-Mitglieds Uwe Mundlos, beim Ku-Klux-Klan wiederum machten zwei baden-württembergische Polizisten mit, deren einer am Tag der Ermordung der Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn als Vorgesetzter fungierte.

Pst! Alles geheim!

Damit sind schon die wichtigsten Linien skizziert, die zwischen dem mutmaßlichen NSU-Terrortrio, „Corelli“ und Baden-Württemberg gezogen werden. Aber wie tragfähig sind diese Verbindungen? Aufschluss vermittelte bei der jüngsten Sitzung des Stuttgarter Untersuchungsausschusses der Rechtsanwalt Jerzy Montag. Der 68-Jährige frühere Grünen-Bundestagsabgeordnete erstellte zuletzt als Sonderermittler des Parlamentarischen Kontrollgremiums einen als geheim eingestuften Bericht zur Rolle „Corellis“. Die vom Bundestag geforderte Geheimhaltung musste Montag auch gegenüber dem NSU-Ausschuss des baden-württembergischen Landtags wahren. Ein Umstand, der in Stuttgart heftigen Unmut hervorrief.

Dennoch wusste der Sonderermittler den Abgeordneten am Freitag Erhellendes zu sagen. Aufmerken ließ zum Beispiel, dass „Corelli“, der V-Mann des BfV, von sich aus gar nicht bei den Schwäbisch Haller Kuttenträgern mitmachen wollte. Der Neonazi hielt den Klan für einen pseudoreligiös-esoterischen Quatsch. Die Verfassungsschützer drängten ihn jedoch dazu. „Man hat ihm mehr oder weniger den Befehl gegeben, das zu tun“, berichtete Montag. Dies allerdings nicht, um einen Honigtopf aufzustellen, sondern weil die Verfassungsschützer den Ku-Klux-Klan für potenziell gefährlich hielten. Sie verwiesen gegenüber dem Sonderermittler auf einen Fall in Brandenburg Anfang der 1990er Jahre, als ein Migrant unter dem Skandieren von Ku-Klux-Klan-Parolen schier zu Tode gehetzt worden sei. Die Verfassungsschützer im Land wehren sich gegen die Honigtopf-Theorie mit dem Hinweis, sie hätten Klan-Gründer Achim Schmid genau deshalb abgeschaltet: weil er dies ohne ihr Wissen getan habe.

„Corelli“ traf Uwe Mundlos bei der Bundeswehr

Im Fall „Corelli“ beanstandete der Sonderermittler Montag jedoch, dass dieser für den Ku-Klux-Klan Mitglieder geworben hatte, darunter einen harten Neonazi aus Ostdeutschland. Montag sagte, das Anwerben von Rechtsextremisten durch einen V-Mann des Bundesverfassungsschutzes habe „ein Gschmäckle“. Andererseits gelte: „Wer im Dreck rühren muss, macht sich die Hände schmutzig.“

Was die Verbindung „Corellis“ zum NSU angeht, so steht eines außer Frage: 1995 trafen sich Thomas Richter und Uwe Mundlos während ihrer Bundeswehrzeit in einer Sanitätsstelle. „Corelli“ (der später den Kriegsdienst verweigerte) berichtete davon seinem Führungsbeamten beim Verfassungsschutz. Nach dem Tod der beiden mutmaßlichen Rechtsterroristen Mundlos und Uwe Böhnhardt im Jahr 2011 von seinem V-Mann-Führer nach dem Treffen mit Mundlos befragt, wollte oder konnte sich „Corelli“ nicht erinnern. Auch vom NSU will er nicht gewusst haben. Seine 1998 auf der Garagenliste vermerkte Telefonnummer war wohl schon damals nicht mehr aktuell. Sonderermittler Montag bilanziert: Das Umfeld „Corellis“ sei mit dem Umfeld der mutmaßlichen NSU-Mörder nur schwach verbunden. Es sei möglich, dass man sich im engen rechtsextremistischen Netzfeld zwar über den Weg gelaufen sei, doch gebe es keine Anhaltspunkte, dass „Corelli“ vom NSU als Terrorzelle wusste: „Ich würde nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, aber ich glaube nicht, dass „Corelli“ etwas verschwiegen hat.“

Thomas Richter, der in seinem ganzen Leben wenig mehr um sich hatte als Neonazis und Verfassungsschützer, starb im vergangenen Jahr mit 38 Jahren an Diabetes. Sein Tod löste die Spekulation aus, „Corelli“ sei – womöglich von staatlichen Stellen – aus dem Weg geräumt worden, weil er zu viel gewusst habe. Dazu sagte Sonderermittler Montag: „Es gibt nicht die geringsten Hinweise auf Fremdverschulden.“