Nürtingen Hinterm Horizont planscht die Tigerente

Von adt 

Panik-Rocker und Kinderbuchautor. Kann das passen? Es passt! In der Nürtinger Kreuzkirche öffnet am Samstag, 14. Januar, eine Ausstellung, die Werke von Udo Lindenberg und Janosch unter einem gemeinsamen Dach präsentiert.

Janosch (oben) und Udo Lindenberg nehmen, jeder auf seine Art,  Kurs auf Nürtingen. In der Kreuzkirche sind von Samstag an die Werke beider Künstler zu bewundern. Foto: Ines Rudel
Janosch (oben) und Udo Lindenberg nehmen, jeder auf seine Art, Kurs auf Nürtingen. In der Kreuzkirche sind von Samstag an die Werke beider Künstler zu bewundern. Foto: Ines Rudel

Nürtingen - Udo Lindenberg, der Panik-Rocker aus Hamburg, gilt als der selbsternannte Großmeister „höchster Coolness“. Dieses Etikett haftet Janosch, dem auf der Sonneninsel Teneriffa lebenden Kinderbuchautoren und Illustratoren, nicht unbedingt an. Auf der Suche nach einer griffigen Überschrift für die Ausstellung, die Werke beider Künstler im Doppelpack zeigt, haben die Nürtinger Veranstalter deshalb ganz weit ausholen müssen. Herausgekommen ist „Udo Lindenberg und Janosch: Hinterm Horizont geht’s weiter – Riesenparty für zwei Tiger“. Dieses Motto steht nun über der Bilderschau, die von Dienstag, 14. Januar, an rund 160 Kunstwerke der beiden Charakterköpfe unter dem Dach der ehrwürdigen Nürtinger Kreuzkirche vereint.

Mit einem bisschen Nachdenken ist der Nürtinger Oberbürgermeister Otmar Heirich dann doch auf weitere Gemeinsamkeiten der beiden Künstler gekommen, obwohl sie in der Außenwahrnehmung so grundverschieden wirken. „Beide scheuen sich nicht, politisch Stellung zu beziehen und auch kritische Töne in ihre Werke einfließen zu lassen“, so der Ratschef anlässlich der Präsentation der Ausstellung am Freitag. Dabei würden sie sich beide selbst nicht allzu ernst nehmen und eine distanzierte Gelassenheit ausstrahlen. „Diese zusätzlich mit einem hintergründigen Humor und Augenzwinkern garnierte Gelassenheit würde ich mir in diesen Tagen häufiger wünschen“, so Heirich.

Kunst für Anfassen, Kunst für alle

Die Botschaft, die aus den Bildern von Udo Lindenberg und Horst Eckert alias Janosch spricht, verbunden mit der Zugkraft beider Namen, sind für die Nürtinger Ausstellungsmacher aber auch ein Mittel zum Zweck. „Die Idee unserer Ausstellungsreihe ist es, auch Menschen, die sonst keinen oder nur schwer Zugang zur Kunst finden, den Weg zum Kunstgenuss zu ebnen“, sagt Heirich. Gemessen an der Zahl der schon jetzt fest gebuchten Führungen haben er und das für die Ausstellung verantwortlich zeichnende Amt für Stadtmarketing das Ziel schon erreicht. „Wir verzeichnen jetzt schon 250 Führungen, die Hälfte davon von Schulen und Kindergärten“, sagt Bärbel Igel-Goll, die seitens der Stadt für die Konzeption zuständig ist. Im Vorfeld hat sich die Verwaltung wieder auf die Sachkenntnis und die Beziehungen der Nürtinger Galeristin Brigitte Kuder-Broß gestützt, die den Ausstellungsmachern mit Rat und Tat zur Seite gestanden hat.

Allen Beziehungen und Bemühungen zum Trotz ist es den Nürtingern nicht gelungen, einen der beiden Protagonisten in die Stadt zu locken. „Mit Janosch waren wir uns beinahe schon einig, aber dann war es ihm hier doch zu kalt“, sagt Barbara Igel-Goll. Und Udo Lindenberg sei ohnehin unberechenbar. Selbst auf das persönliche Vorsprechen des Nürtinger Musical-Produzenten Frieder Kurz hin habe sich der ewig junge Altrocker nicht zu einer Zusage hinreißen lassen. Er plane sein Leben nicht so langfristig, so lautete die zentrale Botschaft aus Udo Lindenbergs Panik-Suite im Hamburger Astoria-Hotel.

Trotzdem ist Otmar Heirich zuversichtlich, dass das Duo Janosch/Lindenberg an die Erfolge der vorausgegangenen Doppelausstellungen anknüpfen kann. Mehr als 11 500 Zuschauer haben die Vorjahresausgabe mit Salvadore Dali und Joan Miró ebenso zu einem Publikumserfolg werden lassen, wie zuvor schon die „American Dreams“ der US-Künstler James Rizzi und Leslie G. Hunt. „Das bestärkt uns in unserem Konzept, mit der Ausstellungsreihe in der Kreuzkirche Kunst zum Anfassen zu bieten“, sagt der Oberbürgermeister.

Der Markt ist leergefegt

Anfassen sollte man die Kunstwerke zwar nicht, aber käuflich zu erwerben sind sie schon, wenn auch nicht alle. „Bei Lindenberg mussten wir auf eine Reihe von Leihgaben zurückgreifen. Da ist der Markt ziemlich leer gefegt“, sagt Brigitte Kuder-Broß. Das liege auch daran, dass der Musiker nur zum Pinsel greife, wenn ihm danach ist – vorzugsweise, um sich nach einem Konzert wieder zu sammeln. Entsprechend finden sich bei seinen Motiven auch viele Querverweise zu seinen Erfolgstiteln. Bei den Bildern wie „No Panik“, „Sie spielte Cello“ oder „Hinterm Horizont“ hat der Lindenberg-Fan gleich die dazu passenden Melodien im Ohr.

Wer die Bilder und ihre Titel aufmerksam studiert, wird über eine weitere Gemeinsamkeit der beiden Künstler stolpern. Während sich Udo Lindenberg „cool im Pool“ gibt, hat Janosch seinem im Tigerkostüm an einem Geländer lehnenden Herrn Wondrak die Worte „cool in der Sonne“ in den Mund gelegt. Wer von beiden nun cooler ist – Lindenberg, der sich wie immer selbst inszeniert und mit einer nackten Schönheit in der Wanne planscht, oder Janoschs Wondrak mit der unverzichtbaren Tigerente an der Leine – muss der Betrachter für sich entscheiden.