Nürtingen Jiri Dolejs, beerdigt im Juni 1943

Von  

Jahrzehntelang war das Interesse an den russischen Zwangsarbeitern der NS-Zeit erloschen. Nun hat man die Identität bisher unbekannter Opfer auf dem Alten Friedhof geklärt. Für die parkähnliche Anlage wird ein Gestaltungskonzept gesucht.

Neben dem Industriellen Paul Jenisch liegen die Gräber der Zwangsarbeiter Karlis Bremanis und Ernesto Zants. Foto: Horst Rudel
Neben dem Industriellen Paul Jenisch liegen die Gräber der Zwangsarbeiter Karlis Bremanis und Ernesto Zants. Foto: Horst Rudel

Nürtingen - Karlis Bremanis, Jiri Dolejs, Alexander Dub, Masur Michtod, Afanasij Sinjepolskij und Ernesto Zants: das sind die Namen der bis zuletzt noch unbekannten ehemaligen Zwangsarbeiter, die zwischen 1943 und 1945 auf dem Alten Friedhof in Nürtingen beerdigt worden sind. Ihre Gräber sind inzwischen lokalisiert, und so wie diese Ruhestätten sind nun auch die anderen „Russengräber“ mit den sterblichen Überresten von Fedor Karpenko, Elena Nowrozkaja, Pawel Nesterez, Dimitrios Pandelitis und Irina Dolgopjata hergerichtet: Tafeln mit Namen und Daten erinnern an die Opfer des NS-Regimes, deren Schicksal die Öffentlichkeit 70 Jahre lang weitgehend ausgeblendet hat.

Zum Sterben werden Zwangsarbeiter abgeschoben

Die Namen der Verstorbenen, die zum großen Teil aus Russland, aber auch aus Lettland und Bulgarien stammten, stehen stellvertretend für die Zwangsarbeiter, die während des Zweiten Weltkriegs in Nürtinger Firmen ausgebeutet worden sind. Wie viele Arbeitssklaven tatsächlich eingesetzt wurden, ist nicht bekannt. Wie Steffen Seischab in der vom Nürtinger Stadtarchivar Reinhard Tietzen herausgegebenen Chronik „Nürtingen 1918–1950“ aber schreibt, setzten im letzten Kriegsjahr 21 Nürtinger Betriebe Zwangsarbeiter ein. Wie viele von ihnen als Folge davon ihr Leben verloren, sei schwer zu sagen. Denn schwer kranke „Ostarbeiter“ sind Seischab zufolge aus Nürtingen „in der Regel frühzeitig abgeschoben worden, sodass der Tod zumeist andernorts erfolgte“.

Lange Zeit wussten die Nürtinger zwar um die Existenz der „Russengräber“, doch für die Namen und die persönlichen Geschichten dieser Zwangsarbeiter interessierte sich kaum jemand. In einer Gemeinschaftsaktion haben nun Sigrid Emmert vom Schwäbischen Heimatbund, Manuel Werner von der Gedenkinitiative für die Opfer und Leidtragenden des Nationalsozialismus in Nürtingen und das Stadtarchiv den Schleier des Vergessens gelüftet. Der Alte Friedhof, der ein Spiegel der Vergangenheit ist, gibt damit einen Blick frei auf ein erschreckendes und trauriges Kapitel der Nürtinger Stadtgeschichte.

Monumente für gefallene Soldaten und zivile Opfer

Die frisch gekennzeichneten und bepflanzten „Russengräber“ stehen in deutlichem Kontrast zum Gedenken an die deutschen Soldaten auf dem Alten Friedhof. Ein Ehrenfeld mit Obelisk hält die Erinnerung wach an die Teilnehmer am Deutsch-Französischen Krieg in den Jahren 1870 und 1871. Ein Ehrenhof mit Gräberfeld steht im Gedenken an die Soldaten des Ersten Weltkriegs. Schließlich gibt es eine von Fritz Ruoff gestaltete Stele für die – auch zivilen – Opfer des Zweiten Weltkriegs.

Erinnerung an die Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkriegs Foto: Ines Rudel

Eindrucksvolle Grabmale erinnern zudem an prominente Nürtinger Unternehmerfamilien wie die Ottos, die Melchiors oder die Jenischs. In direkter Nachbarschaft zu Paul Jenisch befinden sich die Gräber von Karlis Bremanis und Ernesto Zants. Vom Heimatbund stammen die provisorischen Namensschilder, die durch Grabplatten und Gedenksteine ersetzt werden sollen. Wie diese dauerhafte Lösung für die „Russengräber“ aussehen wird, ist aber noch nicht entschieden.

Heimatbund setzt sich für Erhaltung des Friedhofs ein

„Unser Ziel ist es, den Alten Friedhof als kulturelles Gedächtnis der Stadt zu erhalten“, sagt Sigrid Emmert. Zwar wurde der Friedhof 1987 als Gesamtensemble und durch die Kennzeichnung bedeutender Steine unter Denkmalschutz gestellt, doch unter anderem setzt die Luftverschmutzung den Monumenten zu. Das gilt auch für die 27 in die West- und die Nordmauer eingelassenen Grabplatten. Diese Epitaphe waren 1839 vom Kirchhof an der Kreuzkirche zum damals neuen – und heute alten – Friedhof verlegt worden.

In Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung will der Heimatbund auch ein didaktisches Konzept für den Alten Friedhof erstellen. Angedacht ist unter anderem ein kleiner Führer, der Besuchern der parkähnlichen Anlage diesen Erinnerungsort auch wirklich zugänglich macht.