Nürtingen/Esslingen Volle Klassenzimmer, ausgedünnte Kollegien

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Die Lehrkräfte an den Sonderschulen im Kreis Esslingen klagen über eine zu hohe Belastung. Ausfälle durch Krankheit oder Schwangerschaft können nicht mehr ausgeglichen werden.

Die Zahl der Schüler an der Bodelschwinghschule in Nürtingen ist stark gestiegen. Die Zahl der Lehrkräfte kann mit der Entwicklung nicht Schritt halten. Foto: Horst Rudel
Die Zahl der Schüler an der Bodelschwinghschule in Nürtingen ist stark gestiegen. Die Zahl der Lehrkräfte kann mit der Entwicklung nicht Schritt halten. Foto: Horst Rudel

Nürtingen/Esslingen - An den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren im Kreis Esslingen geht die Angst vor der kalten Jahreszeit um. „Die Situation ist angespannt. Wenn jetzt im Winter die große Erkältungswelle kommt, kann normaler Unterricht kaum noch gewährleistet werden“, sagt Ruben Ell, Lehrer an der Bodelschwinghschule in Nürtingen. Mit seiner Einschätzung ist er nicht alleine. Auch die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) läutet die Alarmglocken. „An keiner anderen Schulart ist der Mangel an Lehrkräften so hoch“, sagt David Warneck, der GEW-Kreisvorsitzende in Esslingen.

Das streitet Corina Schimitzek, die Leiterin des Staatlichen Schulamts in Nürtingen, gar nicht ab. „Wir haben schon im Sommer nicht alle Stellen besetzen können. Kommt es jetzt zu Ausfällen wegen Schwangerschaft oder Krankheit, dann können wir die nicht in angemessenem Umfang ersetzen“, sagt sie. Dass der an allen Schularten beklagte Mangel an Lehrkräften auf den Sonderschulbereich besonders durchschlägt, hat der Einschätzung der Schulamtsdirektorin zufolge ein ganzes Bündel an Gründen. „Im Jahr 2011/2012 ist die Zahl der Studienplätze stark reduziert worden. Die Auswirkungen spüren wir jetzt“, sagt sie. Schon nach der Einstellungsrunde im Sommer habe das Schulamt 14 Lehrkräfte zu wenig im Pool gehabt. Erschwerend komme hinzu, dass schwangere Kolleginnen wegen der höheren Belastung im Sonderschulbereich vom Arzt meist von Beginn der Schwangerschaft an mit einem Arbeitsverbot belegt würden.

Die Klassenzimmer werden immer voller

Während sich in den Lehrerzimmern immer größere Lücken auftun, werden die Klassenzimmer immer voller. Im Gegensatz zu den um 0,3 Prozent gesunkenen Schülerzahlen an den gewerblich, beruflich, kaufmännisch oder landwirtschaftlich ausgerichteten Landkreisschulen haben die Sonderschulen trotz aller Inklusionsbemühungen eine Steigerung um 4,5 Prozent zu verzeichnen.

An der Bodelschwinghschule in Nürtingen, an der Kinder und Jugendliche unterrichtet werden, die beim Lernen mehr Unterstützung benötigen, ist die Zahl sogar um 18,2 Prozent auf jetzt 169 gestiegen. Das ist zwar nach Einschätzung der Schulleiterin Barbara Andreas ein Ausreißer, der auf ungewöhnlich viele Zuzüge aus anderen Landkreisen zurückzuführen ist, passt aber ins Bild der langjährigen Entwicklung

„Wir gehen davon aus, dass der Trend zu höheren Schülerzahlen anhält“, sagt Corina Schimitzek. Vor allem auch, weil die Zahl der Kinder, die mit Schwer- und Mehrfachbehinderungen eingeschult werden, vom Auf und Ab der Geburtenraten und damit der demografischen Entwicklung weitgehend abgekoppelt ist. „Weil die Medizin immer größere Fortschritte macht, steigt auch die Lebenserwartung dieser Kinder“, sagt die Schulamtschefin. „Die können wir, wenn der Lehrer ausfällt, ja nicht einfach nach Hause schicken“, ergänzt David Warneck.

„Belastungsgrenze erreicht“

Im Bemühen, die Lücken zu schließen, gehen viele Lehrkräfte der Einschätzung der Gewerkschaft zufolge an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. „Weil die Zahl der langzeiterkrankten Lehrkräfte steigt, schleppen sich viele der Kollegen krank in die Schule. Andere verzichten aus Rücksichtnahme auf die ausgedünnten Kollegien schon auf Fortbildungen“, sagt der Gewerkschafter, für den eine Belastungsgrenze erreicht ist. „Unter der Situation leiden letztlich nicht nur die Lehrkräfte, sondern natürlich auch die Kinder und Jugendlichen“, sagt er.

Eine gute Nachricht hat die Schulamtschefin dann doch noch auf Lager. Alle Lehramtsanwärter können mit einer Einstellung rechnen. „Die ersten Ausschreibungen für das nächste Schuljahr laufen bereits“, sagt Corina Schimitzek.